Auch im Tod noch ganz nah
Wenn die Asche der Frau plötzlich im Puppenregal steht
Weil es ihr letzter Wunsch war, steht die Urne mit der Asche seiner Ehefrau nun im Puppenregal von Günter Link aus St. Goar.
Weil es ihr letzter Wunsch war, steht die Urne mit der Asche seiner Ehefrau nun im Puppenregal von Günter Link aus St. Goar.
Lara Kempf

Lokaljournalismus heißt nicht nur, über positive Ereignisse zu berichten, sondern ebenso, sich emotional schwierigen Themen zu stellen. Dazu gehört auch der Tod – eine Erfahrung, die Lara Kempf bei der Begegnung mit Günter Link aus St. Goar machte.

Lesezeit 3 Minuten

Politik, Verkehr, Menschen: Als Journalist begegnen einem die unterschiedlichesten Themenkomplexe, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Neben vielen wiederkehrenden Geschichten sind oft aber auch solche dabei, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. So ging es mir Anfang 2026, als ich Günter Link aus St. Goar kennenlernte.

Schon als sich der 80-Jährige mit seinem Anliegen bei unserer Zeitung meldete, machte sich ein mulmiges Gefühl in mir breit: Es ging um das Thema Tod. Klar, es gehört in unserem Beruf dazu, sich auch mit emotional herausfordernden Themen zu beschäftigen, so ist das eben. Wenn es dann aber soweit ist, löst der erste Kontakt zu der Thematik oft etwas Nervosität aus.

Lara Kempf
Lara Kempf
Kevin Rühle/MRV. MRV

Günter Link schrieb, dass seine Frau, Irene Link, nach längerer Krankheit kürzlich gestorben sei. Aufgrund des neuen rheinland-pfälzischen Bestattungsgesetzes hatte sie entschieden, dass sie nicht – wie ursprünglich geplant – in einem Friedwald beigesetzt werden wollte. Vielmehr sollte ihre Urne nach ihrem Tod zu Hause, in ihrem geliebten Puppenregal, stehen. Da das neue Gesetz die Aufbewahrung der Asche zu Hause ermöglicht, habe er seiner Frau ihren letzten Wunsch erfüllt. Ihre Urne stehe nun im gewünschten Puppenregal.

Was für eine Geschichte. Schon beim Lesen seiner Worte bekam ich Gänsehaut. Doch natürlich war ich – das bringt der Beruf eben mit sich – auch neugierig. Also nahm ich Kontakt zu ihm auf und besuchte ihn zu Hause, um mir selbst ein Bild von der Situation zu machen.

Tränen begleiteten das Gespräch

Als ich an der Haustür von Günter Link klingelte, pochte mein Herz. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf: „Wie wird er auf mich reagieren?“, „Ist er überhaupt schon bereit, über seinen Verlust zu sprechen?“, „Wie starte ich das Gespräch am besten?“ Nachdem er mir die Tür geöffnet und mich hereingebeten hatte, ergab sich jedoch alles von selbst.

Der 80-Jährige erzählte mit bemerkenswerter Offenheit. Von seiner geliebten Frau, ihrem Leidensweg und ihrem Wunsch, ihm auch nach ihrem Tod noch ganz nah zu sein. In jedem seiner Worte spürte man, wie sehr er seine Frau noch immer liebte. Es flossen einige Tränen und es gab Momente der Stille. Wir redeten lange. Schließlich zeigte er mir die besagte Urne, die nun ihren Platz im Puppenregal gefunden hat. Seine Stärke beeindruckte mich.

Auf dem Heimweg dachte ich noch lange über unser Gespräch und das, was ich gesehen hatte, nach. Wie sollte ich diesem emotionalen Thema bloß mit einem Artikel gerecht werden? Es war einer dieser Artikel, der mir nicht so leicht von der Hand ging. Ich saß länger daran als gewöhnlich. Als ich ihn jedoch endlich fertig geschrieben hatte und er erschienen war, sprach ich danach noch einmal mit Günter Link. Er bedankte sich und sagte mir, dass ihm der Artikel sehr gefallen habe. Ich war erleichtert. Das war für mich einer dieser Momente, den ich in meinem Berufsleben sicher so schnell nicht vergessen werde.

Die Autorin

Lara Kempf ist Jahrgang 1998 und hat in Siegen Literaturwissenschaften studiert. Während ihres Studiums hat sie bereits als freie Mitarbeiterin für die Westerwälder Zeitung gearbeitet. Nach Abschluss des Studiums hat sie im Juli 2023 ihr Volontariat bei der Rhein-Zeitung begonnen und zwei Jahre später, im Juli 2025, erfolgreich abgeschlossen. Seitdem ist sie als Redakteurin im Redaktionsverbund Mittelrhein-Hunsrück tätig, wo sie sich vorrangig um Themen aus dem schönen Rhein-Hunsrück-Kreis kümmert. Journalistin ist sie geworden, weil sie es wichtig findet, die Menschen täglich zu informieren – über positive sowie negative Ereignisse. Außerdem begeistert sie, dass der Beruf einen Einblick in zahlreiche verschiedene Themenfelder ermöglicht und man dadurch jeden Tag neue Dinge lernt.

Ressort und Schlagwörter

80 Jahre Zeitgeschichte

Top-News aus der Region