Es sollte ein lustiger Wettbewerb werden. Doch stattdessen wurde der Pfingstsonntag 1995 zu einem schrecklichen Unglückstag: Bei einem Massen-Tauziehen mit 600 Kindern und Jugendlichen im Pfadfinder-Zeltlager in Westernohe (Westerwaldkreis) riss das Seil und peitschte in die Menge. Zwei zehnjährige Wölflinge aus Koblenz kamen ums Leben. Mehr als 100 junge Menschen wurden verletzt. Und für mich wurde das Unglück eins der schlimmsten Erlebnisse in meinem Journalistenleben.
Ich hatte an diesem Tag den letzten Wochenenddienst bei „meiner“ Westerwälder Zeitung, bevor ich in die Volontärsausbildung nach Koblenz wechselte. Da kam der Anruf vom Kollegen Stefan Nitz: „Wir müssen nach Westernohe. Im Pfadfinderlager ist bei einem Tauziehen ein schreckliches Unglück passiert. Mindestens ein Kind soll ums Leben gekommen sein.“

Wir fuhren schnell in den Hohen Westerwald, Stefan wollte zur Pressekonferenz ins Bundeszentrum der Pfadfinder, ich sollte mich in Westernohe, wo die Einsatzzentrale eingerichtet worden war, um Informationen und vor allem Fotos kümmern. Schon bei der Anfahrt ging es mir nicht aus dem Kopf: „Wie können denn bei einem Tauziehen Menschen sterben?“
Zu dieser Zeit war ich seit Jahren als Gruppenleiter im Jugendrotkreuz aktiv und hatte bei Zeltlagern jede Menge Tauzieh-Wettbewerbe durchgeführt. Wir hatten in unserer Ausrüstung ein Tauziehseil aus Hanf, mit dem wir schon einen Wettstreit mit einem Traktor gewonnen hatten. Vorerst war mir das Ganze unbegreiflich.
Hubschrauber-Besatzung ins Lager gefahren
Als wir in Westernohe ankamen, waren die Schwerverletzten in Kliniken gebracht und die Leichtverletzten mit Verbänden versorgt worden. An den Unglücksort und das Lager kam man nicht mehr so einfach heran. Wo sollte ich also Fotos machen? Da kam mir der Zufall zu Hilfe: Unser DRK-Notarzt bat mich, die Besatzung des Bundeswehr-Helikopters zu ihrer Maschine zurückzubringen. Dadurch war ich wenige Minuten später mitten im Pfadfindergelände und hatte auch Zugang zum Unglücksort, an dem Pfadfinder gerade Blumen für den unmittelbar getöteten Wölfling niederlegten.
Bei dieser berührenden Szene gab es außer mir nur noch einen Beobachter, der sich als Fotograf der „Bild“-Zeitung zu erkennen gab, aber entgegen jedem Klischee ebenfalls sehr zurückhaltend arbeitete. Schwierig waren die Recherche und das Fotografieren im Lager. Fast überall hatten sich Gruppen von Pfadfindern versammelt, von denen viele Verbände an den Händen hatten.
Schnell Zugang zu Jugendlichen gefunden
Und es herrschte große Verunsicherung: Soll man überhaupt mit einem Reporter – natürlich gab ich mich zu erkennen – reden? Als langjähriger Jugendgruppenleiter fand ich aber dann recht schnell Zugang zu den Jugendlichen, die wahrscheinlich auch froh waren, über das vor wenigen Stunden Erlebte einfach mal reden zu können.
Ziemlich aufgewühlt fuhr ich zurück nach Montabaur, um meine Fotos zu entwickeln und meinen Bericht zu schreiben. Ich wurde einfach die Frage nicht los, ob mir bei meiner Arbeit im JRK nicht das Gleiche wie den Pfadfindern hätte passieren können.
Koblenz/Westernohe. Es sollte ein großer Spaß, ein lustiger Wettbewerb werden. Doch stattdessen wurde der Pfingstsonntag vor 25 Jahren zu einem schrecklichen Unglückstag: Beim Tauziehen mit rund 600 Kindern und Jugendlichen im Zeltlager in Westernohe (Westerwaldkreis) riss das Seil und peitschte in ...
Vor 25 Jahren im Westerwaldkreis: Gerissenes Seil tötet zwei Jungs aus Koblenz
Der Autor
Für Markus Müller (Jahrgang 1959) schließt sich mit dieser Geschichte auch beruflich ein Kreis: Im Juni 1995 waren es nur noch wenige Tage, in die Festanstellung bei der RZ wechselte. Jetzt sind es nur noch wenige Tage, bis seine Festanstellung am 30. Juni endet. Müller lernte Krankenpfleger in Dernbach und studierte in Gießen Ökotrophologie. Der Westerwälder kam vor fast genau 50 Jahren zu unserer Zeitung, für die er dann einige Jahre als freier Mitarbeiter aus seiner Heimatregion berichtete. Nach seinem Volontariat war er seit 1998 für die Westerwälder Zeitung tätig und sammelte einige Jahre auch Erfahrungen als Berufsschullehrer. Mitte 2011 übernahm er die Redaktionsleitung im Westerwaldkreis. 2023 ist er als Reporter an die Wurzeln zurückgekehrt. Darum ist er Journalist geworden: „Weil ich von Anfang an gern über die Menschen meiner Heimat und ihre Anliegen berichten wollte und mir ihre vielfältigen Themen am Herzen liegen. Und ich konnte mein Hobby zum Beruf machen.“


