Selbst ein stabiler Diebstahlschutz ist manchmal nicht gut genug. Für diese recht banale Erkenntnis liefert die Geschichte vom Raub der Kardener Madonna ein beredtes Beispiel. Besonders im Gedächtnis des Autors ist sie jedoch haften geblieben, weil ein Lokaljournalist selten über international agierende und gesuchte Kunstdiebe schreibt. Und weil im Laufe der Recherche schnell deutlich wurde: Diese Story ist nicht nur kriminell spannend, ihr wohnt viel Wundervolles inne – egal, ob man nun an die Existenz höherer Mächte glaubt oder nicht.
Den Anruf, den er schon längst nicht mehr für möglich hält, bekommt Hermann-Josef Flöck, Pfarrer der Kardener Pfarrei Sankt Castor und Gefährten, am 13. Februar des Jahres 2019: Am anderen Ende der Leitung ist das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden: „Wir haben Ihre Madonnenfigur“, heißt es. Die Rede ist von einer hölzernen Muttergottesstatue mit Jesuskind. Ein Dieb hatte sie gut zwei Jahre zuvor aus dem Reliquienschrein des heiligen Castor in der früheren Stiftskirche herausgebrochen. Seither war sie verschwunden.

Der 13. Februar ist jedoch nicht irgendein Tag, sondern der Gedenktag des Schutzheiligen der Kirche am Moselufer, die von Einheimischen liebevoll „Kardener Dom“ genannt wird. Und an diesem Tag nimmt der Reliquienschrein, in dem sich noch Gebeine des Heiligen befinden sollen, eine besondere Rolle ein: In einer Prozession wird er durch die Reihen der Gläubigen in der Kirche getragen. Pastor Flöck nennt diese scherzhaft „Castortransport“.
Vom Tag des Anrufs bei Flöck an dauert es noch zwei Jahre, bis die gestohlene Muttergottes wieder an einem solchen „Castortransport“ teilnimmt. Grund: Bis Anfang November 2020 wird sie noch als Beweismittel benötigt – im Zusammenhang mit einem Verfahren gegen den international bekannten Kunstdieb Stéphane Breitwieser. Kartonweise hatten Fahnder diese im Februar 2019 aus Breitwiesers Wohnung im französischen Marmoutier geholt. So beschrieb es eine Kollegin der „Badischen Zeitung“.

Vor Gericht gibt der Dieb an, sich jeweils in die Objekte seiner kriminellen Begierde „verliebt zu haben“. Ja, es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie Breitweiser irgendwann vor dem 1. Februar 2017 die Muttergottesfigur im Reliquienschrein der Kardener Kirche anhimmelte. Ihr Lächeln ist unnachahmlich und bezaubernd. Schwieriger dürfte es da gewesen sein, die herausgebrochene Holzfigur durch die Bögen einer schützenden Tumba aus Stahl zu fingern, die den Schrein aus dem späten 15. Jahrhundert schon zum Zeitpunkt Diebstahls umgab.
Heute wehrt zusätzlich ein Glasgehäuse kriminelle Gelüste notorischer Kleptomanen ab. Bewundernswert ist die Schönheit des Schreins und der kleinen Muttergottesfigur nach wie vor. Ist die Geschichte ihrer sicheren Rückkehr nicht wundervoll? Ebenso wie folgende Tatsache: Eine kleine Statue, vor mehr als 500 Jahren geschaffen, bedeutet Menschen immer noch viel – nicht nur wegen ihres bezaubernden Lächelns.
Karden/Offenburg. Erst seit Februar ist die im Jahr 2017 aus einem Reliquienschrein der ehemaligen Stiftskirche St. Castor zu Karden gestohlene Madonna mit Jesuskind wieder zurück an ihrem Platz.
In Antiquitäten verliebt und dann gestohlen: Kardener Madonnendieb bekommt Bewährungsstrafe
Der Autor
David Ditzer, Jahrgang 1978, trat schon sein Magisterstudium an der Universität Siegen (Fächer: Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft) mit dem Ziel an, Journalist zu werden. Während des Studiums (1998 bis 2003) arbeitete er als freier Mitarbeiter für die Lokalredaktion Lennestadt (Kreis Olpe) der „Westfalenpost“. Den Magisterabschluss in der Tasche, bewarb er sich im Sommer 2003 um einen Platz im Masterstudiengang Journalismus an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Im Jahr 2005 beendete er es mit einem Masterabschluss. Auf ein kurzes Intermezzo in der Öffentlichkeitsarbeit folgte im Juli 2006 die Rückkehr zur Tageszeitung. Bei der Rhein-Zeitung absolvierte er von Juli 2006 bis Juni 2008 ein Volontariat in der Lokalredaktion Cochem, wo er danach fortan als Redakteur und Reporter tätig war. Heute ist er als Chefreporter Mitglied im Leitungsteam des Redaktionsverbundes Rhein-Mosel, wobei er sich dem Kreis Cochem-Zell nach wie vor in besonderer Weise verbunden fühlt.


