„Ich bin groß, tätowiert und habe eine Glatze. Sie werden mich erkennen“, beschrieb sich mein Gesprächspartner vor unserem Treffen. Der Mann, der für den Artikel Finn Müller hieß, hatte zwei Jahre zuvor den Maßregelvollzug der Klinik Nette-Gut nach einer erfolgreichen Therapie einer Sucht- und Persönlichkeitsstörung verlassen. Seiner Selbstbeschreibung als stereotypem Ex-Knacki stand das freundliche und überlegte Auftreten des Mannes entgegen, der mich mit einem Paket Schokoladenmilch und einer Tüte vom Bäcker in der Hand vor seiner Wohnung begrüßte.
Unser Gespräch fand vor dem Hintergrund einer heftigen Debatte um eine Wohngruppe für Patienten aus dem Maßregelvollzug in Saffig (Kreis Mayen-Koblenz) statt. In dieser Wohngruppe der psychiatrischen Klinik der Barmherzigen Brüder Saffig sollten Menschen, die wegen einer psychischen Erkrankung straffällig geworden waren, den letzten Schritt ihrer Wiedereingliederung absolvieren, die sogenannte Beurlaubung. In Saffig führte das zu Sorgen und teils heftigem Widerstand bei Bürgern, nicht zuletzt vertreten durch die Bürgerinitiative Sicheres Saffig.

Müller lebte in der Region und es störte ihn, wie in der Debatte über Forensik-Patienten gesprochen wurde. Er wandte sich mit einem Leserbrief an uns. Nach einigen Mails erklärte er sich bereit, anonym über sein Leben, seine Erfahrungen und seine Perspektive auf die Debatte zu sprechen. „Es fühlt sich scheiße an. Ich habe das Gefühl, sie wollen mich brandmarken“, sagte er über die Diskussion. Jeder habe eine zweite Chance verdient, vor allem diejenigen, die aufgrund einer Krankheit straffällig geworden sind.
Er beschrieb ein Leben als geprägt von Alkohol- und Drogensucht sowie Beschaffungskriminalität. Mehrfach habe er versucht, selbst von den Drogen wegzukommen. „Das hielt nur ein paar Tage. Spätestens mit dem nächsten Rausch legte sich das Gefühl wieder.“ Wiederholt stand er vor Gericht, doch Gefängnisstrafen waren für ihn reines Zeitabsitzen. Schließlich wurde er wegen schweren Raubes verurteilt und seine Unterbringung für eine Entziehung in der Klinik Nette-Gut nach dem Maßregelvollzugsgesetz angeordnet. Anfangs habe er sich gegen die Therapie gesträubt, später erkannte er darin den Beginn seines neuen Lebens.
Er war einst straffällig und süchtig. Jetzt wünscht er sich nach erfolgreicher Therapie Akzeptanz und Verständnis für ehemalige Patienten der Klinik Nettegut. „Jeder verdient eine zweite Chance“, betont er.
Ex-Nettegut-Patient äußert sich zu Saffig-Debatte
Dabei hatte er auch Verständnis für die Sorgen der Menschen in Saffig. Doch die Hürden, die er für seine Wiedereingliederung und die auch die potenziellen Bewohner der Wohngruppe bis zu diesem Punkt überwinden müssten, seien hoch und würden dabei ständig überwacht. Sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren, sei ohnehin schon schwierig. Da helfe es nicht, wenn Menschen wie er in der Debatte als „böse“ und „gefährlich“ abgestempelt würden. Das sei nicht nur falsch, sondern auch blauäugig, meinte Müller damals: „Es leben seit Jahren ehemalige Nette-Gut-Patienten in der Bevölkerung – auch in Saffig.“
Das Projekt in Saffig wurde schließlich aufgegeben. Doch für mich war es damals wichtig, dass auch Müllers Perspektive gehört wurde.
Der Autor
Justin Buchinger, 33 Jahre alt, begann sein Berufsleben mit einer Ausbildung zum Brauer und Mälzer. Im Anschluss absolvierte er ein Studium der Politikwissenschaft und Publizistik in Mainz. Neugierde und der Wunsch, Einblicke in möglichst viele Themen zu erhalten, brachten ihn schließlich zum Journalismus. Nachdem er erste Erfahrungen im Hörfunk gesammelt hatte, begann er 2023 ein Volontariat bei der Rhein-Zeitung und durchlief verschiedene Redaktionen und Abteilungen. Mittlerweile ist er als Redakteur Teil des Redaktionsverbundes Rhein-Ahr und berichtet vornehmlich zu Themen und Ereignissen aus dem Kreis Neuwied, insbesondere den Verbandsgemeinden Rengsdorf-Waldbreitbach, Dierdorf und Puderbach.


