Montabaur im Fokus
Germanwings-Absturz ließ auch Reporter um Worte ringen
Ende März 2015 belagerten Reporter aus aller Welt das Elternhaus von Andreas Lubitz in Montabaur. Für die Menschen im Westerwald
Ende März 2015 belagerten Reporter aus aller Welt das Elternhaus von Andreas Lubitz in Montabaur. Für die Menschen im Westerwald war das Unglück ein einschneidendes Ereignis in vielerlei Hinsicht.
Archiv/Sascha Ditscher. Sascha Ditscher/Archiv

Zum Reporterleben gehören Katastrophen, Unglücke und Verbrechen dazu. Doch nur selten sind sie von einem solchen Ausmaß wie der Germanwings-Absturz im Jahr 2015 in den französischen Alpen – ein Ereignis, bei dem selbst Journalisten um Worte rangen.

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In meinen fast drei Jahrzehnten bei der Westerwälder Zeitung habe ich nur einmal erlebt, dass sich die Weltpresse für meine Heimatregion interessierte – und es war ein sehr tragischer Anlass. Der Absturz eines Germanwings-Flugzeugs im März 2015 in den französischen Alpen wurde vom Co-Piloten der Maschine absichtlich herbeigeführt. In den Tagen danach sollte in Montabaur die Frage beantwortet werden, wie es dazu kommen konnte. In der Westerwälder Kreisstadt war Andreas Lubitz aufgewachsen und zur Schule gegangen. Beim örtlichen Luftsportclub hatte er seine Leidenschaft fürs Fliegen entdeckt.

Als ein Vertreter der französischen Staatsanwaltschaft zwei Tage nach dem Unglück den Namen und Wohnort des Co-Piloten im Fernsehen nannte, rückte die Westerwälder Kleinstadt in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Heerscharen von Reportern fielen in die Stadt ein, um mehr über den Mann zu erfahren, der für den Tod von 150 Menschen verantwortlich sein soll. Kamerateams belagerten tagelang Lubitz’ Elternhaus, seine ehemalige Schule und das Vereinsgelände des LSC Westerwald. Alle waren auf der Suche nach einem Schnipsel an exklusiver Information – ganz egal, wie belanglos diese auch sein mochte.

Thorsten Ferdinand stammt aus der Verbandsgemeinde Montabaur und berichtet seit rund 25 Jahren aus seiner Heimatregion.
Thorsten Ferdinand stammt aus der Verbandsgemeinde Montabaur und berichtet seit rund 25 Jahren aus seiner Heimatregion.
Kevin Rühle

Von der Lokalpresse erwarteten damals viele, dass sie mehr weiß als andere. Immer wieder kamen ausländische Reporter bei ihren Recherchen auch direkt auf uns zu. Das weltweite Informationsbedürfnis war nach dieser unfassbaren Tat riesig. Doch uns dämmerte schnell, dass die Menschen in Montabaur die vielen offenen Fragen nicht beantworten konnten. Was sollte jemand, der vor zehn Jahren mit Andreas Lubitz zur Schule gegangen war oder ihn aus dem Vereinsleben kannte, zur Aufklärung beitragen, wenn selbst Ärzte und Psychologen diese Tat nicht vorhersehen konnten?

Über das Privatleben des Toten zu spekulieren, erschien uns unangemessen. Und deshalb entschieden wir uns, nur über gesicherte Fakten zu berichten und uns nicht an der Sensationssuche zu beteiligen, auch aus Rücksichtnahme auf die Angehörigen der drei jungen Opfer aus dem Raum Westerburg, die als Fluggäste in der Maschine ums Leben kamen. Mehr als zehn Jahre später bin ich noch immer froh, dass wir damals nicht alles mitgemacht haben. Von Lubitz’ Bestattungstermin wussten wir vorab, aber wir beließen es bei einer kurzen Meldung nach dem Begräbnis, um keinen erneuten Medienansturm in Montabaur auszulösen und den Angehörigen einen möglichst würdevollen Abschied zu ermöglichen.

Unser Eindruck war, dass im Westerwald niemand internationale Aufmerksamkeit für ein paar Minuten zweifelhaften Ruhms erlangen wollte. Leute, die Andreas Lubitz persönlich kannten, entschieden sich, zu schweigen, um das ohnehin schon unfassbare Leid aller Betroffenen nicht noch weiter zu verstärken. Die Tage nach dem Flugzeugabsturz werden mir auch deshalb immer in Erinnerung bleiben, weil sie gezeigt haben, dass Schweigen in Momenten großer Tragik die beste Wahl sein kann.

Der Autor

Thorsten Ferdinand, Jahrgang 1978, ist gebürtiger Westerwälder. Nach seinem Abitur am Mons-Tabor-Gymnasium in Montabaur studierte er an der LMU München Kommunikationswissenschaft, Recht und Psychologie. Auf den Magister-Abschluss folgte ab 2005 ein Volontariat bei der Rhein-Zeitung, für die er bereits seit 2000 als freier Mitarbeiter tätig war. Nach einigen Jahren in Altenkirchen war er ab 2010 als Redakteur der Westerwälder Zeitung tätig und von 2014 bis 2022 stellvertretender Redaktionsleiter der Ausgabe F. Seit November 2024 ist er, nach einem Abstecher in die PR-Branche, wieder als Redakteur unserer Zeitung im Westerwald unterwegs.

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