Ich will ehrlich sein: Vor dem 18. April 2024 habe ich in meinen Leben noch nie etwas von der Ortsgemeinde Harschbach gehört. Doch seit diesem Tag verbinde ich mit dem 400-Seelen-Ort in der Verbandsgemeinde Puderbach den erfolgreichen Überlebenskampf von Eselin „Florie“ gegen einen herumwandernden Wolf aus Sachsen-Anhalt. Schwer verletzt hatte das damals siebenjährige Huftier den nächtlichen Angriff des Raubtiers überlebt.
Die Familie des Eselhalters hatte „Florie“ am nächsten Morgen auf ihrer Weide zitternd und mit einer klaffenden Fleischwunde am hinteren rechten Schenkel entdeckt. Sie kontaktierte einen Tierarzt und auch unsere Zeitung. Fotos von dem sichtlich geschwächten Esel und der tiefen Bisswunde erreichten unsere Redaktion per E-Mail. Beim ersten Blick war für mich als Tierfreund klar, dass keiner von „Flories“ Artgenossen hier zugelangt hatte. Es musste sich um einen bisswütigen Hund oder einen Wolf handeln.

Schnelligkeit ist an diesem Tag gefragt
Ich ließ an diesem Tag alles stehen und liegen und fuhr sofort nach Harschbach, denn diese ungewöhnliche Geschichte musste unbedingt zu allererst in unserer Zeitung erscheinen, bevor andere Medienhäuser darauf aufmerksam werden würden. An der Weide traf ich auf die Familie des Huftierhalters und den Tierarzt. Mit vereinten Kräften versuchten die Familienmitglieder gerade die vor Schmerz tiefatmende Eselin zu stützen, damit der Arzt die Behandlung unter freiem Himmel durchführen konnte.

Von diesem bewegenden Moment machte ich einige Foto- und Videoaufnahmen, denn Bilder sagen mehr als Worte. Die wichtigsten Informationen zu „Florie“ erhielt ich in einem Telefonat mit dem emotional aufgewühlten Eselhalter, der zu diesem Zeitpunkt in Südeuropa Urlaub machte.
Wolf identifiziert und Esel wieder auf den Beinen
Ein paar Tage nach dem Vorfall bestätigte sich der Anfangsverdacht: Die vom Koordinationszentrum Luchs und Wolf (Kluwo) in die Wege geleitete DNA-Analyse ergab als Treffer einen Wolfsrüden aus dem Rudel der Glücksburger Heide – etwa 500 Kilometer von Harschbach entfernt.
Große Aufregung in der 400-Seelen-Gemeinde Harschbach: In der Nacht auf Donnerstag ist ein Esel auf einer Weide von einem Tier angefallen und verletzt worden. Ob es sich dabei um einen Wolf oder einen herumstreunenden Hund handelt, ist derzeit noch unklar.
Wolfsangriff auf Esel „Florie“ in Harschbach? DNA-Analyse soll Aufschluss geben
Auch für das Kluwo war die Attacke in Harschbach ein Novum: In Rheinland-Pfalz war zuvor noch nie ein Esel von einem Wolf verletzt worden. Da Esel keine Fluchttiere sind, werden sie versuchsweise sogar als Herdenschutztiere für die Haltung von Rindern, Schafen und Ziegen eingesetzt. Eindringlinge wie der Wolf werden dann im Optimalfall mit Tritten und Bissen von den Eseln verscheucht. Doch Fälle in Brandenburg und in der Schweiz zeigen, dass Esel durchaus von Wölfen getötet werden. Eselin „Florie“ aus Harschbach hatte jedoch Glück im Unglück: Die tiefe Wunde war nach kurzer Zeit wieder verheilt. Wie es der Eselin heute geht, ist unserer Zeitung leider nicht bekannt.
Ein paar Monate später sorgte der Wolfsrüde mit der Kennung GW2252 erneut für Schlagzeilen: Das Kluwo gab nämlich bekannt, dass er zusammen mit einer Fähe aus dem Leuscheider Rudel bereits im Jahr 2023 für Nachwuchs gesorgt hatte. Nun gibt es also auch ein Puderbacher Wolfsrudel, das jedoch nicht nur für Begeisterung sorgt.
Ein Wolfsrudel hat sich in der VG Puderbach angesiedelt. Puderbachs VG-Bürgermeister Volker Mendel und Markus Mille, Geschäftsführer des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Nassau, äußern ihre Bedenken.
Puderbacher Wolfsrudel sorgt im Westerwald für Aufsehen: VG-Bürgermeister erfährt es erst aus den Medien
Der Autor
Daniel Dresen (36) ist seit Januar 2023 Redakteur bei der Rhein-Zeitung. Im Redaktionsverbund Rhein-Ahr berichtet er über spannende Themen im Kreis Neuwied – inzwischen mit lokalem Schwerpunkt auf den Verbandsgemeinden Asbach, Unkel, Linz und Bad Hönningen. Zu seinen vorherigen beruflichen Stationen zählen die „Saarbrücker Zeitung“, der Saarländische Rundfunk und die Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung. Sein journalistisches Handwerk hat er während des Volontariats beim Remscheider „General-Anzeiger“ und „Solinger Tageblatt“ erlernt. Darum ist er Journalist geworden: „Man lernt Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen kennen, denen man privat wohl nie begegnet wäre. Die Kunst ist es, in kurzer Zeit ein Vertrauensverhältnis zum Gesprächspartner aufzubauen, das die Grundlage dafür ist, dass er seine ganz persönliche Geschichte erzählt.“


