Unfassbare Geschichten
Der Morgen nach der Ahrflut
Das Eifelörtchen Schuld am 15. Juli 2021, am Morgen nach der Ahrflut.
Das Eifelörtchen Schuld am 15. Juli 2021, am Morgen nach der Ahrflut.
Jan Lindner

Über das Ahrtal ist Mitte Juli 2021 eine Apokalypse hereingebrochen. Deren Ausmaß lässt sich am Morgen danach nicht einmal annähernd greifen. Das beschauliche Tal ist zum Katastrophengebiet mutiert. Man hört dort Geschichten, die man nie vergisst.

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Eine Frau hat sich 14 Stunden lang an einen Brückenpfeiler geklammert, während um sie herum die Apokalypse über das Ahrtal hereinbrach und insgesamt 135 Menschen in dieser Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 starben. Erst nach dieser unendlich langen Zeit konnte sie von einem Hubschrauber gerettet werden. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern ist von innen auf das Dach ihres Hauses geklettert und hat dort ebenfalls viele Stunden ausgeharrt – ehe endlich Rettung nahte.

Es sind unfassbare Geschichten wie diese, die man als Reporter am Morgen nach der Ahrflut in Schuld, Insul oder Fuchshofen hört und die man kaum glauben kann. Aber in den Wochen und Monaten danach hört man viele weitere solcher Schilderungen aus dem sonst so beschaulichen Tal. Die Katastrophe wird immer greifbarer, auch wenn man sie bis heute nicht gänzlich fassen kann.

Jan Lindner
Jan Lindner
Jens Weber. MRV

Am Morgen danach konzentriert sich die (auch mediale) Aufmerksamkeit zunächst auf die Gemeinde Schuld. Das hat einen einfachen Grund: Im Gegensatz zu vielen anderen Orten im Tal ist er noch ganz gut erreichbar, auch wenn es hier wie im gesamten Tal keinen Handy- und Telefonempfang mehr gibt, keinen Strom, kein fließendes Wasser. Mehrere Häuser in dem 750-Einwohner-Ort sind eingestürzt, andere müssen abgerissen werden.

Autos, Traktoren und Bagger sind weggespült worden, sie liegen auf der Seite, auf den Dächern, umspült von Schlamm, umgeben von ausgerissenen Bäumen, einer Kinderrutsche und einem Kühlschrank. Ein voll beladener Baucontainer ist 200 Meter durch den Ort gewirbelt worden und liegt ebenfalls auf der Seite.

Ein Starkregen biblischen Ausmaßes hat die beschauliche Ahr in einen alles niederwalzenden Strom verwandelt

Das alles ist schrecklich genug. Dennoch wird einige Tage später so langsam klar, dass es andere Orte noch heftiger getroffen hat, dass woanders im Tal viele Menschen ihr Leben lassen mussten, nachdem ein Starkregen biblischen Ausmaßes die sonst so beschauliche Ahr in einen reißenden, alles niederwalzenden und wütenden Strom verwandelt hat.

In Schuld sind die Menschen am Morgen danach fassungslos, verschreckt, ermüdet, ermattet. Einige haben alles in den meterhohen Fluten verloren, andere zumindest ihre Katzen und ein paar persönliche Dinge retten können. Wiederum andere haben Glück, weil ihre Häuser im oberen Ortsteil liegen und unversehrt geblieben sind.

Rettungskräfte und erste freiwillige Helfer sind vor Ort, versorgen die Menschen mit Nahrungsmitteln, bieten ihnen Möglichkeiten zum Ausruhen an. Manche haben bereits mit dem Aufräumen begonnen, schaufeln und kehren Schlamm von den Grundstücken und räumen ihre teils zerstörten Häuser aus. Die Menge an Sperrmüll im Tal ist in diesen Tagen und Wochen gigantisch.

Gigantisch ist auch der seelische Ballast, den viele Menschen fortan mit sich herumschleppen und auch Jahre danach niemals so richtig losgeworden sind. Aber das ganze Ausmaß der Ahrflut lässt sich in Schuld am Morgen danach nicht mal annähernd greifen.

Der Autor

Jan Lindner (Jahrgang 1983) arbeitet seit 2009 für die Rhein-Zeitung und ist Nachrichtenchef im Redaktionsverbund Rhein-Mosel. Er berichtet zudem über die Geschehnisse an den beiden Flüssen, sein thematischer Schwerpunkt ist die Koblenzer Stadtpolitik. Er ist Journalist geworden, weil man in diesem Beruf in oft sehr kurzen Abständen sehr unterschiedliche und interessante Menschen treffen, kennenlernen und über die verschiedensten Themen berichten kann. Nach wie vor reizt es ihn sehr, morgens in dem Wissen in die Redaktion zu fahren, dass der geplante Arbeitsalltag durch etwas Unvorhergesehenes komplett über den Haufen geworfen werden kann.

Ressort und Schlagwörter

80 Jahre Hochwasser

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