Im Frühjahr 2025 spaziere ich abends am Koblenzer Rheinufer entlang, als ich einen Anruf von einer mir unbekannten Nummer erhalte. Bis dahin habe ich vielleicht eine Handvoll Artikel geschrieben, bin erst wenige Monate als Volontär bei der Rhein-Zeitung angestellt. Es wird der Beginn einer monatelangen Recherche sein.
Am Telefon stellt sich die Frau mit dem Namen „Karin Weißenfels“ vor. Sie habe von meiner Bachelorarbeit über einen Missbrauchsfall in der katholischen Kirche gehört und sei bereit, ihre Geschichte mit unserer Zeitung zu teilen. Ein Treffen wird vereinbart.
Eine Frau soll von einem Priester missbraucht, schwanger und von einem zweiten Priester zur Abtreibung gedrängt worden sein. Verkürzt: der Fall Weißenfels. Sie vergibt dem Mann, doch was die Betroffene 2023 in einer Akte liest, erschüttert sie tief.
Fall Karin Weißenfels: Kirchenmänner im Fokus
Vor Ort beginnt sie zu erzählen. Aufgeregt spricht sie mit hektischer Stimme über mehrere Stunden hinweg über ihre Vergangenheit. Paraphrasiert gehen ihre Schilderungen etwa so: Sie war in der Kirchengemeinde aktiv, in einem Ort unseres Einzugsgebietes. 1989 begann ihr vorgesetzter Priester übergriffig zu werden. Mehr als 13 Jahre dauerte der Missbrauch an. Sie wurde schwanger, von dem Priester zur Abtreibung gedrängt. Auch ein weiterer Geistlicher riet ihr in einem Beichtgespräch dazu und sprach die Frau dabei von „ihren Sünden“ frei.
Um die Jahrtausendwende herum begann Weißenfels, sich an Verantwortliche des Bistum Triers zu wenden. Vielfach. Sie forderte Konsequenzen. Spricht heute von „Vertuschern“ in der katholischen Kirche, die Aufklärung verhindert hätten. Die Wut ist ihrer Stimme anzuhören.

Über Monate hinweg entstehen Treffen und Telefonate. Gemeinsam mit der freien Journalistin Anne Stollenwerk, die zuvor ein Praktikum bei unserer Zeitung absolviert hat, versuchen wir die Geschichte zu rekonstruieren. Der Fall ist komplex, weil er mehrere Jahrzehnte umfasst. Viele Amtsträger waren involviert, unter anderem der heutige Kardinal Reinhard Marx und der Trierer Bischof Stephan Ackermann, um nur die bekanntesten Namen zu nennen.
Im Zentrum stehen grundsätzliche Fragen: Warum blieben die beschuldigten Priester bis an ihr Lebensende im Amt? Was wussten die Verantwortlichen – und wann? Und woher nimmt eine Betroffene die Kraft, sich auch Jahrzehnte später gegen eine Institution zu stellen, die in ihrem Fall wenig Bereitschaft zur Aufklärung erkennen lässt?
Auf eine Tasse Kaffee
Hintergrundgespräche mit Anwälten, Geistlichen und Wegbegleitern beginnen, zahlreiche Dokumente werden ausgewertet. In drei Artikeln berichten wir über den Fall. Weißenfels reichte beim Papst Anzeige gegen Bischof Ackermann ein, gab Einblicke in laufende Verfahren – und in eine Vergangenheit, die sie bis heute nur selten ruhig schlafen lässt.
Kurz vor Veröffentlichung tritt ein weiterer Aspekt zutage. Es gibt eine zweite Betroffene. Sie soll als Kind sexualisierte Gewalt durch denselben Priester erlitten haben, denselben Mann. Ein Detail mit Gewicht, denn immer wieder wurde und wird Karin Weißenfels ihre Glaubwürdigkeit abgesprochen.
Wir berichten darüber in unserem dritten Artikel. In Folge der Berichterstattung suchen die beiden Kontakt zueinander. Demnächst treffen sie sich auf einen Kaffee.
Der Autor
Michael Illjes ist seit Januar 2025 als Volontär bei der Rhein-Zeitung angestellt. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf in der Eifel, studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Universität in Trier. Der heute 25-Jährige absolvierte ein Praktikum in der Pressestelle der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung und arbeitete an einem Dokumentarfilm zum Fall Dillinger. Beruflich treiben ihn soziale und gesellschaftliche Storys an. Denn für ihn gibt es nichts Schöneres als Menschen eine Stimme geben zu dürfen und über relevante Themen zu berichten – außer vielleicht ein gutes Pasta-Rezept. Bei der Rhein-Zeitung durchläuft er verschiedene Stationen. Aktuell hospitiert er im Rahmen der Ausbildung bei der Wochenzeitung „Die Zeit“.


