Archivierter Artikel vom 17.11.2017, 12:02 Uhr

Schwimmunterricht – Ein Schlag ins Wasser

Eigentlich sollte es regelmäßigen Schwimmunterricht an den Grund- und weiterführenden Schulen des Landes geben. Doch immer wieder scheren Kommunen aus Kostengründen aus. Gut, wenn es dann Lehrer und deren Eigeninitiative gibt. Ein Beispiel.

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Schwimmunterricht ist teuer, die Organisation kann ganz schön aufwendig sein, es gibt in erreichbarer Nähe gar kein Schwimmbad: Es gibt viele Gründe, warum Schulen keinen oder zu wenig Schwimmunterricht anbieten – obwohl er Teil des Lehrplans ist.
Schwimmunterricht ist teuer, die Organisation kann ganz schön aufwendig sein, es gibt in erreichbarer Nähe gar kein Schwimmbad: Es gibt viele Gründe, warum Schulen keinen oder zu wenig Schwimmunterricht anbieten – obwohl er Teil des Lehrplans ist.
Foto: dpa

Jeder dritte rheinland-pfälzische Schüler kann nicht schwimmen – diese Zahl ging vor einiger Zeit durch die Öffentlichkeit und sorgte für Aufruhr. Auch wenn Schwimmunterricht teil des Lehrplans an den Grundschulen ist, so hört man regelmäßig davon, dass kein oder zu wenig offizieller Schwimmunterricht stattfindet. Der Grund ist in der Regel, dass die Kommune die Kosten für den Transport der Kinder von der Schule zum Schwimmbad nicht übernehmen will (oder es aufgrund hoher Verschuldung nicht kann) oder dass schlichtweg kein Schwimmbad in erreichbarer Nähe vorhanden ist.

Alexandra Keves ist Lehrerin an der Bodelschwingh-Grundschule in Bendorf-Mülhofen (Kreis Mayen-Koblenz) und machte ihre ganz eigenen Erfahrungen mit dem Thema. „Es war Sommer, extrem heiß, und ich erlaubte es meinem ersten Schuljahr, dass alle die Schuhe ausziehen und ihre Füße unterm Tisch in kaltes Wasser stellen durften“, erinnert sie sich im Gespräch. „Irgendwie rutschte es mir dann heraus: Schwimmbad wäre doch jetzt auch nicht schlecht, oder?“ Sie stieß auf begeisterte Reaktionen – zu ihrer Überraschung musste sie aber feststellen, dass rund die Hälfte ihrer Erstklässler noch nicht ausreichend schwimmen konnte. „Also habe ich den Kindern einen Deal vorgeschlagen. Ich habe gesagt: Ihr lernt das nächste halbe Jahr schwimmen, und ich mache den Rettungsschwimmer und besorge mir die Unterrichtserlaubnis – und in der zweiten Klasse gehen wir zusammen schwimmen.“

„Alle Kinder sollen schwimmen lernen“, sagt Bildungsstaatssekretär Hans Beckmann auf Anfrage unserer Zeitung. „Das geschieht bei vielen von ihnen in der Freizeit, bei anderen erst in der Schule. Deshalb findet sich der Schwimmunterricht auch in den Sportlehrplänen aller Schularten, von der Grundschule bis zur Sekundarstufe II, wieder. Auch in der Ausbildung angehender Sportlehrkräfte ist Schwimmen Pflicht. Neben dem Schwimmen im Sportunterricht gibt es an vielen Schulen auch Kooperationsprojekte mit Schwimmvereinen oder der DLRG im Rahmen des Ganztagsangebots. Zusätzlich bieten verschiedene Vereine Schwimmunterricht während der vom Land geförderten Ferienbetreuungsangebote an.“

Alexandra Keves – keine gelernte Sportlehrerin – wollte zu ihrem Wort stehen und nutzte die Sommer- und Herbstferien, um sich zu qualifizieren. Und tatsächlich: Im darauf folgenden Frühjahr wedelten viele Kinder mit Schwimmabzeichen. „Bis auf drei Kinder hatten alle Nichtschwimmer so weit schwimmen gelernt“, erzählt Alexandra Keves lachend. „Die Kinder hatten auf ihre Eltern dermaßen eingewirkt, dass die keine Chance hatten und ihren Kindern das Erlernen der grundlegenden Schwimmtechniken ermöglichen mussten.“

Jetzt musste auch die Grundschullehrerin zu ihrem Wort stehen – doch ganz so einfach sollte es nicht werden, denn es drehte sich nun wieder einmal ums liebe Geld. „Der Förderverein unseres städtischen Freibads erlaubte uns, dass wir kostenlos mit der Klasse ins Schwimmbad gehen konnten“, erzählt Keves dankbar. Und auch ein lokaler Busunternehmer zeigte Herz für die engagierten Schüler und machte ein großzügiges Sonderangebot für den Transfer der Kinder von der Schule ins Bad. Mütter erklärten sich bereit, die frisch gebackene Schwimmlehrerin zu unterstützen, und auch der Ortsverein des DLRG kam anfangs dazu, so lange die drei Nichtschwimmer noch eine eigene Beaufsichtigung brauchten. Die Schule schaffte über den Förderverein benötigte Schwimmhilfen an.

So erfreut alle über das Engagement einer Lehrerin, ihres Rektors und der Eltern sind, so unzufrieden sind sie auch mit der Rolle der offiziellen Stellen. Schulleiter Michael Wetzlar: „Laut Sportrahmenplan ist Schwimmunterricht eine kommunale Aufgabe – aber an vielen Schulen, wie zum Beispiel an unserer, gibt es aus Kostengründen keinen oder zu wenig Schwimmunterricht.“ Im Sportrahmenplan steht: „Bewegung im Wasser hat einen hohen gesundheitlichen Wert und ist für die personale Entwicklung der Kinder bedeutsam. Dem Schwimmenlernen kommt im Leben der Grundschulkinder ein hoher Stellenwert zu. Schwimmen zu können, ist ein wichtiger Beitrag zur Gefahrenprävention.“

Die ADD Trier hat als Schulaufsicht denn auch ganz klare Vorstellungen: „Der Schwimmunterricht ist Bestandteil der Lehrpläne Sport aller Schularten der Primarstufe und Sekundarstufe I und sollte somit nach Möglichkeit an allen Schulen eingerichtet werden“, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung. „In den Klassenstufen eins bis vier der Grundschule soll der Sportunterricht laut Lehrplan in jeder Stufe in drei Unterrichtseinheiten wöchentlich abgehalten werden. In welchem Schuljahr und in welchem Umfang in diesem Rahmen der Schwimmunterricht durchgeführt wird, entscheiden die Grundschulen anhand der organisatorischen Vorgaben und örtlichen Möglichkeiten.“

Aber auch die ADD weiß um die Probleme: „Eine besondere Herausforderung in einem Flächenland wie Rheinland-Pfalz ist die Maßgabe, dass nicht überall Schwimmbäder in erreichbarer Nähe vorhanden sind“, heißt es vonseiten der ADD. „Hier muss jede einzelne Schule überlegen und entscheiden, welcher Zeitansatz für die Fahrt zum nächstgelegenen Schwimmbad pädagogisch vertretbar ist, damit nicht übermäßig viel wertvolle Lernzeit für die Hin- und Rückfahrt zum und vom Schwimmbad verbraucht wird. Gleichzeitig werden durch die Fahrten auch zusätzliche Kosten produziert, die vom Schulträger getragen werden. Auch dieser Umstand spielt bei der Planung von Schwimmunterricht eine Rolle.“

Wie aber sollen Schulen vorgehen, wenn es an Schwimmbädern mangelt, die Kosten für den Eintritt ins Schwimmbad nicht getragen werden können oder es Probleme mit dem Transport gibt? „In einem ersten Schritt sollten alle beteiligten Akteure das Gespräch miteinander suchen“, rät Bildungsstaatssekretär Hans Beckmann. „Das sind in der Regel die Schule, der Schulträger, die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion und der Betreiber des Schwimmbads. Gemeinsam findet sich in den meisten Fällen eine Lösung, zumindest aber ein Kompromiss. Ziel muss immer sein, unseren Schülern den Schwimmunterricht zu ermöglichen.“

Die Kinder von Alexandra Keves haben es nicht nur genossen, an heißen Tagen im kühlen Nass zu toben. Obwohl auch das natürlich wichtig war: „Unsere Schwimmtage waren wie eine Klassenfahrt“, erzählt die engagierte Lehrerin, „die Kinder waren diszipliniert, haben aufeinander geachtet und auch eine Menge Selbstbewusstsein bekommen, wenn sie es geschafft haben, sogar vom Dreimeterbrett zu springen.“ Beim abschließenden Schwimmfest der einheimischen Grundschulen holte die Bodelschwingh-Grundschule den Pokal. „Wir hatten noch nie gewonnen“, freut sich auch Rektor Michael Wetzlar. Und fürs Siegerfoto tanzen die Kleinen wie die Großen begeistert um den Pokal.

Zumindest in Bendorf sieht es nach einem Happy End aus: „Für den kommenden Haushalt 2018 soll ein Betrag zur Ersteinrichtung von Schwimmunterricht beantragt werden“, sagt Wetzlar. Die städtischen Gremien müssen dies allerdings erst noch beschließen – und die ADD Trier müsste danach die Ausgabe der hoch verschuldeten Stadt genehmigen. „Wir sind aber guter Dinge“, sagt Wetzlar. Man organisiert bereits den Bustransfer.

Michael Defrancesco