Archivierter Artikel vom 08.03.2016, 17:14 Uhr

Neues aus der Gerüchteküche: Klaus Kocks über Berlins Zyniker

Unter Berliner Journalisten gibt es das Wort von einer Königsdisziplin der Politik, der üblen Nachrede. Jüngst äußerte das Herr von Hammerstein, der einst das Berliner Büro des „Spiegels“ leitete. Rufmord als Berliner Volkssport? Da ist etwas dran. Der Berliner hat es gern zynisch.

Die Letzten allerdings, die darüber Klage führen dürften, sind die Hauptstadtjournalisten. Die Presse ist nämlich der Nutznießer der bösen Sitte, andere mit Gerüchten zu entehren. Es wird zwar nicht alles geschrieben, was so geraunt wird, aber lange genug erzählt, wächst die Halbwahrheit sich klammheimlich zu einer veritablen Wahrheit aus. Dann wird es geschrieben. Das Gerücht, Fama genannt, wächst, indem es sich verbreitet, haben die alten Lateiner gesagt.

Gemäß einer solchen Fama beabsichtigt Wolfgang Schäuble, Angela Merkels Nachfolger als Bundeskanzler zu werden. Wenn Merkel an der Flüchtlingskrise gescheitert sei, dann käme er, hoffen viele in Berlin, auch in der Union. Andere sagen: Der kann das nicht, er sitzt doch im Rollstuhl. Schäuble ist Attentatsopfer und hat mit seiner Gesundheit dafür gezahlt, dass er seinem Vaterland gedient hat. Das verdient jeden Respekt. Man fragt sich, wes Geistes Kind jene sind, die jetzt den Rollstuhl gegen ihn wenden wollen. Schon Helmut Kohl hatte ihn zu verspotten versucht, weil er im „Wägele“ daherkomme. Man sollte den bösen Zungen entgegentreten, die Schäuble wegen seiner körperlichen Behinderung absprechen, dieses Land führen zu können. Der Mann im Rollstuhl ist der beliebteste Unionspolitiker.

Franklin Delano Roosevelt wirkte von 1933 bis zu seinem Tod im Jahr 1945 als 32. Präsident der Vereinigten Staaten.
Franklin Delano Roosevelt wirkte von 1933 bis zu seinem Tod im Jahr 1945 als 32. Präsident der Vereinigten Staaten.

Ich möchte an einen der bedeutendsten Politiker des 20. Jahrhunderts erinnern: Franklin D. Roosevelt, dessen Präsidentschaft von 1933 bis 1945 reichte. Der New Deal Roosevelts hat dem Land in schweren Zeiten Orientierung gegeben. Und er hat, das gefällt mir besonders, die Prohibition aufgehoben, also das allgemeine Alkoholverbot. Ein Politiker mit Charisma, geachtet und gemocht. John F. Kennedy hat später Wahlen gewonnen, weil er an Roosevelt anknüpfte. Ach so, nebenbei bemerkt, Roosevelt saß im Rollstuhl. Er hatte eine tragische Krankheit. Trotzdem hat der gebürtige Österreicher Adolf Hitler den im Namen Deutschlands angezettelten Zweiten Weltkrieg nicht gewonnen. Einer der Sieger saß im Rollstuhl.

John F. Kennedy vermochte übrigens nicht geschmeidig zu gehen. Er hatte „Rücken“ (und zwar als ernste Behinderung). JFK trug, um aufrecht zu erscheinen, heimlich ein Stützkorsett und langte oft nach seinem Stock. Nicht alle Wähler wussten das, weil er es zu verbergen suchte. Ob das klug war, darüber hat man heute andere Ansichten als damals. Der staksige Gang jedenfalls hat ihn aber nicht daran gehindert, ein brillanter Politiker mit großem Charisma zu sein. Ich könnte als Gegenbeispiel zu den Gehbehinderten jetzt noch etwas über den Bodybuilder und Terminator Arnold Schwarzenegger, ebenfalls Österreicher, und seine Erfolge als Gouverneur von Kalifornien erzählen. Aber bleiben wir im Lande und nähren uns redlich.

Wolfgang Schäuble wurde in den vergangenen Monaten als möglicher Nachfolger Merkels gehandelt – für den Fall, dass sie über die Flüchtlingskrise stürzt und zurücktritt.
Wolfgang Schäuble wurde in den vergangenen Monaten als möglicher Nachfolger Merkels gehandelt – für den Fall, dass sie über die Flüchtlingskrise stürzt und zurücktritt.

In Rheinland-Pfalz gab es nach Ansicht von Kurt Beck auch eine Politikerin mit einer schweren Behinderung: Julia Klöckner. Herr Beck hatte zu seinem Entsetzen plötzlich eine Frau (Mensch weiblichen Geschlechts) als Oppositionschefin, und er versprach, über diese Behinderung hinwegzusehen und Klöckner „fair wie einen Mann“ zu behandeln. Ach, Kurt. Damit ist einiges darüber gesagt, wes Geistes Kind Herr Beck war. Jetzt stehen hierzulande erstmals zwei Frauen als Konkurrentinnen zur Wahl. In Berliner Schnauze: die schöne Julia und die nette Malu.

Was man an beiden loben muss, sie setzen ihre Behinderungen nicht als Mittel der Politik ein. Malu Dreyer versucht nicht, dadurch zu punkten, dass sie gelegentlich im Rollstuhl sitzt. Und Julia Klöckner geht zurückhaltend mit ihrem Prada-Image um. Ich finde den Wahlkampf alles in allem fair. Kurt würde sagen, so wie unter Männern. Und die Presse wird ihrer Aufgabe gerecht und beleuchtet beide Damen mit kritischer Sympathie. Die Demokratie funktioniert. Dass dieses nicht jeder Spießer in den Parteien versteht, darf man nicht gegen die Kandidatinnen wenden. Parteien sind ein Querschnitt der Bevölkerung, jedenfalls die historischen Volksparteien. Die Quote der Idioten ist in allen gleich hoch. Eine Ausnahme bildet nur die AfD, aber das ist eine andere Geschichte.