40.000
Aus unserem Archiv

Neu im Städel: Meisterhafte Zeichnungen von Madonnen und Märtyrern

Das Frankfurter Städel präsentiert in seiner neuen Ausstellung rund 90 spektakuläre Zeichnungen von Meistern wie Tizian, Michelangelo und Correggio. Unser Kritiker meint: Unbedingt hingehen!

Die "Sitzende Madonna mit Kind" Raffaels ist nicht irgendeine Skizze: Das ungewöhnlich abstrakte Blatt ist ein früher Entwurf der weltberühmten "Sixtinischen Madonna". Foto:  Städel
Die "Sitzende Madonna mit Kind" Raffaels ist nicht irgendeine Skizze: Das ungewöhnlich abstrakte Blatt ist ein früher Entwurf der weltberühmten "Sixtinischen Madonna".
Foto: Städel

Von unserem Mitarbeiter Christian Huther

Frankfurt. Das schäbigste Blatt enthält die schönste Skizze. Auf der Rückseite hatten Mitarbeiter bereits eine Zeichnung des Meisters kopiert, auf der Vorderseite in der rechten Hälfte jemand die korrekte Darstellung eines Armes geübt. Blieb nur noch die linke Hälfte übrig. Auf die zeichnete der Meister um 1511/12 virtuos eine Madonna mit Kind in einer Glorie. Virtuos, da das Blatt von einer kreisenden Bewegung mit dem Kohlestift bestimmt ist. Selbst Marias linker Arm hat die Form eines Halbbogens. Auch die übrigen Körperglieder, die Wolken und ein kleiner Engelputto sind aus gerundeten Linien gebildet.

Das Blatt zeigt, dass Raffael seine Ideen erst beim Skizzieren entwickelte. Dieses ungewöhnlich abstrakte Blatt ist ein früher Entwurf der "Sixtinischen Madonna". Zu dem weltberühmten Bild pilgern Kunstinteressierte nach Dresden, aber das Blatt des Frankfurter Städels kennt kaum jemand, denn die Grafische Sammlung führt aus konservatorischen Gründen ein Leben im Verborgenen. Immerhin elf Raffael-Zeichnungen besitzt das Museum – das ist nicht nur zahlenmäßig Spitze in Deutschland.

Nun bietet sich die Gelegenheit, nicht nur Raffael beim Entwerfen über die Schulter zu schauen. Das Städel hat rund 90 Blätter der italienischen Renaissance zu einer geradezu atemberaubenden Schau versammelt. Denn das Museum besitzt mit 450 Werken aus der Zeit von 1430 bis 1600 eine in Europa einzigartige Sammlung mit seltenen Zeichnungen von Tizian, Michelangelo und Correggio. Und die Wände in wunderbar braunrotem Farbton lassen auch die zahlreichen Rötel- und Sepiazeichnungen bestens zur Geltung kommen. Nur nach einer Skizze von Leonardo da Vinci hält man vergeblich Ausschau.

Tizians energischer Federstrich

Freilich wird das allemal wettgemacht durch das rare Blatt von Tizian. Es zeigt einen gut durchtrainierten Mann mit dicken Muskelpaketen an Armen und Beinen. Doch der vermeintlich tolle Hecht ist der heilige Sebastian. Gezeichnet hat ihn Tizian um 1520. Der wollte keineswegs eine Mixtur aus zupackendem Muskelprotz und vergeistigtem Märtyrer schaffen, sondern orientierte sich am großen Vorbild Michelangelo und der Skulptur seiner Zeit. Mit energischen Federstrichen umriss er den Heiligen und legte dann mit Pinselstrichen um die Konturen markante Schatten an. Allerdings ist nichts mehr vom einst blau gefärbten Papier zu erkennen. Das blaue Papier ist typisch für die Venezianer. Selbst bei einfachen Federskizzen brachten sie Farbe ins Spiel, bevor sie sich an die Linien machten.

Aber da im 16. Jahrhundert direkt auf die Leinwand gemalt wurde, sind Vorstudien selten – und Tizians Blatt entsprechend wertvoll. Dabei hatte der einflussreiche Theoretiker Giorgio Vasari die Zeichnung als Mutter aller Künste bezeichnet, auf der alles aufbaut. Doch nur in Florenz und Rom zeichnete man fein säuberlich mit Parallel- und Kreuzschraffuren. Die venezianische Zeichenkunst dagegen war viel malerischer in den Farben, viel unverbindlicher in den Formen, viel spielerischer in der Linienführung.

Michelangelo wiederum erweist sich als Meister mit der lockeren Hand, selbst bei einem Blatt, das nur für seine Schüler gedacht war. Seine grotesken Köpfe von 1525 zeichnete er ebenso sorgfältig wie sicher mit roter Kreide. Zu entdecken sind ein grinsender und dämonisch schielender Satyr mit langen, durch die Hörner ragenden Ohren, ein Satyr mit hängenden Ohren und ein dicker Mann, an dessen Brust eine Frau zu saugen scheint.

Michelangelos plastische Monster

Dank der an- und abschwellenden Kreidestriche scheinen diese Monster enorm plastisch und sehr lebendig. An diesem Blatt lässt sich gut das feine Zeichnen studieren, aber Michelangelo hat nie systematisch Schüler ausgebildet. Dazu war der "Göttliche", wie er schon zu Lebzeiten gerühmt wurde, zu egomanisch. Zudem hatte er Angst vor Ideenklau, weshalb er keine Werkstatt betrieb und kurz vor seinem Tod fast alle Zeichnungen verbrannte. So sind heute nur noch wenige Blätter erhalten, freilich alle unsigniert.

Bis 11. Januar täglich außer Montag ab 10 Uhr, Eintritt 12 Euro (Wochenende 14 Euro)

Anzeige
epaper-startseite
Anzeige
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
Das Wetter in der Region
Dienstag

16°C - 31°C
Mittwoch

15°C - 30°C
Donnerstag

17°C - 29°C
Freitag

10°C - 21°C

Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

UMFRAGE
Wahlalter absenken

Sollte das Wahlalter auf 16 Jahre abgesenkt werden?

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Onliner vom Dienst
Marius Reichert
Mail | 0261/892 267
Abo: 0261/98362000

Anzeige
Wirtschaft im nördlichen Rheinland-Pfalz
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!