40.000
  • Startseite
  • » Nach Entführung: Oetker-Millionen gewaschen und geföhnt
  • Aus unserem Archiv
    Hunsrück

    Nach Entführung: Oetker-Millionen gewaschen und geföhnt

    Am 14. Dezember 1976 wird der Industriellen-Sohn Richard Oetker entführt. Das brutale Vorgehen von Dieter Zlof entsetzt die Menschen. Der sitzt seine Haft ab. Doch das Lösegeld scheint verschwunden. Die Spur führt in den Hunsrück.

    Es ist ein kalter Wintertag 1995, an dem ein Wagen mit bayerischem Kennzeichen am Forsthaus Dorweiler (Hunsrück) vorfährt. Der Wald ist in dichte Nebelschwaden gehüllt. Hubertus Becker schaut nervös um sich. Ist dem Besucher auch niemand gefolgt? Doch „der Dieter“, wie ihn Becker noch heute nennt, kommt allein. Der Dieter, das ist der Mann, der 1976 den Industriellen-Sohn Richard Oetker entführt, in eine Kiste sperrt und ihn Stromschlägen aussetzt. Nach seiner Entlassung wird Dieter Zlof auf Schritt und Tritt von Polizisten überwacht. Aber an diesem Tag ist er ihnen mal wieder entwischt.

    21 Millionen Mark Lösegeld in Kartons verpackt

    Jetzt öffnet er den Kofferraum, der eine brisante Fracht birgt: das erpresste Lösegeld, 21 Millionen Mark in Kartons verpackt. Aber Zlof hat Becker schon telefonisch vorgewarnt: „Ist nur noch Dreck. Habe einen Sack voll Matsch“, erinnert sich Becker. Die vielen Jahre in einem tiefen Loch bei Rosenheim haben Spuren hinterlassen. Wasser und Mikroorganismen sind eingedrungen. Und so schleppen die beiden das Geld in Beckers altes Kinderzimmer. Um sie zu reinigen, werden die Tausender-Bündel danach unter die Dusche geschafft. „Wir haben Schein für Schein einzeln mit der Nadel abgelöst“, erklärt der heute 60-Jährige. Für alle, die mal in die Verlegenheit kommen: „400.000 Mark sind etwa so groß wie ein Backstein.“

    Die unbrauchbaren Tausender werden aussortiert. Den Ausschuss packt der damals 44-Jährige in einen Karton und wirft ihn ins Feuer, während seine ahnungslose Mutter fernsieht. Fünf Millionen Mark jagt er so durch den Kamin. „Ich wollte die Reste eigentlich in einem Moorsee in Bayern verstreuen“, sagt Becker. „Dann hätten die Bullen den ganzen See leer pumpen können.“ Der Gedanke amüsiert ihn immer noch. Doch Zlof teilt den Humor seines Komplizen nicht. Und so wird der Wald im doppelten Wortsinn mit Asche gedüngt. Bleiben noch 16 Millionen. Dafür hat Becker 10.000 Löschblätter gekauft. „14 Tage haben wir da gesessen, um die Scheine zu trocknen“, erinnert sich Becker. Jeder einzelne wird geföhnt. Nun stellt sich die Frage: Wohin mit dem Geld? Ausgeben können sie die Millionen nicht. Die Scheine sind registriert. Und so verstecken sie das Geld schließlich in der Fischerhütte des Vaters im Lützbachtal. „Das Geld haben wir in Tupperdosen gesteckt“, sagt Becker. Danach verlassen beide den Hunsrück. Zlof fährt nach München, Becker fliegt zu seiner Familie nach China.

    Die Geschichte klingt wie ein schlechter Krimi. Doch so oder so ähnlich muss es sich damals abgespielt haben. Heute sitzt Becker in der Justizvollzugsanstalt Rohrbach. Für den 60-Jährigen ist das schon Routine: 21 Jahre hat der Hunsrücker hinter Gittern verbracht. Wegen Drogenhandels im großen Stil wandert er erstmals in den Knast. „Ich war der Erste, der dafür zu 15 Jahren verurteilt wurde.“ Ein Exempel. Vor einem Jahr ist er erneut mit Heroin geschnappt worden.

    Jetzt sitzt er im Besucherzimmer des Gefängnisses. Er trägt ein zerknittertes T-Shirt und eine rote Wollhose. „Lumpen“ nennt Becker die Gefängniskleidung. Er trägt seine Geschichte eloquent vor. Unrechtsbewusstsein ist ihm fremd, obwohl er weiß, dass an dem Geld Blut klebt. „Ich kann keine Reue zeigen, wenn ich keine verspüre“, sagt er.

    Becker lernt Zlof 1984 im Straubinger Gefängnis kennen. Sie arbeiten als technische Zeichner. Eigentlich haben sie davon nicht den blassesten Schimmer. „Aber es war der laueste Job im Knast“, sagt Becker. Beide sind intelligent, charismatisch – und voller krimineller Energie. Die Knastbrüder freunden sich an. „Zlof hat auf mich einen großen Eindruck gemacht“, erinnert sich Becker. „Und er hat allen erzählt, dass er unschuldig ist.“ Naivität gehört zweifelsohne nicht zu Beckers hervorstechendsten Eigenschaften. Dennoch sagt er: „Ich habe ihm geglaubt. Der Kriminelle von uns war ich.“ Für Richard Oetker, der noch heute an den physischen und psychischen Folgen der Entführung leidet, müssen diese Worte wie Hohn klingen. Der eiskalte Verbrecher Zlof, der selbst keine Gnade kennt, zettelt schließlich in Straubing eine Meuterei gegen die Haftbedingungen an. „Eines Tages haben sie den Dieter gepackt und nach Landsberg abtransportiert.“ Nun trennen sich die Wege der beiden vorerst. Doch sie bleiben in Kontakt, schreiben sich regelmäßig. Die Freundschaft überdauert die Haft. Als beide freikommen, werden sie Geschäftspartner. Zlof zieht zunächst mit einem Kärcher von Haus zu Haus, um Bodenplatten zu reinigen. Danach macht er sich mit einem Import-Export-Unternehmen selbstständig – mit Firmensitz Liechtenstein. „Ich dachte mir, das passt“, sagt Becker, der seine alten Kontakte in China aufwärmt.

    Erstmals in seinem Leben dürfte er seine Brötchen damals halbwegs legal verdient haben. Als Agent vermittelt er nach eigenen Angaben chinesisches Billigspielzeug an deutsche Großhändler. Doch dann platzt ein großes Geschäft mit einem Hamburger Unternehmen. Die Partner haben Zlof erkannt. Becker ist pleite. Auf der Bahnfahrt zurück versinkt er in Trübsal. „Ich bin in ein tiefes Loch gefallen“, sagt er. Doch Zlof hat das passende Antidepressivum parat: „Wir haben doch noch die 21 Millionen“, erinnert sich Becker. Der Gedanke elektrisiert ihn. Skrupel plagen ihn ohnehin nicht. Und so werden jetzt eifrig Pläne geschmiedet.

    Erpressergeld tritt eine Reise rund um die Welt an

    Der Schatz wird gehoben. „Wir wussten, dass nur zwei Drittel registriert waren“, sagt Becker, „aber eben nicht welche.“ Und so beginnt eine skurrile Reise rund um die halbe Welt. Sechs Tausender nimmt Becker mit nach China. Dort will er schon mal vorfühlen, ob er sie mit Abschlägen tauschen kann. Der Deal scheitert. Nun versucht er es auf den Philippinen. Doch auch hier kommt er nicht zum Zug. Niemand will die schmutzigen Millionen tauschen. „Ich habe aber einen Tipp bekommen, dass es in London klappen könnte.“

    Zuvor macht er noch einen Abstecher auf die Kaimaninseln, um ein Konto zu eröffnen. Zlof und sein Komplize schätzen das Bankgeheimnis. Das Steuerparadies ist dafür bekannt, dass nicht allzu viele Fragen gestellt werden. Trotzdem denkt sich Becker ein Märchen aus. „Wir wollten ja, dass niemand an das Geld rankommt.“ Die Aktion gelingt. Jetzt können die Millionen fließen – theoretisch.

    Also packen Zlof und Becker ihre Tausender-Bündel in die Seitenverkleidung eines Mietwagens und brechen nach England auf. Dazu müssen sie jedoch durch den Tunnel – und geraten prompt in eine Kontrolle. „Aber ich bin ja Schmuggler“, sagt der 60-Jährige. Aus seiner Sicht ist das die zutreffendste Berufsbezeichnung. Denn nach seinem Abitur am Bopparder Kant-Gymnasium hat er keinerlei Ausbildung absolviert. Und so wird das Auto zwar gründlich durchsucht, doch letztlich finden die Kontrolleure nicht ein einziges Scheinchen.

    Und auch in einer Londoner Wechselstube ist das Duo erfolgreich. „Wir haben zwei Millionen im Verhältnis 2:1 umgetauscht“, sagt Becker. „Die sind über Umwege später bei der Bundesbank aufgetaucht.“ Doch die Spur lässt sich nicht mehr zurückverfolgen. Es kursiert aber noch eine andere Version, nach der auch dieses Geschäft platzt. Die Wahrheit bleibt wohl Beckers Geheimnis.

    Unterdessen hat ein Kumpel aus Ludwigshafen großzügig Tausender unter Kleinkriminelle verteilt. Das Geld stammt von Becker, der die Chancen sondieren möchte, das Lösegeld zu waschen. Doch längst haben Ermittler der Polizei Wind von der Sache bekommen. Und so hat der Ludwigshafener bei einem Hunsrück-Besuch gleich die Polizei im Schlepptau.

    Der 11. Januar 1996 hat sich tief in Beckers Gedächtnis eingegraben. Sieben Autos eskortieren das Duo nach Dorweiler. Flucht ist aussichtslos. Am Forsthaus klicken dann die Handschellen. „Beim Prozess war eine Wand von Presse vor mir.“ Becker schafft es auf die Titelseite der „Bild“-Zeitung. Das Urteil: sechs Jahre für Geldwäsche. Da sind die Millionen aber längst nicht mehr am Fischweiher. Für Becker kommt nur einer infrage, der sie in der Zwischenzeit mitgenommen haben könnte: Dieter Zlof.

    Der wird später ebenfalls erwischt, als er die Oetker-Millionen versilbern will. Er erhält zwei Jahre. Seither ist er auf freiem Fuß. Vom Lösegeld ist ihm offiziell nichts geblieben. Doch Becker glaubt nicht daran. „Zlof hat eine Million gutgemacht. Der war bestimmt schon mal auf den Kaimaninseln und hat das Geld abgehoben.“ Dirk Eberz

    Anzeige
    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Anzeige
    • Lokalticker
    • Regionalsport
    • Newsticker
    Das Wetter in der Region
    Freitag

    10°C - 17°C
    Samstag

    10°C - 18°C
    Sonntag

    8°C - 14°C
    Montag

    10°C - 13°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!