Archivierter Artikel vom 19.11.2015, 16:27 Uhr

Klaus Kocks zur Absage von Hannover – Wenn Verantwortung undankbar ist

Nichts ist doofer als Hannover, sagt der Berliner, der sich immer als Stimme des Volkes empfindet. Der Berliner ist von notorischem Selbstbewusstsein und nicht auf den Mund gefallen.

Hannover, höre ich im Taxi und am Tresen, sei eine Schande. Der Hugenotte habe es mal wieder vermasselt. Das bezieht sich auf Merkels Innenminister. Man weiß hier, in der Stadt der historischen Zuwanderung aus Frankreich, dass der Name „de Maizière“ hugenottischen Ursprungs ist. Und der graue Thomas de Maizière ist nicht mehr bei allen gut gelitten. Die Kanzlerin habe ihm gerade wieder das Vertrauen ausgesprochen. Das gilt am Ort als Todeskuss. Ein Korrespondent der BBC hält ihn schon für politisch tot und sagt mir bitterböse: „Dead man walking!“ Was soviel heißt wie: Der Minister ist noch im Amt, aber nicht mehr lange.

Foto: AFP

Dem grauen Hugenotten fehle, so höre ich von vielen Seiten, etwas sehr Französisches: „fortune“. Warum erscheint der Innenminister als glücklos? Nun, dazu gibt es neben dem heillosen Rumwurschteln in der Flüchtlingskrise jetzt ein anderes Problem: Die Absage des Fußballspiels Deutschland gegen die Niederlande in Hannover.

Das Spiel sollte eine Geste der Unbesiegbarkeit des westlichen Lebensentwurfes sein. Aber der Minister wirkte unschlüssig trotz seines fürsorglichen Handelns. Er formulierte ungeschickt, dass wenn die Menschen wüssten, was er zu wissen glaubte, eine unzumutbare Verunsicherung ausbrechen würde. Der französische Geheimdienst soll vor einem Schläfer aus den Irak gewarnt haben. Politische Verantwortung kann sehr undankbar sein.

Die Tommies erscheinen den Kühnen unter den Zeitgenossen mutiger. Der Berliner hat im Fernsehen gesehen, dass man in London im berühmten Wembley Stadion ein Spiel der englischen und der französischen Nationalmannschaft sehr würdevoll begonnen hatte. Der Premierminister war als Regierungsvertreter da und der Duke of Cambridge. Prinz William repräsentierte das Königshaus. Blumen wurde niedergelegt und dann sangen 90.000 Fans in England die französische Nationalhymne. Wer um die historische Rivalität der Briten zu den Franzmännern weiß, kann ermessen, welch große Geste das war.

Frankreich wähnt sich im Krieg, hat dessen Präsident nach den Terroranschlägen gesagt. Und in der Marseillaise heißt es: „ An die Waffen, Bürger! Allons Enfants!“ Das Lied ist recht martialisch. Es spricht davon, dass man den Boden mit unreinem Blut (auf französisch „sang impur“) tränken wolle. Historisch ging es den französischen Revolutionären um Tyrannenmord, zu dem die „citoyen“ an die Waffen sollen, um ihre Bataillone zu formen. Unreines Blut vergießen? Damit war in der Vergangenheit auch mal der Lebenssaft der Tommies gemeint.

Vergangene Zeiten. London und Paris stehen nun zusammen gegen den islamistischen Terror, die Schreckensherrschaft der Barbaren aus dem Morgenland. Ist das so? Es geht um Terror und religiösen Fanatismus, es geht um Barbaren. Aber kann man das dem ganzen Orient zuschreiben? Zumal der Geschichtsbewusste weiß: Zimperlich waren weder die Engländer noch die Franzosen in ihren Kolonien. Vergangene Zeiten: Jetzt feierten London und Paris brüderlich einen sportlichen Triumph über die Barbarei.

Und in Hannover? Da gab es eine kurzfristige Absage des Spiels, ohne dass der Bundesinnenmister nachvollziehbar begründete, warum diese Maßnahme notwendig war. Das ZDF hatte nicht mal scharfe Bilder von einer Pressekonferenz des Herrn de Maizière, in der er etwas von dunklen Gründen knödelte. Man hatte die Menschen aufgefordert, sich in ihre Wohnungen zu begeben und dorthin in kleinen Grüppchen durch dunkle Gassen zu eilen. Eine Bombe wurde nicht gefunden. Kein Terrorist konnte verhaftet werden. Ein Pop-Konzert fand in Hannover eine Ecke weiter ungerührt statt, mit den „Söhnen Mannheims“. In London wurde ein eindeutiges Zeichen gesetzt, in Hannover kam es nicht dazu. Der Berliner Volksmund ist mit seiner Führung im Unreinen. Endzeitstimmung macht sich breit. Dabei wäre Aufbruchstimmung, was das Land nun braucht.

Der Terroranschlag von Paris hat einen Blutzoll von 129 Toten und 350 Verletzten. Westliche Lebensfreude bei einem Konzert und in Restaurants wie einem Fußballspiel sollte exekutiert werden. Mir scheint der dann erzeugte Eindruck, dies sei ein Krieg, trotzdem nicht ganz richtig. Hier agierte nicht eine ausländische Macht, jedenfalls nicht unmittelbar.

An den Maschinengewehren befanden sich offenbar junge Männer mit französischen oder belgischen Pässen. Der Terror bedient sich der Söhne des eigenen Landes, wie schon in England. Hier vergehen sich einige Migrantenkinder im Namen des Islam und verführt durch fremde Mächte an jenem Land, in das ihre Eltern geflohen sind. Dem ehemaligen Präsidenten Frankreichs ist das unsägliche Wort zuzurechnen, nach dem diese Generation ein Schmutz sei, den man aus den Vororten von Paris wegkärchern solle.

Die Verbrechen des Terrors sind durch nichts zu rechtfertigen, aber es bleibt auch wahr, dass es die Versäumnisse der Vergangenheit in den Gastgeberländern sind, die die böse Verführung dieser Ghetto-Kids mit möglich gemacht haben. Die historischen Fehler der mangelnden Integration hier bei uns behebt man nicht durch Bomben auf Syrien. Wie es überhaupt richtig ist, dass man Terrorismus nicht militärisch bekämpfen kann. Außer man führte Krieg im eigenen Land, einen Krieg gegen Dummheit und religiöse Verblendung, einen Krieg gegen Jugendarbeitslosigkeit und Ghettobildung.

Zu einem solchen kulturellen Krieg der Bildung, Bindung und Beschäftigung mag man aufrufen. Dafür muss man nicht nach Hannover oder London oder in die Vororte von Paris. Das kann man auch im RZ-Land. Allons Enfants!