Archivierter Artikel vom 11.01.2016, 19:45 Uhr

Klaus Kocks: Von der Wahrheitspflicht

Die Parole klingt reichlich unfreundlich. Und ist auch so gemeint. „Lügenpresse – halt die Fresse!“ Zuerst habe ich den Slogan in Leipzig gehört, wo ich nach einem Geschäftsessen in Auerbachs Keller unfreiwillig in eine Demonstration von Rechtsradikalen geraten war. Ein wütender Mob von Fremdenfeindlichen und wohl auch Neo-Nazis protestierte mal wieder gegen die Asylpolitik der Bundesregierung. Man wollte aber nicht als rechtsradikales Gesindel gelten, sondern als Stimme des Volkes, als Aufstand besorgter Bürger. Die Zeitungen sahen das anders; deshalb wollte man ihnen nun das Wort verbieten. Das Wort von der Lügenpresse stand wieder auf der Tagesordnung.

Ich kannte den Begriff und diese Regung gegen Journalisten aus den Geschichtsbüchern. In der Weimarer Republik, also zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur, war diese Medienschelte schon einmal gang und gäbe. Es drückt sich darin nicht nur eine Entfremdung zwischen der Stimmung bei bestimmten Bürgern und dem, was sie in der Zeitung lesen, aus. Zum Vorwurf der Lüge gehört ja, dass sie vorsätzlich geschieht. Man vermutet eine bewusste Politik der Volksverdummung. Und diese dort, wo das Gegenteil passieren soll, nämlich Aufklärung der Bürger. Es mag manchmal im Interesse von Mächtigen liegen, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Politiker galten zu allen Zeiten als Freunde der Halbwahrheit. Aber von einer kritischen Presse erwartet man, dass sie recherchiert, wo der Hase im Pfeffer liegt. Und das dann auch klar sagt.

Es war in deutschen Landen nicht immer gut um die Wahrheitspflicht der Zeitungen bestellt. In der Weimarer Republik stand der Name Hugenberg für eine „rechte“ Presse, die durch Verächtlichmachung der Demokratie den Nationalsozialisten den Weg an die Macht ebnete. „Linke“ Journalisten wanderten nach deren Machtergreifung ins Gefängnis oder gar ins KZ. Ein Kampf der Rechten gegen die Linken, das war auch in der Bundesrepublik ein notorisches Schema. In den Studentenprotesten der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts lebte es unter der Führung von Rudi Dutschke als Straßenkampf wieder auf. Objekt der studentischen Wut war die „rechte“ Springer-Presse. Der Springer -Verlag, in dem auch noch heutzutage „Bild“ und „Welt“ erscheinen, saß damals in der Kochstraße, dem historischen Zeitungsviertel Berlins. Jetzt heißt die Kochstraße nur noch zur Hälfte so. Der andere Teil ist nach Rudi Dutschke benannt worden. Die Studenten hatten nach einem Attentat auf Dutschke versucht, das Verlagshaus zu stürmen. Scheiben gingen zu Bruch. Lieferfahrzeuge des Verlages wurden in Brand gesteckt.

Zu den berühmten „linken“ Journalisten gehörte in der Bundesrepublik Stefan Aust, der zunächst beim Norddeutschen Rundfunk arbeitete, dann Chefredakteur des „Spiegels“ wurde. Heute ist er Herausgeber bei der „Welt“, also in jenem Verlag, der ihm einst verhasst war, weil er als „rechts“ galt. Ich treffe ihn in einem einschlägigen Berliner Lokal, dem Borchardt, und nutze die Gelegenheit zu der ironischen Frage, wie man sich als Linker denn so bei der rechten Presse fühle. Aust antwortet gut gelaunt: „Du, ich wollte da ja schon immer rein.“ Eine Anspielung auf die eingeworfenen Scheiben beim gewaltsamen Studentenproteste der 68er-Generation gegen den Springer-Verlag in der Kochstraße.

Ich schätze Aust sehr. Die Zeitung „Welt“ wandelt sich unter seiner Ägide im Moment gewaltig; das Blatt nimmt bei den überregionalen Zeitungen den Kampf mit den großen Qualitätstiteln wie „Süddeutsche“ oder „FAZ“ auf. Die Berichterstattung über den Kölner Silvester-Skandal ist dort so vorbildlich, wie sie es hier in unserer Zeitung war. Aber das ist nicht, was ich erzählen wollte. Es ging mir um „links“ und „rechts“ in der Presse. Mein Motto lautet: Es gibt keine „linken“ oder „rechten“ Journalisten. Natürlich haben unterschiedliche Blätter unterschiedliche Meinungen, und ein Teil der Presse haut gern in die eine oder in die andere Kerbe. Ich sage: Es gibt nur gute oder schlechte Journalisten. Die schlechten wissen manchmal nicht rechtzeitig, was wirklich passiert ist. Und wer dann einfach mutmaßt, der sollte den Beruf wechseln. Wer lügt, gehört entlassen. Vor allem aber lassen sich Journalisten nicht den Mund verbieten. Da können Pegida und AfD noch so oft brüllen. Gute Journalisten halten nicht die Fresse. Und das ist auch gut so.