Archivierter Artikel vom 03.05.2016, 19:21 Uhr

Klaus Kocks: Macht Macht glücklich?

Frühling riecht nach Freiheit. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / Durch des Frühlings holden, belebenden Blick“, so rezitiert schon Faust bei Goethe. Spaziergang durch den Stadtteil Tiergarten der Bundeshauptstadt. Hier liegt, wenig überraschend, der Zoologische Garten, ein Tierpark. Berlin hat vereinigungsbedingt einen Zoo Ost und einen Zoo West, jetzt bin ich im alten Westen, in der Nähe von Schloss Bellevue, wo der Bundespräsident residiert.

Das kriegen wir aber erst später; zunächst zu den anderen großen Tieren in den Käfigen. Im Zoo zieht es mich zu den Primaten, biologisch unsere nahen Verwandten. Faszinierend ist es, das Sozialverhalten in den Affengesellschaften zu studieren. Während die Mütter sich mit dem Nachwuchs rumärgern und die jungen Männchen ihre Kämpfe austragen, sitzt im Hintergrund das Familienoberhaupt.

Der Primat der Primaten

Der Primat der Primaten schaut nachdenklich. Bei genauerem Hinsehen erscheint er mir geradezu traurig. Da ist er schon „Chef von dat Janze“ und doch nicht frohgemut. Es ist einsam an der Spitze. Ist man da glücklich? Nein, man ist es nicht.

Ich wandere am Landwehrkanal lang, dann weiter in Richtung Bellevue. Dabei passiert man ein Denkmal für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Anführer der Kommunisten, die 1919 durch rechtsradikale Freikorpssoldaten ermordet und hier in den Kanal geworfen wurden. Ich erinnere mich an meinen Großvater mütterlicherseits, der noch in den 50er-Jahren zu singen wusste: „Dem Karl Liebknecht haben wir’s geschworen / Der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand …“ Mein Opa Heini war, zum großen Kummer seiner Frau, gelernter Kommunist.

Foto: funkyfrogstock -

Übrigens im Gegensatz zu meinem Opa väterlicherseits, der kaisertreu war und im Infanterieregiment zu Charlottenburg gedient hatte. Berlin ist ein Ort, an dem die deutsche Geschichte lebt. Auch in der Frühlingssonne scheinen die dunklen Seiten auf.

Ich stehe mittlerweile im Garten von Schloss Bellevue, dem Sitz des deutschen Staatsoberhauptes, und denke an die Bewohner zurück, die ich selbst noch gekannt habe. Johannes Rau hat hier als Bundespräsident gesessen. Ich habe ihn sehr geschätzt und mich in Düsseldorf, als er noch Ministerpräsident war, seines Wohlwollens erfreuen dürfen. Man sprach sich mit „Bruder“ an, so war das bei den Evangelen. Und Christian Wulff hat hier gelebt, nicht sehr lange. Seine Frau Bettina ist eine Berufskollegin von mir; man kennt sich aus Hannover. Wulff erlebte ich als Landesvater in Hannover. Er schnorrte gelegentlich, was man wieder ausgrub, als er die Gunst der Boulevardpresse verloren hatte.

Ein Sparkassenpräsident namens Horst Köhler

Und dann war da dieser unglückselige ehemalige Sparkassenpräsident namens Horst Köhler, der sich durch einen einzigen unbedachten Satz in ein Hörfunkmikro zum Horst machen ließ. Man hatte ihn mit dem altersdementen Heinrich Lübke verglichen, was ihn untröstlich traf.

Johannes Rau war hier nicht glücklich, Christian Wulff nicht und selbst Köhler fühlte sich verlassen. Ich sehe die Melancholie in ihren Gesichtern und denke an den Primaten im Zoo. „It’s lonely at the top“, singt ein amerikanischer Sänger namens Randy Newman, den ich sehr schätze. „You think I’m happy. But I’m not.“

Aber es ist Frühling. Über Schloss Bellevue flattert froh und munter die Deutschlandfahne im frischen Wind. Der Hausherr ist anwesend. Joachim Gauck geht es gut. Er bleibt noch eine Weile. Er ist hier, weil er aus seinem alten Käfig, der DDR, ausbrechen konnte. Deshalb ist der Erste Mann im Staate froh und sein Nachbar hinter Gittern, der gefangene Primat, nicht.