Archivierter Artikel vom 18.01.2016, 18:48 Uhr

Klaus Kocks: Eine Frage der Haltung

Berlin hat schon in den 20er-/30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts den Ruf eines ausschweifenden Nachtlebens genossen. Und im Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit wusste der Tourist aus Westdeutschland, dass die Berliner Kneipen keine Sperrstunde kannten.

Von den Kreuzberger Nächten wurde im Schlager geblödelt, dass sie 100 Meter lang seien und länger. Der vorletzte Regierende Bürgermeister namens Klaus Wowereit, ein Mann, der auf Bällen aus den Pumps von Desiree Nick Sekt trank, brachte es dann auf den Punkt. Berlin sei arm, aber sexy.

Dieser Nimbus der Halbwelt zieht Menschen an, aus aller Welt. Voriges Jahr hatte die deutsche Hauptstadt 30 Millionen Übernachtungen. Das ist ein echter Wirtschaftsfaktor. Allein dadurch dürften von den Gästen, die hier Touris genannt werden, 3 Milliarden Euro in die Stadt gespült worden sein. Big business. Dabei ist noch nicht gerechnet, dass der Touri shoppen geht und essen und trinken. Ja, und einige Unentwegte, die treibt es dann mitternachts wohl auch noch in die Lokalitäten, in denen vornehmlich rotes Licht brennt.

Zurzeit befinden sich zwei Berufsgruppen in der Stadt, die das Messewesen angelockt hat. Es ist „Fashion Week“, und die Modeschöpfer der Welt umturteln sich wie die sie begleitende Presse und natürlich die jungen Damen und Herren vom Vorführpersonal, die alle ausgesprochen schlank sind. Tagsüber Laufsteg, bis die Fersen bluten; Mode ist ein hartes Geschäft. Nächtens brummt dann ein anderes Geschäft in den Discos und Klubs und Bars. Man weiß nicht so recht, wie eine ganze Industrie davon leben kann, dass am Ende ein T-Shirt bei Primark 3 Euro kostet.

Der Kontrast zu der anderen Gruppe, die gerade das Straßenbild Berlins prägt, könnte nicht größer sein, jedenfalls was Kleidung und Benehmen angeht. In den Messehallen tagt eine Landwirtschaftsausstellung namens „Internationale Grüne Woche“, kurz Grüne Woche genannt, und den Bauern aller Herren Länder gehört die andere Hälfte der Stadt. Das ist aller Ehre wert. Zumal auch die Winzer aus Rheinland-Pfalz die edlen Gewächse von den Schieferterrassen präsentieren. Tagsüber Riesling am Stand, nachts Berliner Weiße in den Destillen.

Ich befrage einen Taxifahrer nach dem Verhalten der beiden Gruppen. Taxifahrer wissen so etwas. Mir wird berichtet, dass die Freunde der Mode sich in die Klubs zum Tanzen fahren lassen und die Freunde des Landlebens in die Nachtklubs. So landet dann wohl manche Stilllegungsprämie doch wieder im Wirtschaftskreislauf.

Mein Taxi bleibt jetzt im Verkehr stecken. Eine riesige Demo durchzieht Berlin und legt den Straßenverkehr lahm. 135 Traktoren fahren durch das Regierungsviertel, begleitet von zehn- oder zwanzigtausend Bauern, die die Bundesregierung beeindrucken wollen. Thema Massentierhaltung. Slogan: „Eine Frage der Haltung.“ Der Bauernverband zählt 20 000 Demonstranten, die Polizei 10 000, aber allein schon eine Kolonne von 100 Traktoren, das gibt dem Regierungsviertel einen anderen Charakter. Man kann froh sein, dass der deutsche Bauer mehr Benehmen hat als sein französischer Kollege. Dort wird dann schon mal Gülle in die Amtssitze entleert. Die Sorgen der Bauern sind ernst. Die Preise für Fleisch und Milch verfallen. Die Supermärkte benutzen ihre Produkte für Lockvogelangebote. Den Höfen droht das Aus. Bad business.

Schaden würden Stau und Gülle der Regierung im Moment eher nicht, weil die Herrschaften auf dem Weg nach Davos sind. Das ist ein bescheidenes Städtchen in Graubünden, also in den Schweizer Bergen. Hier tagen Ende Januar 2500 Hochwohlmögende, darunter allein 40 Staats- und Regierungschefs. Der Züricher Flughafen hat dann keine Stellflächen mehr, weil sich Hunderte von Privatjets ein Stelldichein geben. Ein Professor namens Klaus Schwab hat vor 46 Jahren begonnen, hier eine Art Tagung abzuhalten, zu der nur die wirklich Reichen und die wirklich Mächtigen eingeladen werden. Die Zufahrtsstraßen sind für Normal-Sterbliche abgesperrt. Und wenn der amerikanische Präsident kommt, dann ist sogar der Luftraum Hoheitsgebiet der Security. Der Geist des Ortes ist aber puritanisch, sprich moralingetränkt und betont bescheiden. Eigentlich passen Merkel und Gauck hier vom Äußeren her ganz gut hin. Man darf sich vom Freizeitdress des Restes der Meute nicht täuschen lassen; hier sind nur die, die richtig Geld haben.

Ich bin seit einigen Jahren in Davos zu Gast, und zwar als Journalist, also nur Zaungast, aber ich grüße Herrn Gates lässig mit: „Hey Bill!“ Mich erfüllt eine tiefe Demut. Ich weiß jetzt, was die Amis meinen, wenn sie von „wirklichem Geld“ sprechen. Really big business. Das ist nichts, was auf einem Konto bei der Sparkasse liegt.

Diese Herrschaften interessiert der Milchpreis nicht. Sie interessiert der Ölpreis. Und wenn das Fass nicht mehr 100 Dollar bringt, sondern nur 30, dann ist es schon mal an der Zeit, sich ernste Gedanken zu machen. Auch über die internationale Politik und den Nahen Osten. Wenn die Politik dabei nicht als Büttel des Kapitals erscheinen will, wird sie Haltung zeigen müssen. Das stand auch auf einer Broschüre, die ich auf der Demo in Berlin bekommen habe: „Eine Frage der Haltung.“ Untertitel: „Wie wir mit den Tieren, die unsere Lebensmittel liefern, umgehen wollen.“ Könnte man auch auf die Völker übertragen, die das Öl liefern?