Archivierter Artikel vom 28.10.2013, 06:00 Uhr
München

Ischinger: Außer Rand und Band

Der langjährige deutsche Botschafter in den USA und jetzige Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, sieht in der Abhöraktion gegen die Kanzlerin ein Versagen des amerikanischen Risikomanagements.

Schaden größer als Nutzen: Der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, über die Abhöraktion der NSA.  Foto: dpa
Schaden größer als Nutzen: Der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, über die Abhöraktion der NSA.
Foto: dpa

„Die Geheimdienstaufklärung in den USA ist außer Rand und Band geraten“, sagte Ischinger im Gespräch mit unserer Redaktion.

Kaum einer kennt die US-Sicherheitskreise so gut wie Sie – wie können die darauf kommen, die Kanzlerin abzuhören?

Es ist Aufgabe aller Nachrichtendienste, sich Informationen zu beschaffen, an die man auf normalen Wegen nicht herankommt, damit man zu einem möglichst umfassenden Lagebild gelangt. Ein vernünftig geführter Geheimdienst hat aber einen Risikomanager, der darüber entscheidet, ob das Vorhaben X, die Abhöraktion Y okay ist. Der hätte hier sagen müssen, dass der mögliche Schaden bei dieser Abhöraktion zehnmal größer ist als der wahrscheinliche Nutzen. Nach dem 11. September ist in den USA die Funktion des Risikomanagements geschwächt worden oder ganz entfallen. Die Geheimdienstaufklärung in den USA ist außer Rand und Band geraten.

Ist es denkbar, dass der US-Präsident in all den Jahren nichts davon erfahren hat?

Ich kann da auch nur spekulieren. Aber es erscheint mir schwer vorstellbar, dass so wichtige Partner wie Deutschland oder Frankreich über längere Phasen abgehört werden, ohne dass die Spitze des Weißen Hauses davon erfährt. Und wenn sie nichts erfahren hätte, dann müsste sie sich den Vorwurf gefallen lassen, die Geheimdienste nicht mehr im Griff gehabt zu haben.

Zum Personal der deutschen Botschaft in Washington gehören auch BND-Mitarbeiter. Haben diese ähnliche Aufträge wie die Geheimdienstmitarbeiter in der US-Botschaft in Berlin?

Natürlich gibt es in den großen deutschen Botschaften auch BND-Mitarbeiter. Aber die betreiben keine Abhöraktionen, sondern das sind Verbindungsleute zu den örtlichen Behörden. Ich kann nicht sagen, in welchen Ländern der BND welche Aufklärung mit welchen Mitteln betreibt. Aber ich weiß, dass es in Deutschland ein effektives Risikomanagement gibt. Wenn irgendeiner auf die Idee gekommen wäre, den amerikanischen Außenminister abzuhören, dann wäre das sicherlich in Berlin gestoppt worden.

Das Gespräch führte Gregor Mayntz