Archivierter Artikel vom 31.01.2014, 13:57 Uhr
Kirchen

Himmelfahrtskommando ins gelobte Land: Rumänen campieren bei Freusburg

2100 Kilometer sind sie gefahren. Ziel: Das reiche Deutschland. Da gibt es Arbeit, und wenn man an Geld nicht durch Arbeit herankommt, dann wenigstens durch betteln. „Euro„ ist eines der wenigen Worte, das sie auf deutsch können, und „Entschuldigung“. Sicher Zigeuner, sagt mancher. Doch sie sagen, sie seien weder Sinti noch Roma, sondern dass sie zur ungarischen Minderheit in Rumänien gehören.

Von unserem Redakteur Peter Seel

Drei Familien lagern auf einer Wiese hinter Freusburg, an der B 62 Richtung Siegen. Arbeit in ihrer Heimat im kleinen, ländlichen Kreis Covasna in Siebenbürgen zu finden, ist ungleich schwerer als bei uns. Und wer doch einen Job findet, wird nicht halb so gut bezahlt wie hier. Wirtschaftsflüchtlinge nennen sie die einen. Gesindel, das gar nicht arbeiten will, hört man von anderen. Und: Die wollen sich an unserem hart erarbeiteten Wohlstand bereichern, nicht nur durch betteln – auch durch stehlen. Schon im Spätsommer 2013 waren sie mal in Kirchen, heißt es beim Ordnungsamt der Verbandsgemeinde. Und ja, zum betteln. Die Stimme der Behördenmitarbeiterin klingt verschämt.

Den früheren Holzlagerplatz im Siegbogen hätten sie erreicht, indem sie im Zufahrtsbereich schwere Steine und einen dicken Poller weggeräumt hätten. Gestern habe man ihnen eine Verfügung gebracht, dass sie den Platz zu räumen haben. Im Raum Betzdorf seien sie durch Belästigungen in Geschäften aufgefallen. Ob die Frauen und Männer, die da an der Sieg campieren, wirklich einen Job annehmen würden, wenn sie einen bekämen, oder ob sie das gar nicht erst versuchen, das können nur sie selbst sagen. Und ebenso, ob sie solche Träume nicht längst aufgegeben haben und einfach nach dem Prinzip leben, auch ein Stück vom großen europäischen Kuchen abkriegen zu wollen.

Zumindest erzählen sie in ihrem bruchstückhaften Deutsch, dass sie Arbeit suchen. In einem Rutsch seien sie deshalb von Rumänien bis hierher gefahren, in ihrem alten Neunsitzer-VW-Bus. Erst hier hätten sie erfahren, dass man eine Arbeitserlaubnis braucht und diese und jene Papiere. Nun wolle man wieder zurück, das alles besorgen und es dann wieder versuchen. Ein Himmelfahrtskommando, muss man unwillkürlich denken. Getragen von so etwas wie Hoffnung und vielleicht einem Gefühl wie „Was haben wir schon zu verlieren?“ Ihr Zuhause war bisher, schreiben sie auf einen Zettel, die 18.000-Einwohner-Stadt Târgu Secuiesc in Siebenbürgen. Neben einem ungarischen trägt sie auch den deutschen Namen Szekler Neumarkt. 75 Prozent der rund 220.000 Menschen in Covasna geben Ungarisch als ihre Muttersprache an, doch weil Siebenbürgen vor über 800 Jahren von Deutschen besiedelt wurde und bis zum Fall der Mauer seine deutschen Traditionen hochhielt, wird fast überall noch etwas Deutsch gesprochen. Wenn also die Grenzen innerhalb Europas offen sind für Leute, die in den westlichen Ländern arbeiten wollen, dann ist Deutschland für viele Rumänen die erste Wahl.

Anfang der Woche dann schlagen sie im Siegtal bei Freusburg ihre drei dünnen Campingzeltchen auf. Ein Dutzend Leute im Alter zwischen sieben und ungefähr 30. Sie baden in der kalten Sieg, erzählen die Kirchener. Der Rauch eines Lagerfeuer steigt einem an der B 62 schon von Weitem in die Nase. Es ist kalt, sagen sie: „Da muss mit Feuer.“ Geld haben sie nicht viel dabei. Um die 500 Euro hätten sie mitgenommen für die Verpflegung, sagen sie. Doch die sind jetzt weg. Ebenso wie der Zündschlüssel für den Bus und der Führerschein.

Ötves Zoró ist 26. Er ist der einzige der Gruppe, der einen Führerschein hat. „Erheblich alkoholisiert“ erwischte ihn eine Polizeistreife am Mittwochnachmittag kurz vor 16 Uhr auf der Strecke von Daaden nach Alsdorf. Im Daadener Land haben sie gebettelt. Für die Kinder. Und für Alkohol. Den brauchen sie, weil es nachts kalt ist. Und vielleicht auch für den Stolz. Am Norma-Markt Alsdorf taten die Polizeibeamten ihre Pflicht, stellten Führerschein und Autoschlüssel sicher. Und die 500 Euro, die als Sicherheit einbehalten wurden. Die werden dann mit der Strafe verrechnet, die der Anzeige wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss unweigerlich folgen wird. Wie sie nach Hause kommen sollen, das wissen sie noch nicht. Sie brauchen einen Ersatzfahrer, wollen nach Rumänien anrufen, dass jemand mit Führerschein sie holt. „Warten auf Chauffeur“, sagt Ötves Zoró. „Das ist denen ihr Problem“, heißt es bei der Polizei. „Wenn jemand mit einer gültigen Fahrerlaubnis zur Wache kommt, wird der Schlüssel wieder ausgehändigt.“ Betteln müssen sie jetzt erst recht. Fürs Essen. Für den Sprit. Für die Rückfahrt vom gelobten Land nach Hause.