Archivierter Artikel vom 24.11.2015, 14:12 Uhr

Heldenverehrung – Über den Kult des Gesunden in der Führung

Berlin ist indiskret. Man erfährt auch Privates. Es wird aus dem Nähkästchen geplaudert, wie es eine meiner Leserinnen formulierte. Gerade habe ich gehört, dass eine Spitzenpolitikerin unter Diabetes leide. Ist das eine Tragödie? Nein, nicht, wenn man sich darum kümmert. Werde ich sagen, wer das ist? Nein, das werde ich nicht. Warum? Die Betreffende will das nicht.

Sie fürchtet um ihren Ruf. Das ist schade. Sie könnte ein gutes Vorbild sein für die Million von Menschen, die an Diabetes leidet und sich noch nicht behandeln lässt. Die Zuckerkrankheit ist ein Massenphänomen, kein Charakterfehler, gut behandelbar und sie kann nun wirklich jeden treffen. Warum also schämt sich die Diabetikerin? Weil die Frauen in der Führung die besseren Männer sein wollen.

Dabei herrscht eine Zwangsvorstellung, die ich Vitalismus nennen möchte, Gesundheitswahn. Von Helden erwartet man, dass sie unbesiegbar sind. Sie sollen ewig leben, damit uns Normalsterblichen die Bewunderung leichter fällt. Dabei spielt ein Empfinden eine Rolle, das die Menschen erlernt haben, als sie noch gar keine Menschen waren. Das Rudel der wilden Tiere wählt den Kräftigsten zum Anführer. Die Damen im Tierreich lassen jene mit den breiten Schultern bevorzugt zur Begattung zu. Bei manchen Tieren, weiß man gar nicht, ob nicht die Mütter das Sagen haben und die Väter nur so tun. Die Männchen brezeln sich als Gen-Monster auf. Will folglich jemand Führer sein, darf er keine Schwäche zeigen. Das galt bei den Menschen früher nur für die Männer, jetzt gilt es auch für die Frauen, wenn sie führen wollen.

Die Lateiner haben dies in einen Spruch gemeißelt, der da lautet: Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper. Natürlich ist das Unsinn. Ich kenne Muskelpakete, die strunzdumm sind. Und Menschen mit einer Behinderung, die mir jeden Respekt abnötigen. Man sah es ja in der Euro-Krise: der stärkste Politiker Europas war nicht der rotzfreche Grieche in der Lederjacke auf dem Motorrad, nein, er saß in einem Rollstuhl. Es mag im Tierreich so sein, dass nur der Stärkere überlebt, aber in einer Demokratie, da sollte es schon der Klügere sein. Man mag das bei einer Schlägerei auf dem Schützenfest anders sehen, aber in der Regierung dieses Landes würde ich schon gern jene sehen, die es zu Charakter und Verantwortungsbewusstsein gebracht haben, und nicht die Halbstarken von der Kirmes.

Trotzdem gibt es den Sozialdarwinismus, das Streben nach Übermacht als der Gesundeste. Das liegt auch an unserer Angst vor dem Kranksein. Wir hören von einer bösen Krankheit und wollen sofort fliehen. Machen Sie mal das Experiment und erzählen Sie in Ihrer Stammkneipe mitten in die trinkbereite Runde, dass der Prostatakrebs Sie ereilt habe und man nicht mehr ganz so oft beisammen sitzen werde. Wenn Sie bisher nicht einsam waren, jetzt werden Sie es. Politiker, die sich dem Urteil der Wähler stellen müssen, fürchten alles, was die Menschen davon abhalten könnte, sie zu wählen. Da will niemand die Krätze, wenn die Menschen sich abwenden, wenn sie Krätze hören. Das verstehe ich wohl. Aber Diabetes ist nicht die Krätze. Nicht mal die Krätze ist die Krätze.

Kluge Menschen wissen, dass die Krankheit zum Leben gehört wie das Gesundsein. Weise Menschen wissen, dass wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind. Wer diese Demut empfindet, ist auch fähig zu Lebensfreude und Lebenswille. Und die Fröhlichen, die leben länger. Sagt mein Doktor und er ist ein sehr guter Arzt (sitzt übrigens in Vallendar; aber das wird jetzt Schleichwerbung). Ich kenne gar keine Menschen ohne Behinderung, jedenfalls nicht in Berlin, und schon gar nicht in der Spitzenpolitik. In den leichteren Fälle ist es etwas Körperliches. Diabetes zum Beispiel. Bei den schwereren Fällen ist woanders eine Schraube locker. Und es soll auch schon mal einen kompletten Dachschaden geben, in einem ansonsten kerngesunden Körper.