Archivierter Artikel vom 08.03.2016, 17:06 Uhr

Doppelspitze: Klaus Kocks über Sigmar und Gabriel

Der böseste Witz in Berlin ist zur Zeit: Auch die SPD hat eine Doppelspitze. Das Prinzip haben die Grünen eingeführt, weil sie sich nicht entscheiden können. Nicht zwischen Mann und Frau. Und nicht zwischen Realo und Fundi.

Was der Unterschied in der Geschlechterfrage ist, das weiß jeder, der seine Pubertät hinter sich hat. Realos sind bei den Grünen kompromissbereite Realpolitiker. Die Fundis unter den Ökos stellen ihre Gesinnung über die Wirklichkeit. Man könnte sagen, das eine sind die Spinner, das andere die Gestalter. Und so gibt es an der Spitze der Öko-Partei mal einen männlichen Spinner und eine weibliche Gestalterin oder umgekehrt.

Das macht die SPD jetzt auch so? Nicht ganz. Der komplette Witz lautet nämlich so: „Die SPD hat jetzt eine Doppelspitze. Sie wird von Sigmar und Gabriel geführt.“ Die Pointe zahlt auf das Vorurteil ein, dass der SPD-Vorsitzende sprunghaft sei und seine Meinung häufig ändere. Das findet der Harzer Roller (eine Singvogelart in Gabriels Heimat Goslar) ungerecht. Ich verstehe ihn. Frau Merkel gilt nicht als sprunghaft. Sie steht im Ruf, ihre Meinung so gut wie nie zu ändern. Wir schaffen das. Beides ist übrigens falsch. Richtig ist, dass die CDU-Vorsitzende Änderungen ihrer Politik nicht erkennbar macht. Was vorher alternativlos war, kann nicht plötzlich anders sein. Angie ist raffinierter als Siggi. Hund und Katze. Der SPD-Vorsitzende bellt, er poltert. Und er ist schnell im Kopf. Was jene hassen, denen der Herrgott weniger Grütze mitgegeben hat, wovon es auch in der SPD nicht wenige gibt.

Wer Kanzler werden will, muss in der Bundestagswahl eine gute Figur machen. Und am Ende genug Stimmen im neugewählten Bundestag haben, dass es zu einer regierungsfähigen Mehrheit reicht. Ich habe Gerhard Schröder bei einer Wahl begleitet, in der er es auf 41 Prozent gebracht hat. Sein Berater und Sprecher war der fabelhafte Uwe Carsten Heye, ein Willy-Brandt-Impresario. Danach hat Schröder noch mal 39 Prozent für die SPD geliefert. Dann nur noch, auch wenn er es nicht wahrhaben wollte, schlanke 34 Prozent. So kam Angela Merkel an die Macht. Der unglückselige Frank-Walter Steinmeier hat dann 2009 ganze 23 Prozent geliefert. Der schwer erträgliche Herr Steinbrück 2013 dann nur ganze 2,7 Prozentpunkte mehr. Seitdem ist die SPD im Korridor der 25-Prozent-Partei eingemauert. Wird die SPD das 2017 mit ihren beiden Kandidaten Sigmar und Gabriel ändern und zu alter Form zurückfinden?

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Von einer knappen Hälfte auf ein Drittel, runter zu einem Viertel, mit der bösen Chance, bei einem Fünftel zu landen? Was ist los im Staate Dänemark? Es fehlt ein plausibles Rollenkonzept. Schröder kam an die Macht, weil er die Erwartung an den Abschied des Dicken erfüllen konnte. Die Leute waren den bräsigen Pfälzer mit den Ehrenworten für Schmiergeld als Übervater leid. Schröder gab den Sohn, der den verdienten Vater im Staat in den Ruhestand schickte. In der CDU nahm Merkel die gleiche Rolle des Generationenwechsels wahr. Sie schickte den ausgedienten Vorsitzenden ins Altersheim. Welche Rolle aber hat Siggi bei Mutti? Keine, die wir aus unserem kulturellen Gedächtnis kennen.

Den Vatermord behandelt die antike griechische Tragödie mit dem Trauerspiel um Ödipus. Dieser Held hat den Vater erschlagen und dann seine Mutter geheiratet. Das gilt als Tabu, aber wir verstehen es. In Berlin macht das Staatstheater keinen Sinn. Dass der wohlgenährte Sohn seine Mama, die sich für die Familie verzehrt, mordet, um selbst Papa zu werden, das geben die alten Mythen, Märchen und Sagen nicht her. Und deshalb fehlt es an Plausibilität. Der Wähler ist im Herzen blockiert, vor allem aber im Hirn. Kognitive Dissonanz nennt das der Seelenklempner. So wird das nichts.

Mit Willy Brandt war die Restauration zu Ende; der Nachkriegs- und Wirtschaftswundermief wurde durchgelüftet. Die Sehnsucht nach neuen Zeiten fand einen Politiker, der sie verkörpern konnte. Mit Schröder, der was vom braven Brandt und von einem zynischen Hund gab, hatte es sich zur allgemeinen Erleichterung ausgekohlt. Als Kohl ging, atmete das Land auf, historische Verdienste hin oder her.

Wie endet eine Wahl, in der nun Gabriel gegen Merkel stünde? Gabriel würde in dieser Logik nur Kanzler, wenn selbst die Merkel-Wähler Merkel nicht mehr wollen. Sein Schicksal liegt also gar nicht in seinen Händen. Das hat etwas Tragisches.