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Pyeongchang

Die Olympia-Macherin im Hintergrund: Ohne Kathi Wichterle wäre Lölling nicht eine der besten Skeletonpilotinnen [Teil 5]

Sie steht immer an der Bahn, in den Fernsehübertragungen der Weltcuprennen tritt sie aber nie in Erscheinung. Interviews zwischen oder nach den Läufen sind auch nicht ihre Sache, darum kümmert sich der Bundestrainer. Doch ohne Kathi Wichterle wäre Jacqueline Lölling aus Brachbach vermutlich eines nicht: die beste Skeletonpilotin der Welt.

Vertraute aus der Heimat: Kathi Wichterle ist nicht nur Jacqueline Löllings Heimtrainerin, sondern zugleich ihre Physiotherapeutin und Osteopathin. Sie betreut die Skeletonpilotin aus Brachbach auch bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang. Foto: Regina Brühl
Vertraute aus der Heimat: Kathi Wichterle ist nicht nur Jacqueline Löllings Heimtrainerin, sondern zugleich ihre Physiotherapeutin und Osteopathin. Sie betreut die Skeletonpilotin aus Brachbach auch bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang.
Foto: Regina Brühl

Wichterle saß förmlich auf gepackten Koffern, als sie sich noch kurz Zeit für das Telefonat nahm. Danach ging es zum Training mit der amtierenden Weltmeisterin, die letzten Stunden in Deutschland wollten genutzt sein. Wie Lölling, die Pilotin, hat sich auch Wichterle, die Heimtrainerin, auf ihre ersten Olympischen Spiele vorbereitet. „Ich sehe das als großes Abenteuer“, sagte sie einen Tag vor dem Abflug. Wichterle sprach ganz ruhig, die Vorfreude war aber nicht zu überhören. Dass sie nun, im Februar 2018, zum großen Tross an Sportlern, Betreuern und Trainern gehört, den der Deutsche Olympische Sportbund Richtung Pyeongchang nach Südkorea geschickt hat, hätte sie sich vor vier Jahren noch nicht träumen lassen.

Wichterle und Lölling kannten sich zwar schon, als es im russischen Sotschi um Gold, Silber und Bronze ging, doch wenn sie sich sahen, stand nicht Training auf der Tagesordnung, sondern der Kampf gegen Verletzungen und Wehwehchen.

Wichterle blickt nicht auf eine Wintersportvergangenheit zurück, im Gegenteil. Sie ist Sportwissenschaftlerin, hat nach dem Studium Ausbildungen in Physiotherapie und Osteopathie absolviert. Inzwischen ist sie für Lölling so etwas wie das Mädchen für alles, eine Macherin im Hintergrund, die genau weiß, was ihrer Athletin gut tut. „Früher habe ich Jacqueline bei größeren Verletzungen behandelt“, erinnert sich Wichterle an die Begegnungen in der Praxis in Löllings Heimatort Brachbach. „Irgendwann bin ich dann auch mal einen Tag zum Training mitgefahren.“ Ende 2013 führte die Quereinsteigerin erste Gespräche mit einem Trainer, Mitte 2014 nahm sie das Grundlagentraining mit der aufstrebenden Nachwuchspilotin auf. „Da habe ich dann auch mal genauer hingeschaut, was Skeleton eigentlich ist“, sagt Wichterle.

Berührungsängste gab es dabei keine. Warum auch? Als Sportwissenschaftlerin, die bis dahin überwiegend mit Hallensportarten zu tun hatte und selbst vom Handball kommt, kennt sie Bewegungen in all ihren Ausprägungen. „Bei vielem in der Trainingsarbeit im Skeleton geht es um den Start“, sagt Wichterle. „Also habe ich mir angeschaut, wie ein solcher Start abläuft und worauf es ankommt. So etwas lässt sich analysieren, auch wenn man nicht aus dem Skeletonbereich kommt.“

Der Schritt von der Physiotherapeutin und Osteopathin hin zur Trainerin erfolgte schleichend, doch seit 2015 ist Wichterle die Frau, die schon im Sommer dafür sorgt, dass im Winter bei Jacqueline Lölling die Form stimmt. Viele leichtathletische Elemente bestimmen seither die Trainingsarbeit, aber schnell laufen zu können, das ist längst nicht alles. Allgemeines Krafttraining bildet die Grundlage, auch Maximalkraft spielt eine große Rolle. „Entscheidend ist aber die Übertragung der Maximalkraft in Schnellkraft“, sagt Wichterle. „Ein Schlitten im Skeletonsport ist kein Bob. Er hat kein großes Gewicht, das erst mal in Bewegung gesetzt werden muss, sondern ist relativ leicht und lässt sich auf dem Eis entsprechend leicht anschieben.“

Bei der WM in Winterberg holt Jacqueline Lölling Silber – und verblüfft damit die Konkurrent. Foto: dpa
Bei der WM in Winterberg holt Jacqueline Lölling Silber – und verblüfft damit die Konkurrent.
Foto: dpa – picture alliance

Die Kunst ist es, den Schlitten in stark gebückter Haltung nach vorne zu treiben, dabei selbst schnell eine möglichst hohe Geschwindigkeit zu erreichen und letztlich noch die erlernte Technik umzusetzen, die man braucht, um aus dem vollen Lauf am besten ohne Tempoverlust auf das flache Gefährt zu springen. „Dabei ist Jacquelines Größe natürlich ein wichtiger Punkt“, weiß die Trainerin. Lölling ist unter den Top-Pilotinnen die Größte, in der stark gebeugten Haltung beim Anlauf am Start bringt das Nachteile mit sich, die sich seit jeher in der ersten Zwischenzeit bemerkbar machen. Die Brachbacherin muss ihren Rumpf viel weiter nach vorne beugen als kleinere Pilotinnen und dabei in dieser komplexen Bewegung auch mehr Masse bewegen. „Jede Verbesserung im Startbereich beruht auf jeder Menge Arbeit“, betont Wichterle.

Wie gut Trainerin und Athletin harmonieren, hat sich zu Beginn der Olympischen Saison auch in Zahlen ausgedrückt. In 4,99 Sekunden unterbot Jacqueline Lölling zum ersten Mal in ihrer jungen Karriere die vom Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) geforderte Startnorm, die eine der Grundlagen für einen Platz im Weltcupteam ist. „Das war wichtig – nach außen wie nach innen“, sagt Wichterle, die maßgeblichen Anteil an der Verbesserung hat. „Es hat Jacqueline sehr viel bedeutet, diese Marke zu schaffen.“

Was der guten Vorbereitung folgte, war eine Saison nach Maß mit vier Siegen in acht Weltcuprennen. Was noch aussteht, ist die Krönung in Pyeongchang. „Es gibt diese Chance nur alle vier Jahre“, weiß die Trainerin um die Bedeutung der vier Läufe am Freitag und Samstag. Wenn Jacqueline Lölling durch den Eiskanal rast, wird Kathi Wichterle wieder an der Seite stehen. Man wird sie wahrscheinlich nicht sehen in den Übertragungen, auch die Interviews dürften mit anderen geführt werden, Bundestrainer Jens Müller etwa. Wenn das Ergebnis stimmt, kann die Macherin im Hintergrund damit aber ganz sicher sehr gut leben.

Von unserem Redakteur Marco Rosbach

Auf dem Weg zu Gold

Skeletonpilotin Jacqueline Lölling aus Brachbach gehört im südkoreanischen Pyeongchang zu den großen deutschen Goldhoffnungen. Bis zu ihrem Wettkampf stellen wir die 23-Jährige, ihren Werdegang und ihr Umfeld vor.

Teil 1: Das Abenteuer beginnt
Teil 2: Der Weg nach oben
Teil 3: Der große Rückhalt
Teil 4: Der Bundestrainer
Teil 5: Die Vertraute
Teil 6: Die Materialfrage
Teil 7: Der große Tag

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