Archivierter Artikel vom 27.01.2011, 18:23 Uhr
Cochem

Cochemer Reichsburg ist Kulisse für Märchenverfilmung der „Sterntaler“

Szene 34/7, die erste. Die Klappe fällt, und die Cochemer Reichsburg verwandelt sich in ein Königsschloss. Vor dessen Toren steht der Teufel in Gestalt des Händlers Caspar und lockt die kleine Mina. Regisseurin Maria von Heland dreht „Die Sterntaler“, eine Fernsehproduktion der Bavaria Film im Auftrag des SWR für die ARD-Märchenreihe „Sechs auf einen Streich“. Die Produktionskosten liegen bei etwa 1 Million Euro. Kulisse ist die Cochemer Reichsburg.

Sitzt auch alles? Der SWR hat auf der Reichsburg in Cochem eine neue Adaption des Märchens „Sterntaler“ gedreht.

Andreas Walz

Alles Kohl, oder was? Nein, zwischen den Kohlköpfen kauert Mina, um unentdeckt auf das Schlossgelände zu gelangen. Das Filmteam ist zufrieden.

Stundenlang warten Reinhard Berwanger aus Landkern und seine Dunja auf ihren Einsatz. Das Pferd zieht den Wagen voller Kohl auf den Schlosshof.

Hat ihre Sache gut gemacht: Lisa Ferrlein vom Valwigerberg ist als Bäuerin mit Hühnern aus Landkern in einer kurzen Szene zu sehen.

In den Klauen des Teufels: Die kleine Mina verhandelt mit dem Händler Caspar, gespielt von Rufus Beck.

Da geht's lang. Set-Aufnahmeleiter Peter Drechsler (rechts) spricht mit Reinhard Berwanger ab, wo Kutsche und Pferd zum Stehen kommen sollen

Das Mädchen Mira macht sich darin auf den Weg zu König und Königin, um für seine Eltern um Gnade zu bitten. Die wurden von den hartherzigen Herrschern vor Jahren verschleppt.

Andreas Walz

„Und Action“: Beim Dreh geht's heiß her.

Andreas Walz

Das Mädchen Mira (Meira Durand)

Andreas Walz

Der König (Thomas Loibl)

Andreas Walz

Die Königin (Juliane Köhler)

Andreas Walz

Cochem – Szene 34/7, die erste. Die Klappe fällt, und die Cochemer Reichsburg verwandelt sich in ein Königsschloss. Vor dessen Toren steht der Teufel in Gestalt des Händlers Caspar und lockt die kleine Mina.

„Es gibt noch einen anderen Weg ins Schloss. Aber der hat natürlich seinen Preis“, sagt er mit einem bösen Grinsen. Während er von dem Mädchen den Hund zurückfordert, den er ihm erst vor Kurzem verkauft hat, beobachtet Maria von Heland an einem kleinen Monitor das Minenspiel von Rufus Beck. „Wir machen’s noch mal. Diesmal etwas schleimiger, okay, Rufus?“, ruft sie dem Schauspieler zu, der den Teufel verkörpert. Maria von Heland ist die Regisseurin von „Die Sterntaler“, einer Fernsehproduktion, die die Bavaria Film im Auftrag des SWR für die ARD-Märchenreihe „Sechs auf einen Streich“ dreht. Die Produktionskosten liegen bei etwa 1 Million Euro.

Mina erbittet Gnade für ihre Eltern

Rochus Hahn, der auch das Drehbuch zu Sönke Wortmanns Spielfilm „Das Wunder von Bern“ geschrieben hat, hat auf der Grundlage des Grimm’schen Märchens eine Geschichte entwickelt, in der es um die elfjährige Mina geht, gespielt von Meira Durand. Sie macht sich auf den Weg zum Schloss, um den König und die Königin um Gnade für ihre Eltern zu bitten. Die sind von den hartherzigen Herrschern vor Jahren gemeinsam mit vielen anderen Müttern und Vätern zum Frondienst aus ihrem Dorf verschleppt worden. Dieses Schloss, das war Maria von Heland gleich klar, konnte nur die Reichsburg sein. „Es ist einfach eine märchenhafte Burg“, sagt die gebürtige Schwedin und lobt auch gleich die Freundlichkeit der Cochemer. Zum Beispiel die von Joachim Zipfel, dem Hausmeister der Reichsburg, der beim Ausräumen des Rittersaals geholfen hat, geduldig jede Lampe nach den Wünschen des Filmteams an- oder ausschaltet und der, wenn er nicht gebraucht wird, neugierig dem Trubel in „seinem“ Burghof zusieht.

Dort steht Rufus Beck frierend unter einem rot-blau karierten Regenschirm, lässt sich abpudern und die Augenbrauen kämmen, und während er in seinem Lederkostüm mit Pelzbesatz auf die nächste Klappe wartet, hält er sich grüblerisch die rechte Hand ans Kinn. „Das ist ein tolles Bild mit der Hand im Gesicht, Rufus, vielleicht solltest du so beginnen“, sagt Maria von Heland. Der Darsteller nickt. Ton- und Kameramann auch.

Es kann losgehen. Szene 34/7, die zweite. Die Regisseurin ist nicht zufrieden. Obwohl der Regen stärker wird, wird die Szene noch zweimal gedreht – einmal mit einem weinerlichen, einmal mit einem drohenden Teufel. Dann haben Requisiteure und Beleuchter zehn Minuten Zeit, die nächste Szene vorzubereiten, und Meira Durand darf sich im historischen Keller der Burg aufwärmen, der als Garderobe dient. Rufus Beck dagegen muss noch ein wenig im Regen stehen. Maria von Heland will eine Tonprobe. Sie winkt den Schauspieler und einen Komparsen herbei. Rufus Beck redet, wahrlich wie der Teufel, auf den Bauern ein, will ihm eine Paste gegen Warzen verkaufen. Der Mann lehnt erst ab und beginnt dann zu verhandeln. Die Regisseurin freut sich über das ungeplante Wortgefecht, und für den Komparsen, Reinhard Berwanger aus Landkern, ist es gar der spannendste Augenblick des Drehtages.

Versteckt unter Kohlköpfen

Dabei ist der 55-Jährige in ganz anderer Mission auf der Burg. Er hat Dunja, ein zehnjähriges Noriker-Kaltblutpferd, und eine Kutsche dabei, die für den Dreh gebraucht werden. Mina, die in Szene 34/8 an der Schlosspforte vergeblich um Einlass bittet, muss auf das Schlossgelände geschmuggelt werden. Sie versteckt sich in einem Wagen voller Kohlköpfe, den Berwanger durch das Schlosstor lenken wird. Weil das Pferd eines Bauern nicht zu edel sein darf, sollte der Polizist seine Dunja nicht putzen. „Dieser Anweisung habe ich mich aber widersetzt“, verrät Berwanger lächelnd. Seit 9 Uhr wartet er auf seinen Einsatz. Doch der Regen und der Lärm von Flugzeugen oder vorbeifahrenden Züge zwingen das Filmteam immer wieder zu kurzen Drehpausen. Um 15 Uhr ist in Sachen Kutschenszene noch nichts geschehen, und der Landkerner wird im Gegensatz zu der gelassen vor sich hin kauenden Dunja langsam unruhig.

Andere, ebenfalls als Bauern verkleidete Komparsen – darunter Gerd Birkenbeil aus Pommern, Franz Braun aus Faid, Paul Spiewok aus Cochem und Lisa Ferrlein aus Valwigerberg – sind schon seit 6 Uhr am Set. Manche scherzen schon, welchen Wert ihre Autogrammkarten nach der „Sterntaler“-Ausstrahlung haben werden, die für Weihnachten geplant ist. Doch im Grunde geht es ihnen um den Spaß, einmal bei einer Filmproduktion dabei zu sein. „Ich habe jetzt einen ganz anderen Eindruck davon, welcher Aufwand hinter jeder Szene eines Films steckt“, sagt etwa Gerd Birkenbeil.

Komparsen kreuzen den Weg

Um 16.30 Uhr, das Tageslicht schwächelt schon bedenklich, ist es endlich so weit. Helfer verlegen Schienen auf dem Pflastersteinweg hoch zum Burgtor, damit die Kamera Reinhard Berwangers Kutschfahrt holperfrei einfangen kann. Während der Landkerner Dunja vor die Kutsche voller Kohl spannt, gibt Regieassistent Günther Ruckdeschel den anderen Komparsen Anweisungen.

Weil es schwierig ist, Kutsche und Pferd in Position zu bringen, will Maria von Heland die Szene beim ersten Mal im Kasten haben. „Volle Konzentration“, fordert die Regisseurin. Szene 35/2, die erste. Berwanger treibt Dunja an, die Kutsche rast an den Wachen vorbei in den Schlosshof, die anderen Komparsen kreuzen danach den Weg – mit sehnsüchtigem Blick auf das Schlosstor, hinter dem sie ihren Hunger stillen könnten. Aber was Maria von Heland auf ihrem Monitor sieht, gefällt ihr nicht. „Zurück auf Start“, entscheidet sie. Szene 35/2, die zweite.

Die sitzt.

Die Regisseurin dankt den Komparsen: „Gut gemacht“. Sie dürfen nun aus ihren Kostümen schlüpfen und machen sich auf den Weg hinunter ins Tal. Hinter ihnen fällt die letzte Klappe, und das Königsschloss verwandelt sich wieder zurück in die Cochemer Reichsburg.

Von unserer Redakteurin Sonja Plachetta