Archivierter Artikel vom 03.06.2018, 20:44 Uhr
Nürburgring

Cheflogistiker bei Rock am Ring: Der Mann, der den Ring kennt wie kein Zweiter

Megastimmung, Megabands, Megafestival – so rund läuft Rock am Ring aus Fansicht. Tage und Nächte feiern sie zur Musik ihrer Helden – etwa den Foo Fighters. Während die das Festival am Finalsonntag krönen, parken hinter den Kulissen mehr Nightliner, als gerade Musiker auf der Bühne stehen. Mit zehn dieser Busse, quasi rollenden Hotels, ist die Band angereist, neben 20 weiteren Sattelzügen! Crew, Technik, Showequipment: Bei einem Festival dieser Größenordnung findet eine Materialschlacht statt, die unsichtbar bleibt, weil sie gut koordiniert wird. Von einem Mann: von Cheflogistiker Rainer Frenkel.

Sorgt dafür, dass Rock am Ring rundläuft, indem er unter anderem 40 Firmen koordiniert: Cheflogistiker Rainer Frenkel.
Sorgt dafür, dass Rock am Ring rundläuft, indem er unter anderem 40 Firmen koordiniert: Cheflogistiker Rainer Frenkel.
Foto: Melanie Schröder

Er und sein Team. es sind seiner Aussage nach bis zu 8000 Menschen, die vorab, während des Festivals und im Nachhinein mitwirken – führen ein Schattendasein, ja sind regelrechte Festivalphantome. Aber sie sind es gern. Denn genau das macht den Logistikjob aus: „Wenn man keine Notiz von uns nimmt, dann ist es ein gelungenes Festival, sagt Frenkel, der sich als Dienstleister für die Fans versteht.

Bei ihm laufen alle Fäden des Festivals zusammen. Das heißt im Klartext die Koordination von rund 40 Firmen, die am Entstehen der Partykulisse beteiligt sind – von Essensversorgung, Sanitäreinrichtung und Geländesicherung bis zur Lenkung der Menschenströme, Fluchtwegplanung und dem großen Reinemachen, nachdem die Rocker längst weg sind – nur ihre Tonnen von Müll nicht.

Immer etwas zu verbessern

Schon sieben Monate vor dem Festival beginnt Frenkels Arbeit. Dann entwirft er das Logistikkonzept. Wer glaubt, jahrelange Erfahrung – Frenkel ist seit 1996 bei Rock am Ring im Einsatz – heißt, dass alles routiniert abläuft, irrt. „Es gibt immer etwas zu verbessern“, erklärt er seine „Berufskrankheit“.

In diesem Jahr ist das etwa eine Trinkwasserstation im Bühnenbereich. „Die stand zuletzt nicht gut, es gab Gedränge. Da mussten wir handeln.“ Die Station wurde verlegt. Ebenso wie ein Podest für beeinträchtigte Besucher, das die Seite vor der Hauptbühne gewechselt hat. Und diese scheinbar kleine Anpassung zieht einen Rattenschwanz an Arbeit nach sich. Weil Frenkel ein Fehler unterlaufen ist.

Mit großen Schritten misst er nun einen Durchgang Pi mal Daumen aus, bleibt stehen und stemmt die Hände in die Seiten. Hier muss nachgebessert werden: Ein Fluchtweg muss per Verordnung 20 Meter breit sein, durch das verlegte Podest misst er aber nur noch 13 Meter. Jetzt heißt es, Leitplanken zurückbauen, um sieben Meter zu gewinnen. Und das schnell, bevor die Behörden das Gelände öffentlich begehen und abnehmen.

Das ist nur ein Schlaglicht auf Frenkels Aufgaben, die anfallen, bevor die Tore für Besucher öffnen. Zudem ist er unter anderem für 400 Duschen und wassergespülte Toiletten, 600 Mobiltoiletten, 25 Wasserstellen, 30.000 Meter Zaun und 10 000 Meter Wasserleitungen verantwortlich – beziehungsweise dafür, den Überblick über all das zu behalten. „Meine Arbeit endet da, wo die Firmen anfangen können, optimal zu arbeiten. Ich bereite quasi den Boden“, sagt er. Sein wichtigstes Arbeitswerkzeug liegt deshalb auf der Hand: das Handy.

Unwetter als größter Störfaktor

Rund 100 Leute rufen ihn rund um das Festival an, keine fünf Minuten vergehen, in denen er nicht am Telefon hängt. Hier fehlt ein Zaun, dort ein Container, heißt es vorab. Während des Festivals geht es dann um Schadensregulierung. „Wenn Duschen kaputt sind, schicke ich einen Trupp los. Oder einen Elektriker, wenn der Strom klemmt. Solche Sachen.“ Zum Verhängnis kann Frenkel vor allem eines werden: Unwetter. „Das kann alles lahmlegen, weil ausgeharrt werden muss. Es ist der größte, weil unberechenbarste Störfaktor. Für alles andere gibt es Lösungen.“ Einfach abwarten – ein Albtraum für einen Logistiker.

Unwetter hat Frenkel aber auch seine nachhaltigste Erinnerung beschert: nämlich, als bei der 2016er-Auflage von Rock am Ring in Mendig heftige Regenfälle das Gelände in ein Schlammbad verwandelten. „Wie wir es damals mit einer unglaublichen Menge an Leuten über Nacht geschafft haben, das Gelände so herzurichten, dass noch ein paar Bands spielen konnten, war sensationell und fasziniert mich bis heute.“ Denn darum geht es: den Betrieb am Laufen zu halten, komme, was wolle.

Das gilt auch für die nächsten Tage, in denen das Gelände geräumt wird – es ist Frenkels vorerst letzte Amtshandlung, bis in einigen Monaten die Planung fürs nächste Jahr beginnt, in dem wieder alles gleich und doch auch immer wieder anders sein wird. Diese Erfahrung eint Logistiker wie Fans, obwohl sie vor, während und nach dem Festival in zwei komplett verschiedenen Welten leben.