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Diez

Bundestrainer Ron Weigel vor Geher-DM in Diez: Wir sind zurück in der Weltspitze

Wer den Sport eher romantisch verklärt sieht, könnte meinen, es sei eine besondere Auszeichnung, Gastgeber einer bedeutenden Meisterschaft zu sein. Doch was im Großen für Olympische Spiele gilt, deren utopische Kosten und Risiken reihenweise Metropolen abwinken lassen, gilt auch in kleinerem Rahmen. So fand sich in diesem Jahr lange Zeit kein Ausrichter für die deutschen Meisterschaften der Bahngeher – bis sich der Diezer TSK Oranien als Hochburg in dieser Disziplin zum vierten Mal binnen 14 Jahren bereit erklärte, die Veranstaltung zu organisieren und damit half, eine peinliche Absage zu vermeiden. Ron Weigel, der Bundestrainer der Geher, weiß dieses Engagement zu schätzen, wie er im Interview mit unserer Zeitung betont. „Ein großes Lob und ein Dankeschön an die fleißigen Veranstalter und Ausrichter sowie deren Helfer aus Diez. Ohne ihre Bewerbung hätte es wohl in diesem Jahr keine Bahnmeisterschaften im Gehen gegeben“, betont der frühere Weltmeister, der bei der sportlichen Bestandsaufnahme ein positives Bild zeichnet, aber auch einige Probleme benennt.

Bundestrainer Ron Weigel war selbst Geher von Weltklasseformat und arbeit seit vielen Jahren als Trainer.
Bundestrainer Ron Weigel war selbst Geher von Weltklasseformat und arbeit seit vielen Jahren als Trainer.
Foto: Marco Rosbach

Herr Weigel, vor fünf Jahren war die DM in Diez ein letzter Test vor den Olympischen Spielen in London. Welchen Stellenwert haben die Titelkämpfe am Wochenende?

Es geht um die DM-Titel auf den Bahndistanzen – mehr nicht. Gewünscht und geplant war diese Meisterschaft für den Juni, um auf dem Vorbereitungsweg zur WM in London einen hochkarätigen Wettkampf auf der Unterdistanz zu haben, aber leider gab es keine Bewerbung für diesen Zeitpunkt. Also es geht nur um den Titel...

Diesmal liegt die Weltmeisterschaft von London ein paar Wochen zurück. Was erwarten Sie von Ihren WM-Teilnehmern und Spitzenathleten?

Unter dem Aspekt, dass mit der WM in London der internationale Hauptwettkampf abgeschlossen ist und die WM-Teilnehmer eine erste Regenerationsphase hinter sich haben, ist dieser Wettkampf ein reiner Titelkampf, und man wird sehen, was an sportlicher Substanz bei den Gehern noch da ist.

Christopher Linke zum Beispiel wurde in London nach einer starken Leistung Fünfter über 20 Kilometer. Welche Strahlkraft hat ein solches Ergebnis für Ihre Disziplin?

Chris war in London ausgezeichneter Fünfter. Unsere Gehdisziplinen bei den Männern haben sich in den letzten Jahren in Deutschland deutlich positiv entwickelt. Wir sind wieder zurück in der Weltspitze und zählen zu den leistungsstärksten Ländern auf der Welt. Der aktuelle Kader kann bis 2020 und darüber hinaus bei den internationalen Jahreshöhepunkten um Medaillen und vordere Platzierungen kämpfen. Im Windschatten von Chris entwickeln sich tolle, hoch motivierte junge Männer, die ihn wiederum an- und vorwärts treiben. Und neuerdings haben wir auch wieder bei den Frauen hoffnungsvolle Lichtblicke.

Inwiefern träumen Geher davon, vom Glanz der Spitzenathleten wie Usain Bolt und Co. auch mal etwas abzubekommen? Oder lebt es sich in der Nische ganz gut?

Leistung wird nicht immer mit der entsprechenden Resonanz gewürdigt. Da gibt es Sportler, die werden künstlich nach oben gehypt, mehr will ich an dieser Stelle dazu nicht sagen. Ich denke schon, dass erfolgreiche Geher auch medial und in der Öffentlichkeit eine gewisse Anerkennung für ihre Leistung erhalten können, wenn man es will. Es gibt Geher, die sind in ihrem Land wahre Volkshelden und wurden dort auch landesweit Sportler des Jahres. Wie das Interesse eben ist – ein langes Thema.

Die DM wird bereits zum vierten Mal in Diez ausgetragen. Zum einen, weil es dort im Diezer TSK Oranien einen rührigen Verein gibt, zum anderen, weil sich kein anderer Ausrichter fand. Was macht es so schwer, einen Ort und einen Verein für die nationalen Titelkämpfe zu finden?

Wohl Desinteresse oder Geldnot.

Sie waren selbst Spitzengeher, haben die WM gewonnen und bei Olympischen Spielen Medaillen gewonnen. Sind solche Ergebnisse heute noch realistisch aus deutscher Sicht?

Auf alle Fälle sind diese Ergebnisse heute und morgen möglich. Die deutschen Geher werden dies zeigen.

Das Gespräch führte unser Redakteur Marco Rosbach

Hintergrund: Bewegte Karriere

Der Bundestrainer der Geher hat eine bemerkenswerte sportliche Bilanz vorzuweisen, blickt aber gleichsam auch auf ein bewegtes Leben zurück. Als DDR-Schülermeister des Jahres 1973, Weltmeister über 50 Kilometer von 1983 und WM-Zweiter über diese Distanz 1987 wurde er bei den Olympischen Spielen von Seoul im Jahr 1988 endgültig zu einem der prägenden Athleten seiner Sportart. Sowohl über 20 als auch über 50 Kilometer gewann der gebürtige Thüringer jeweils die Silbermedaille. Im Jahr 1992 kam er erneut aufs Podest und gewann in Barcelona olympisches Bronze über 50 Kilometer. Nach der Wende räumte Weigel seine Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR ein und verlor dadurch seine Anstellung bei der Bundeswehr. Als Trainer war er zunächst für den australischen Verband tätig, im Jahr 2002 wurde der heute 58-Jährige Bundestrainer der Geher beim Deutschen Leichtathletik-Verband. Zwischenzeitlich war der ehemalige Weltklasseathlet auch Marathon-Bundestrainer.

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