Archivierter Artikel vom 25.09.2015, 17:00 Uhr

Beherzte Gesinnung – Über den tiefen Riss in der Union zur Einwanderung

Manchmal sind es die kleinen Dinge im Leben, die große Bedeutung haben. Ich will von einem lustigen Foto berichten, das Julia Klöckner mit ihrem Smartphone selbst gemacht und dann über den Internetdienst Twitter in die Welt geschickt hat. Auf diesen Scherz hat die CDU-Abgeordnete Erika Steinbach, auch wiederum über Twitter, absolut pampig reagiert.

Im vertrauten Kreis soll sie etwas von Verstößen gegen das nationale Interesse geraunt haben; das hieß früher Vaterlandsverrat. Der Vater an der Spitze der Nation ist heute eine Mutter.

Das Bildchen, man spricht von einem „Selfie“, und das Grummeln aus der rechten Ecke sind von historischer Bedeutung. Sie zeigen jenen Riss in der Union, der diese Partei spalten wird. Wir sprechen von der Sollbruchstelle für Muttis Kanzlerschaft. Merkel wechselt von einer vorsichtigen Verantwortungsethik ins Fach der beherzten Gesinnung. Das will der Reihe nach erklärt sein.

An einem Sonntagnachmittag treffe ich vor der berühmtesten Bar Berlins, der Harry’s New York Bar, in der ich mit Onur Köksal verabredet bin, dem besten Barmann aller Zeiten, eine Politikerin aus Rheinland-Pfalz. Julia Klöckner grüßt mich kurz, aber herzlich. Sie ist in Eile, weil auf dem Weg zur gegenüberliegenden CDU-Zentrale, wo ein Kongress angesetzt ist zum Internetzeitalter. Was Mutti vor Kurzem noch etwas omahaft Neuland genannt hat, heißt jetzt so: „#CDUdigital“. Eingeladen ist auch der EU-Kommissar für das Netzwesen, Günther Oettinger. Und was macht die internetgewandte Julia auf dem Kongress? Ein Selfie von Mutti, Oetti und sich. Die drei grinsen nett in die Kamera. Ich sehe es auf meinem iPhone, während ich noch bei Onur in der Bar sitze und einen hebe.

Der nette Dreier geht um die Welt. Julia verbindet damit die Forderung nach durchgängigem Breitbandausbau. Für das Internetzeitalter ist dies das, was früher fließendes Wasser oder Straßenbau war. Gerade ländliche Gegenden bekommen dadurch den Anschluss an die weite Welt. So ist in der Provinz plötzlich das möglich, was man früher nur in den Metropolen konnte; halt nur in einer weit schöneren Umgebung. Dann kann man in der tiefsten Eifel erledigen, wofür man früher unter den Eiffelturm an die Seine ziehen musste. So geht Fortschritt. Das ist das Bild der modernen CDU. Bei der SPD macht das mein Freund Dieter Gorny, aber das ist eine andere Geschichte.

Erika Steinbach gefällt das mit dem freundlichen Gesicht zu Asylbewerbern nicht. Die Dame ist zehn Jahre älter als ich und wurde noch während der Nazizeit in Rahmel im Reichsgau Danzig-Westpreußen geboren. Das ist heute Polen; ihre Eltern müssen von da geflohen sein, sonst hätte sie nicht bei uns 16 Jahre lang die Präsidentin des Vertriebenenbundes gewesen sein können. Für mich und die Generation meiner Eltern sind diese Vertriebenen umgangssprachlich immer „Flüchtlinge“ gewesen. Und ich habe im Familienkreis auch bittere Töne zu deren Migration in die alte Bundesrepublik gehört.

Wer nun meint, dass die Vertreter dieser Bevölkerungsgruppe, die sich vor allem in der CSU und der rechten CDU wohlfühlen, besonderes Verständnis für heutige Asylbewerber hätten, der wird sich wundern. Frau Steinbach stinkt die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Merkel. Sie schreibt auf Twitter zu Julias Bild mit Mutti und Oetti in böser Ironie: „Es fehlen ein paar Flüchtlinge.“ Und macht darunter per Zeichen einen dicken Grinsemund. Ihr stinkt die ganze Richtung. Sie will die symbolische Politik Merkels lächerlich machen. Diese Fremdenfreundlichkeit und Nebensächlichkeiten wie die rechtliche Gleichstellung der Homo-Ehe mag sie nicht, so wie ihr früher die völkerrechtliche Anerkennung der Außengrenze von Polen (Oder-Neiße-Linie) gestunken hat.

Die neue CDU hat eine andere Identität als die alte. Die alten Konservativen und die Weiß-Blauen in Bayern fremdeln. Der Seehofer Horst lobt dann mal lieber den fremdenfeindlichen Premier in Ungarn, dem das Wort zu danken ist, dass Ungarn christlich sei und man keine Muselmanen wolle. Pegida an Buda und Pest. Das „Tal der Ahnungslosen“ (weil man zu DDR-Zeiten kein Westfernsehen empfangen konnte) reicht von Buda und Pest bis nach Sachsen und weiter bis nach Bayern.

Angela Merkel wird weltweit zur „mom“ und „mama“. Sie steht auf Titelbildern in Anlehnung an die Nonne Teresa als „Mutter Angela“. Ein wesentlicher Teil dieser Politik ist, dass sie Mütterlichkeit anbietet, weil matriarchalisches Kümmern vom Wähler gewollt wird. Herz statt Hirn! Wir werden eine Nation von Muttersöhnchen. Wirklich? Wirklich wir alle? Das Gegenprinzip zum Mama-Syndrom („pädagogischer Eros“) ist das stark Männliche, das Kämpfen- und Siegen-Wollen. Die Tugend dieser Helden nennt man im altgriechischen „Thymos“; das ist der Wille, seine Feinde zu unterwerfen, und die Fähigkeit, wirklich zu hassen. Durch die CDU geht nicht nur ein politischer Riss, sondern auch ein kultureller. Es wird der Aufstand jener kommen, die wieder maskuline Helden sein wollen. Die evangelische Mama erzürnt die katholischen Papas. So wie Mutti, als sie noch als „das Mädchen“ verkannt wurde, den Altvater Kohl kühl und ohne Gnade gestürzt hat, werden sich an ihr junge Helden versuchen.

Sigmar Gabriel ist das nicht. Seine Partei hat die Gesinnungsethik abonniert. Er ist ganz loyaler Sohn und steht zu Mutti. Der Mann ist eine ehrliche Haut, also nicht zum Kanzler geboren.

Ach so, der weltbeste Barmann, Onur Köksal, ist in Berlin geborener Sohn türkischer Migranten. Mir ist der Tod seines Vaters nahegegangen. Ich habe die Ehre, sein Freund zu sein. So geht das, Frau Steinbach, wenn man nicht vom Mond kommt oder aus Rahmel bei Danzig, also Flüchtling war. Aber, wie sagt der Berliner, die schlimmsten Elche waren früher selber welche.