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    Ausgezeichnete Mar(r)onen für Mainz

    Mit Eisenbahnermütze steht er an seiner Blechlok vor dem Kaufhof. Rainer Beckmann verkauft jeden Tag zwölf Stunden am Stück auf Holzkohle geröstete Marronen. Mit zwei "r".

    Aus Liebe zur Frucht: Rainer Beckmann ist überzeugt von seinen Marronen aus Norditalien.
    Aus Liebe zur Frucht: Rainer Beckmann ist überzeugt von seinen Marronen aus Norditalien.
    Foto: Bernd Eßling

    Mainz - Wohlige Wärme in der Hand und im Magen, Röstaromen in der Nase, holzige Schale und bissfester Inhalt: Marronen gehören schon fast zum Ernährungs-Pflichtprogramm des Mainzers in der Winterzeit. Und zwar die bessere Sorte aus Norditalien, die man dann auch mit zwei "r" schreibt.

    Wenn es kalt wird, dann kommen sie wieder in die Stadt, die Maronen- und die Marronenverkäufer, und bieten an vielen Straßenecken und auf dem Weihnachtsmarkt ihre einfache, aber schmackhafte Ware feil.

    Ein echtes Unikat unter ihnen ist Rainer Beckmann. Seit weit über einem Jahrzehnt steht er für das Familienunternehmen Schneider mit seiner braunen Blechlok vor dem Kaufhof und ist inzwischen in Mainz bekannt wie ein bunter Hund. Das liegt nicht nur an seinem außergewöhnlichen Verkaufsstand, die Lok verfügt sogar über einen echten Schornstein, aus dem der Rauch vom Röstofen steigt. Und auch nicht nur an der Qualität seiner "Marronen, mit zwei ,r',, die teureren", darauf legt er besonderen Wert. Nein, es ist wohl eher seine Genauigkeit und Sorgfalt, mit der er die Früchte mit einem Teppichmesser einritzt, tief, fast schon meditativ über den Korb gebeugt. Oder sein plötzliches Auffahren, die kurze Drehung hin zur Lok, das energische Aufziehen der Röstlade, die routinierten Bewegungen mit der Schaufel, mit der er die Marronen wendet - um sich dann wieder fast in sich selbst versunken dem Einritzen zu widmen.

    Zwölf Stunden jeden Tag, von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends, bei Wind und Wetter, von Ende September bis Mitte Februar dreht sich bei Beckmann alles um die Marronen. Das hinterlässt Spuren. Marronen- und Holzkohlestaub hat sich in jede Pore seiner Hände gelegt, Kälte und Nässe setzen ihnen ebenfalls zu. "Am schlimmsten ist der kalte Regen, der einem vom Wind ins Gesicht geblasen wird", sagt Beckmann. Dann helfen ihm auch die diversen Schichten an langer Unterwäsche nichts, die er unter seiner Lokführer-Uniform trägt. Und trotzdem steht er in der Vorweihnachtszeit jeden Tag an seinem Stand, natürlich auch am Wochenende. Freie Tage? Fehlanzeige.

    Hundert Gramm für 2,50 Euro verlangt der nächste Kunde. "Dürfen es auch 130 für 3 Euro sein?", hakt Beckmann nach. Der Kunde grinst: "Das ist ja wie früher beim Metzger: Darf's für vier Penning mehr sein?" Beckmann drückt ihm unbeirrt die braune Papiertüte in die Hand und verweist noch auf eine Besonderheit: "Vorne ist ein kleines Fach dran, da kann man bequem die Schale entsorgen."

    Die Doppeltüte ist für ihn ein Qualitätsmerkmal, nur eines von mehreren, die "seinen" Marronen-Stand von den anderen unterscheiden. Auch die Tatsache, dass die Früchte auf Holzkohlen geröstet werden, und nicht auf Gas. "So schmecken sie einfach besser", sagt Beckmann, und nickt einer Passantin zu, die ihm im Vorbeigehen einen Gruß zuruft. Dass es bei ihm besser schmeckt hat auch der Hessische Rundfunk bestätigt: "Bester Marronen-Stand in Rhein-Main", dazu hat ihn das Fernsehformat "Service Trends" gekürt.

    In 2008 wäre es beinahe vorbei gewesen mit dem Standort vor dem Kaufhof. Um den zweiten Weihnachtsmarkt am Mainzer Hauptbahnhof zu beleben, sollte er nach dem Willen der Stadt die Lok dort aufstellen. Ein Stammkunde bekam das spitz und organisierte eine Unterschriftenaktion. Innerhalb kürzester Zeit kamen 3500 Unterschriften zusammen - und der Umzug war vom Tisch. Rainer Beckmann ist froh, dass er bleiben durfte.

    Auf seinem angestammten Platz fühlt er sich wohl, dort finden ihn auch jedes Jahr seine Stammkunden, zu denen auch Fastnachter Joe Ludwig gehört. Manchmal bringt ihm eine Kunde eine heißes Getränk oder Plätzchen vorbei. Die nimmt er dankbar mit einem kurzen Nicken entgegen. Und widmet sich dann wieder weltvergessen seinen Marronen.

    Von unserem Mitarbeiter Dominic Schreiner

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