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Aus dem Archiv: Tuareg-Reportage vom Juni 2007

Über die Hochebene von Egalagh klingt noch immer der Gesang der Tuareg-Frauen herüber. Eisiger Wind rüttelt an den Zelten, wo wenige Stunden zuvor noch erbarmungslos die Wüstensonne brannte.

Über die Hochebene von Egalagh klingt noch immer der Gesang der Tuareg-Frauen herüber. Eisiger Wind rüttelt an den Zelten, wo wenige Stunden zuvor noch erbarmungslos die Wüstensonne brannte. Im fahlen Mondlicht ragen die Bergketten des Aïr in den Himmel, geben dem endlosen Horizont ein Ende. Betäubt vom Rhythmus der Trommeln und Stimmen, haben wir das Fest schon früh verlassen an diesem Abend — die Augen voller Sand, den Kopf voller Bilder vom tendé, dem Tanz der Kamele.

Mano Aghali ist mit uns herübergekommen. Eine Weile noch stehen wir gemeinsam am Feuer. Zehn Jahre zurück gründete der heute 41-Jährige mit einer Hand voll Mitstreitern die Hilfsorganisation HED-Tamat. Hier im Norden des Niger, wo neben Mali der größte Teil der verstreut lebenden Tuareg-Nomaden seine Heimat hat, wollten sie nicht länger mit Gewalt für ein besseres Leben ihrer Brüder kämpfen. Die Tuareg im Aïr-Gebirge waren in dieser Zeit nicht nur geografisch vom Rest des Landes abgeschnitten. Auch politisch stellten sie eine isolierte Minderheit dar. Die Regierung in der fast 1000 Kilometer entfernten Hauptstadt Niamey vernachlässigte sie, diskriminierte sie, verfolgte sie.

Aghali bittet eine Frau, für uns Tee zu kochen. In einer kleinen blauen Metallkanne gießt sie ihn über glühenden Kohlen auf — viel Teepulver, noch mehr Zucker. Immer wieder gießt die Frau den dickflüssigen Trank von hoch oben in die Gläser und zurück in die Kanne, damit der Zucker sich auflöst und an der Oberfläche ein süßlicher Schaum entsteht. „Ihr müsst drei Gläser trinken“, erklärt Aghali. „Das Erste ist bitter wie das Leben, das Zweite süß wie die Liebe, das Dritte sanft wie der Tod.“ Ein Sprichwort der Tuareg, das alle Weisheit des jahrhundertelangen Nomadenlebens in sich vereint.

Zwischen den Falten des Schesch, des traditionellen Turbans, strahlt Mano Aghalis Blick Güte aus. Doch hinter diesen Augen lodert eine Wut, die er gleichwohl nie zeigt. Die Tuareg beherrschen ihre Gefühle, es gilt als Schwäche, sie zu offenbaren. Als Aghali drei Jahre alt war, entdeckte die Regierung Uran in den Bergen. Bis heute ist das begehrte radioaktive Metall Hauptexportgut von Niger. Und Aghali weiß nur zu gut: „Die Bevölkerung profitiert von diesem Reichtum des Landes nicht.“ Vor allem ausländische Bergbaugesellschaften beuten die wertvollen Rohstoffvorkommen aus. 1975 konnte die Regierung zwar erstmals geringe Anteile an der Uranerz-Förderung erzwingen, doch letztlich vor allem zu ihrem eigenen Vorteil. Dass der Raubbau die Lebensgrundlage der Hirten und Bauern zerstört, will niemand hören. Anhaltende Dürren in den 70er– und 80er-Jahren vernichteten dazu die Viehbestände vieler nomadisch lebender Stämme und führten zu einer Flüchtlingswelle in den Süden des Landes und in die nördlichen Nachbarstaaten Libyen und Algerien. Die ohnehin marginalisierten Tuareg waren von den Auswirkungen der Trockenheit besonders betroffen und erfuhren gleichzeitig nur wenig Hilfe — von der nigrischen Regierung wie auch von der internationalen Entwicklungszusammenarbeit.

Um zu dem Fest in Egalagh zu kommen, haben die Nomaden gewaltige Märsche hinter sich gebracht — mit ihren Familienangehörigen, mit Kamelen und Maultieren. Die Verwandten haben manche von ihnen seit Monaten, manchmal auch seit Jahren nicht gesehen. Mano Aghali freut sich, dass so viele gekommen sind: „Sie sind glücklich über die seltene Zusammenkunft, und ich bin es auch.“ Und die Menschen sind dankbar für all die Hilfe, die HED-Tamat in den vergangenen Jahren geleistet hat.

Vor allem mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland konnten Aghali und seine Organisation viele kleine Projekte verwirklichen, die den Nomaden in bescheidenem Umfang eine Entwicklung ermöglichen. Brunnen gehören dazu, die den Dorfgemeinschaften der sesshaft gewordenen Tuareg einen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser verschaffen und die zur Bewässerung der Gärten und Felder während der Trockenperioden dienen. Viehbrunnen erleichtern die Ziegen– und Schafzucht. „Aman Iman — Wasser ist Leben, sagen die Tuareg“, verrät Christine Harth von der Hilfsorganisation „Care“ in Deutschland. Gemeinsam mit HED-Tamat hat „Care“ vor einigen Jahren ein Dorfentwicklungsprogramm begonnen, das den Menschen hilft, aber auch ihre eigene Initiative fordert. „Die Dorfgemeinschaften müssen sich selbst einbringen, ihre Interessen und Wünsche formulieren, Verantwortung übernehmen und auch bei der Umsetzung der Projekte einen materiellen Beitrag leisten.“

Wie das aussieht, können wir am Tag nach dem Fest beobachten. Im Schatten weniger großer Bäume sind sie alle zusammengekommen: religiöse Führer, Dorfchefs, Vorsteher der Kommunen — würdige Männer, die den Dank ihrer Leute überbringen und viele neue Anträge mitgebracht haben. Kariman Mohamed nimmt sie alle auf. „So viele Brunnen können wir gar nicht bauen“, meint der Mitarbeiter von HED-Tamat ein wenig verzweifelt beim Blick auf den Stapel eng beschriebener Blätter in seinen Händen — Listen mit den drängendsten Bedürfnissen der Menschen im Aïr-Gebirge. „Das Schwierigste ist die Entscheidung, welche Projekte wir verwirklichen können — und vor allem, welche zuerst.“

„Deshalb arbeiten wir mit HED-Tamat zusammen“, erklärt Christine Harth. „Mano Aghali und seine Leute werden von den Tuareg geachtet und anerkannt, und sie können am besten einschätzen, wo unsere Hilfe am nötigsten ist.“ Einfache Schritte sind es meist, die aber viel bewirken können: Getreidemühlen, Dorfläden, Handwerkszentren, Lagerstätten oderKleinkredite, die den Karawanenhandel unterstützen. Besonders wichtig sind Gesundheitsstationen und Schulen, denn die medizinische Versorgung im entlegenen Norden von Niger ist katastrophal, und langsam begreifen auch die noch sehr traditionell lebenden Nomaden, dass moderne Bildung der Schlüssel für eine bessere Zukunft sein kann. In Abarakan, dem Heimatdorf von Mano Aghali, hat HED-Tamat beispielsweise eine sehr erfolgreiche Schule aufgebaut. Immer mehr Familien melden dort ihre Kinder an — in der Hoffnung, dass sie so mehr Chancen auf ein höheres Einkommen haben werden als sie selbst. Eine schwere Entscheidung, sind doch die meisten Nomaden auf die Arbeit ihrer Kinder angewiesen und befürchten gleichzeitig eine Entfremdung von der urtümlichen Kultur.

Trotz solcher Erfolge sind die Tuareg noch immer wütend auf die Regierung, werfen ihr vor, korrupt zu sein und nur an ihr eigenes Wohl zu denken. Nicht ohne Grund: Premierminister Hama Amadou musste vor zwei Wochen nach einem Misstrauensvotum im Parlament zurücktreten. Er stolperte über einen Unterschlagungsskandal im Bildungsministerium, der bereits zwei Jahre zurückliegt. Ob sich unter seinem Nachfolger Seyni Oumarou etwas ändern wird? Nicht alle wollen darauf warten: Gerade in jüngster Zeit häufen sich Übergriffe auf Militärposten oder auf Mitarbeiter der Uran-Minengesellschaften — zuletzt so oft, dass es derzeit verboten ist, im Norden Nigers ohne bewaffnete Begleiter zu reisen.

Schon einmal, in den 90er-Jahren, haben die Tuareg für ihre Rechte gekämpft. Damals war die Rebellion eine Revolte verzweifelter junger Männer, die aus Arbeitsmigration und Exil zurückkehrten und aus dem Elend ihrer Heimat nur einen Ausweg sahen: den gewaltsamen Aufstand. Ein Massaker in den Flüchtlingslagern war letztlich der Auslöser: Einige junge Tuareg befreiten ihre Freunde, die sich gegen die Unterschlagung von Hilfsgütern aufgelehnt hatten, aus dem Gefängnis von Tchin-Tarabadene — ein Wächter starb dabei. Die Reaktion des Militärs: Demütigung, Folter, Mord. Soldaten brachten Kinder vor den Augen ihrer Eltern um, trieben die Männer nackt durch die Lager, töteten Hunderte Insassen, nur weil sie Tuareg waren.

„Ich wusste, dass vom Niger in politischer Hinsicht nichts zu erhoffen war. Die Mentalität in unserem Land war keineswegs schon so weit, dass ein politisches System und eine Regierungsform akzeptiert worden wären, die allen Volksgruppen der Nation im Rahmen eines föderativen Staates Selbstverwaltung einräumten“, schreibt Mano Dayak, der Führer der Tuareg-Rebellen in seiner Autobiografie. Er wollte niemals zu den Waffen greifen, doch über das Aufgeben aller wirtschaftlichen Projekte in den Nomadengebieten seitens der Regierung, über die ungenügende medizinische Versorgung, über die im Norden und im Süden des Landes so unterschiedliche Verteilung der Schulen, über die Probleme der Viehzucht wollte lange niemand mit den Tuareg sprechen. Dayak gehörte einer Fraktion an, die damals auch auf diplomatischer Ebene versuchte, Forderungen von Dezentralisierung und regionaler Autonomie durchzusetzen. Er starb 1995 auf dem Weg zur Unterzeichnung des Friedensvertrags mit der Regierung; das Flugzeug war beim Start explodiert.

Diese Geschichte erzählen die Tuareg heute oft, wenn sie am Lagerfeuer ihren Tee trinken. Neue Gewalt wollen die wenigsten. Ihre Hoffnung ruht auf Mano Aghali und HED-Tamat. „Welche Regierung an der Macht ist“, glaubt Aghali, „ist letztlich nicht so wichtig für unsere Arbeit. Entscheidend sind die regionalen Abgeordneten in der Nationalversammlung.“ Einer davon ist er selbst.

Von Carsten Luther

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