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Koblenz

Chef des Dt. Tennis Bundes: Tennis muss wieder in die Köpfe der Kinder

Ulrich Klaus aus Waldesch bei Koblenz ist der neue Präsident des größten Tennisverbandes der Welt. Nach wochenlangen Querelen und einer erst kurz vor Schluss zurückgezogenen Kandidatur des einzigen Konkurrenten und früheren Wimbledonsiegers Michael Stich wurde Klaus mit großer Mehrheit zum Chef des Deutschen Tennis Bundes (DTB) gewählt.

Gespräch über die Ziele des neuen Verbandschefs: Ulrich Klaus mit Jochen Dick, Sportchef unserer Zeitung.
Gespräch über die Ziele des neuen Verbandschefs: Ulrich Klaus mit Jochen Dick, Sportchef unserer Zeitung.
Foto: Sascha Ditscher

Im Interview mit unserer Zeitung spricht der 64-Jährige über die Probleme seiner Sportart, seine Ziele sowie darüber, wie er wieder Ruhe in den drittgrößten deutschen Sportverband bringen will.

Herr Klaus, wie fühlt man sich als "Chef" von 1,5 Millionen deutschen Tennisspielern?

Das Gefühl ist zwiespältig. Auf der einen Seite war die Wahl eine Erleichterung nach den wirklich schweren Wochen. Das ging ja hin und her, auch mit dem zeitweiligen Mitbewerber. Aber dann gab es das sehr gute Wahlergebnis, das ich so nicht erwartet hatte. Und es gibt noch einen dritten Aspekt: Neben großer Freude habe ich Respekt. Aber ich habe ein sehr kompetentes Präsidium, und mit dem entsprechenden Teamgeist wird das Ganze auch gelingen.

Von Teamgeist war in den vergangenen Wochen rund um den DTB nicht viel zu spüren. Können Sie die ganze Situation für den Tennis-Laien noch einmal erklären?

Mitte Juli hatte Herr Stich, den ich als Tennisfachmann und wegen seiner Verdienste sehr schätze, dem DTB-Bundesausschuss ein paar Aspekte dargestellt. Da waren Forderungen dabei, die der Bundesausschuss nicht akzeptieren konnte, auch finanzieller Art. Zum Beispiel das Programm "My Big Point", bei dem jeder Tennisspieler einen jährlichen Beitrag von mehr als 40 Euro zahlen muss, damit er überhaupt in die Rangliste gerechnet werden kann. Dann wurde ein einstimmiges Votum getroffen: Klaus wird Präsident. Dazwischen gab es immer mal wieder Wortmeldungen von Herrn Stich. Für den Bundesausschuss war aber klar, dass die Variante Stich keine war, da die Forderungen sich auch nicht mit dem Ehrenamt in Einklang bringen ließen. Es wurden dann immer wieder Namen genannt und diskutiert.

Wie der der ehemaligen Weltklassespielerin Anke Huber. Michael Stich hat nach dem Rückzug seiner Kandidatur kurz vor der Mitgliederversammlung angekündigt, sich noch einmal intensiv mit der Materie zu befassen – und dann zurückzukehren. Haben Sie Angst vor einer Art Schattenkabinett?

Nein. Es geistert da immer der Zeitraum der nächsten vier bis sechs Monate durch die Gegend. Für mich zählen jetzt aber nur die nächsten drei Jahre, für die ich gewählt bin. Ich fühle mich durch nichts getrieben.

Der DTB galt zuletzt als unregierbar. Ihr Vorgänger Karl-Georg Altenburg wünschte sich zum Abschied mehr Miteinander statt Gegeneinander. Wie kann man die Interessen der Landesverbandschefs, mitunter auch "Landesfürsten" genannt, unter einen Hut bringen?

Ich war ja selbst lange genug ein Landesfürst ... Wir haben 16 Bundesländer, aber 18 Landesverbände. Da gibt es manchmal 18 Interessen, 18 unterschiedliche Meinungen, was die Entscheidungsfindung nicht immer leicht macht. Einige unserer Ausschüsse sind zudem zu groß. Es muss jetzt aber jedem bewusst sein, dass wir zusammenrücken müssen und es nicht mehr um persönliche Eitelkeiten gehen darf. Ich denke, das haben auch alle verstanden.

Wo setzen Sie in Ihrer Konzeption die Schwerpunkte?

Der DTB muss sich wieder mehr um seine knapp 9400 Vereine kümmern. Das neue Ressort Sportentwicklung wird Themen wie Mitgliedergewinnung, Stärkung des Ehrenamts und Tennis als Gesundheitssport bearbeiten. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Nachwuchs, besonders im Männerbereich. Es muss uns wieder gelingen, die Kinder in die Vereine zu bringen. Sie kommen nicht von allein, selbst der Fußball muss Werbung machen. Dafür müssen wir in die Kindergärten und in die Schulen gehen und die Kinder dort abholen. Tennis muss wieder in die Köpfe der Kinder.

So wie es in der goldenen Ära von Boris Becker und Steffi Graf war.

Dort wieder hinzukommen, wird sehr schwer. Aber es stimmt: Vorbilder sind wichtig, um Kinder für eine Sportart zu begeistern.

Also müssen neue Stars her ...

Und die können wir uns leider nicht backen. Wir haben bei den Frauen viele Typen, unterschiedliche und starke Charaktere, die, wie im Fed-Cup-Finale, auch als Team funktionieren.

Die Männer um Philipp Kohlschreiber machen dagegen eher durch Streitigkeiten auf sich aufmerksam.

Man muss Geduld haben. Wir haben ein vielversprechendes Nachwuchsteam mit Alexander Zverev, Daniel Altmaier, Nicola Kuhn und Rudolf Molleker. Zverev stand in Hamburg in diesem Jahr im Halbfinale, die Trainer sagen mir, dass er in den nächsten Jahren in Wimbledon weit kommen wird.

Der DTB ist der größte Tennisverband der Welt. Trotzdem stand es nicht immer gut um die Finanzen. Wie sieht es derzeit aus?

Wir haben eine Unterdeckung von 80 000 Euro für den Haushaltsplan 2015. Seit 1995 hat der Verband jedes Jahr bei den Mitgliedsbeiträgen Mindereinnahmen von 30 000 bis 55 000 Euro, die durch den Mitgliederrückgang entstehen. Wenn man das durch eine Erhöhung von mehreren Cent anpasst, hätten wir wieder etwas mehr Spielraum.

Der neue Chef erhöht also gleich mal die Preise ...

Sagen wir es mal so: Er schließt es nicht vollkommen aus. Wir müssen auf jeden Fall neue Mittel generieren. Leider bekommt der DTB als drittgrößter deutscher Sportfachverband keinen Cent öffentliche Förderung. Nehmen wir als Beispiel die beste Tennisspielerin aus Rheinland-Pfalz, Anna-Lena Friedsam. Sie würde als Nummer 85 der Weltrangliste aus eigener Kraft finanziell nicht über die Runden kommen. Deshalb unterstützt sie der Landessportbund, damit ihr Trainer bezahlt wird und sie überhaupt zu Turnieren außerhalb Europas fahren kann.

Friedsams Halbfinaleinzug beim Turnier in Linz war live bei Eurosport zu sehen. Ansonsten ist Tennis weitgehend von den Fernsehbildschirmen verschwunden.

Ich hatte mir bei der Quote vom Fed-Cup-Finale unserer Frauen gegen Tschechien auch etwas mehr erwartet: 850 000 Zuschauer in der Spitze bei Sat.1. Die Konkurrenz durch Fußball und Formel 1 ist sehr groß. Wir haben mit ProSieben/Sat.1 einen Zehnjahresvertrag. Und auch hier müssen wir Geduld haben. Vielleicht müssen die Leute erst wieder lernen, Tennis zu schauen. Der Anfang ist gemacht.

Früher haben die Leute für Tennis stundenlang vor dem Fernseher ausgeharrt, heute tun sie das offenbar nicht mehr. Woran liegt das?

Heute haben die Leute kaum mehr die Zeit, um sich ein Drei-Stunden-Match anzusehen. Oder sie wollen sich die Zeit nicht mehr nehmen. Vielleicht muss man über Änderungen nachdenken. Andere Sportarten wie Tischtennis oder Volleyball haben die Spiele auch verkürzt. In unserer Männer-Bundesliga spielen nicht mehr sechs Spieler pro Mannschaft, sondern nur noch vier. Das macht die Sache erheblich kürzer und attraktiver.

Die Verbandssatzung schreibt vor, dass Sie die Doppelfunktion als Präsident des DTB und des rheinland-pfälzischen Landesverbandes nach spätestens einem halben Jahr aufgeben müssen. Gibt es auf Landesebene schon einen Nachfolger?

Der Mainzer Dieter Kirschenmann, Sportwart des Tennisverbandes Rheinland-Pfalz, wird im April mein Amt übernehmen. Wir als relativ kleiner Verband haben viel erreicht: Das Landesleistungszentrum wird 2018 abbezahlt sein. Unser Leistungsklassensystem, bei dem Spieler bei Mannschaftsspielen und Turnieren Punkte sammeln können, wird nun bundesweit angewandt. In Rheinland-Pfalz gibt es durch dieses System mittlerweile 500 Turniere statt wie früher 80.

Geben Sie den Posten in Ihrem Heimatverband mit Wehmut ab?

Auf jeden Fall. Aber ich darf ja noch Präsident im Tennisverband Rheinland bleiben und habe weiterhin mein Büro im Landesleistungszentrum in Koblenz. Ich werde zwar etwas mehr unterwegs sein, aber vieles lässt sich ja auch fernmündlich und digital klären.

Was möchten Sie am Ende Ihrer dreijährigen Amtszeit als DTB-Präsident erreicht haben?

Einen sicheren Haushalt, starke Davis-Cup- und Fed-Cup-Teams und große Einigkeit im Deutschen Tennis Bund.

Das Gespräch führte unser Sportchef Jochen Dick

Zur Person:

Mit zwölf Jahren begann Ulrich Klaus mit dem Tennisspielen, mit 21 Jahren übernahm er sein erstes Ehrenamt: Jugendwart beim TV Waldesch. Über die Funktionen Spielleiter Jugend, Referent für Breitensport und Jugendwart im Tennisverband Rheinland (TVR) ging es für Klaus bis zum Präsidentenamt im TVR, dem er seit 1995 vorsteht. Seit 2003 ist er zudem Präsident des Landesverbandes. Klaus war bis zu seiner Pensionierung stellvertretender Schulleiter im Gymnasium auf der Karthause in Koblenz (Fächer: Englisch und Geografie). Noch heute ist der 64-Jährige auf dem Tennisplatz aktiv und spielt bei den Männern 60 des Post-Sportvereins Koblenz in der Oberliga.

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