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Archivierter Artikel vom 01.08.2021, 18:00 Uhr
Tokio

Zverev und die Sternstunde von Tokio: Emotionaler Triumph beim Tennis – Erstes deutsches Gold im Männer-Einzel

Auch als sich die Nacht über Tokio gesenkt hatte, war die ganze Größe dieses Tages und Triumphes noch nicht völlig eingesunken bei Alexander Zverev. „Ganz weg“ sei er irgendwie, sagte der Goldmedaillengewinner irgendwann bei seinem Interview-Marathon für Presse, Funk und Fernsehen und schüttelte ein weiteres Mal ungläubig den Kopf: „Es ist absolut unfassbar. Ich bin Olympia-Sieger. Ist das wirklich wahr?“

Von Jörg Allmeroth
Zverev und die Sternstunde von Tokio
Foto: imago images/Sven Simon

Das war es. Und zwar ohne jeden Zweifel in einem spektakulären Finalduell, das nichts weniger als eine Sternstunde für Zverev war. Für ihn, den Hochbegabten, aber bisher oft Unvollendeten. Aber auch für das deutsche Tennis und für das gesamte deutsche Olympia-Team, das in den ersten Tokio-Tagen so manchen Tief- und Rückschlag zu Lande und im Wasser hatte einstecken müssen. 6:3 und 6:1 gewann der 24-jährige Hamburger an diesem denkwürdigen 1. August 2021 in bloß 69 Minuten gegen den Russen Karen Chatschanow, der deutsche Frontmann ließ dabei die Schwere der Herausforderung spielerisch leicht aussehen und zeigte im wichtigsten Match seiner Karriere eine der stärksten Leistungen seiner Karriere. Um 18.37 Uhr Ortszeit sank Zverev auf dem Centre Court glückstrunken zu Boden, und 20 Minuten später baumelte schließlich die Goldmedaille um seinen Hals.

Zverevs Olympia-Märchen war perfekt, der erste deutsche Sieg seit dem Doppelerfolg von Boris Becker und Michael Stich 1992 in Barcelona. Und der erste Einzeltriumph seit dem legendären Auftritt von Steffi Graf 1988 in Seoul. „In einer Reihe mit diesen Spielerinnen und Spielern zu stehen, ist überwältigend“, sagte Zverev, „es ist ein Tag, den ich nie vergessen werde.“ Sein Bruder habe „wie vom anderen Stern“ gespielt, befand derweil Mischa Zverev im TV-Sender Eurosport, „ich bin selbst platt, was er da hingelegt hat.“

Auf der Zielgeraden dieses olympischen Wettbewerbs war der jüngere Zverev tatsächlich die alles überstrahlende Figur – ein Mann, der auf einer Goldmission unterwegs war und sich von nichts und niemandem mehr bremsen ließ. Auch nicht vom vermeintlich unschlagbaren Novak Djokovic, dem er nach einem 1:6, 2:3-Rückstand noch eine traumatische Halbfinal-Niederlage beibrachte. Oft landen Tennisspieler nach einem solchen Höhenflug unsanft in der Alltagsrealität, gegen den nächsten, mutmaßlich leichteren Gegner ist eine Niederlage schnell kassiert. Aber Zverev diktierte das Finalmatch gegen Chatschanow auf grandiose Weise, er spielte von der ersten bis zur letzten Minute mit innerer Überzeugung, Leidenschaft, Präzision und unerbittlicher Power.

Vor knapp einem Jahr hatte Zverev bei den US Open den ersten Grand-Slam-Titel höchst unglücklich verpasst, nach dominantem Spiel und 2:0-Satzführung gegen den Österreicher Dominic Thiem verlor der Deutsche den Major-Coup noch in einem bitteren Fünfsatz-Drama. Gegen Chatschanow gab es auf der globalen Olympia-Bühne nach klarem Vorsprung indes kein Zittern, Zaudern oder Zagen, niemals gab der Deutsche seine zupackende, selbstbewusste Attitüde auf. „Dieser Sieg ist der größte Sieg, den du feiern kannst“, sagte Zverev später, „ich habe mir nicht vorstellen können, Olympia-Sieger zu sein. Das entschädigt für alles, was ich in meiner Karriere auf mich genommen habe.“

Zverev wirkte bei seiner Goldschürfung von Anfang an auch inspiriert vom olympischen Gefühl. Der Hamburger wird zu leicht als kalter Egomane oder selbstbezogener Multi-Millionär abgestempelt, dabei ist er im Grunde seines Herzens ein Teamplayer. Er fühlte sich in der Vergangenheit stets wohl mit den Kumpels aus dem deutschen Tennis, wenn es zu Davis-Cup-Auftritten oder Matches beim ATP-Cup ging, einem anderen Mannschaftswettbewerb. In Tokio genoss Zverev das Leben in der Olympia-WG, die Begegnungen mit anderen Sportlern. „Jeder, der nicht bei den Spielen dabei ist, hat etwas Großes verpasst“, sagte Zverev, nun der erste deutsche Männer-Einzelsieger. Auch er hatte sich, wie etwa Tommy Haas oder Nicolas Kiefer, stets die Vergleiche mit den inzwischen Alten Herren Becker und Stich anhören müssen, nun hat er den beiden Wimbledon-Champions selbst etwas voraus.

Von unserem Mitarbeiter Jörg Allmeroth

Djokovic: Schläger kaputt, Bronze futsch

Nach der Halbfinal-Niederlage (6:1, 3:6, 1:6) gegen Alexander Zverev ging nichts mehr: Der serbische Tennis-Topstar Novak Djokovic verlor überraschend auch das Spiel um Bronze gegen den Spanier Pablo Carreno-Busta mit 4:6, 7:6 (8:6), 3:6. Der Weltranglisten-Erste ärgerte sich dabei Anfang des dritten Satzes so sehr, dass er zunächst einen Schläger auf die menschenleere Tribüne warf und wenig später ein anderes Racket zertrümmerte. Anschließend verzichtete der 20-fache Grand-Slam-Sieger auf das Bronze-Match gemeinsam mit Nina Stojanovic im Mixed-Wettbewerb. Grund für die Absage von Djokovic sei eine Verletzung an der linken Schulter. Bronze ging damit kampflos an das australische Duo Ashleigh Barty/John Peers. Djokovic hat in dieser Saison bei den Australian Open, den French Open und in Wimbledon triumphiert. Den Grand Slam kann der 34-Jährige

mit dem Titel bei den US Open im September noch perfekt machen.

Olympische Spiele 2021 in Tokio
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