Archivierter Artikel vom 03.08.2021, 22:27 Uhr
Tokio

Wettkampf zwischen Freude und Leid: Mihambos Sprung ins goldene Glück

Um zu erahnen, wie eng Freude und Leid an diesem Tag im Olympia-Stadion voneinander entfernt lagen, reichte ein Blick auf den Absprungbalken beim Weitsprung. Der Bereich, den die Springerinnen mit dem Schuh berühren dürfen, ehe der Versuch als ungültig erklärt wird, misst 20 Zentimeter. Eben jene 20 Zentimeter Abstand lagen im Finale der Frauen zwischen der Olympia-Siegerin und der achtplatzierten Jazmin Sawyers aus Großbritannien. So knapp war eine olympische Entscheidung in dieser Disziplin noch nie, sodass Malaika Mihambo Glück benötigte, um in die Geschichtsbücher zu springen. Es war aber kein Zufall, dass der Deutschen der weiteste Satz in die Sprunggrube von Tokio gelang. Mit sieben Metern im sechsten Versuch kürte sich die Oftersheimerin zur Olympia-Siegerin.

Von Michael Wilkening

„Ich habe bis zum Schluss daran geglaubt“, sagte die 27-Jährige. Mihambo hat sich in den vergangenen Jahren die psychische Stärke angeeignet, noch einmal zurückschlagen zu können, wenn der Konkurrenz die Kräfte schwinden. Nach den zurückliegenden Monaten war indes nicht absehbar, ob sie diese spezielle Qualität bei den Spielen würde zeigen können. Mihambo war aus dem Tritt geraten.

In den Momenten, die sie zu einem der größten deutschen Sportstars aufsteigen lassen, zählte das alles nichts mehr. Mihambo stand zum letzten Mal am Anlauf zum Weitsprung, und es gab ihr, wie sie nachher einräumte, ein Gefühl der Ruhe, dass ihr eine Bronzemedaille sicher war. Seit ihrem zweiten Sprung hatte sie auf Medaillenkurs gelegen, 6,95 Meter hätten den dritten Platz bedeutet.

Unabhängig von ihrem letzten Versuch würde sie Tokio nicht als Geschlagene verlassen, wenngleich nicht als strahlende Siegerin. Nach einem Jahr der Verunsicherung waren für die Europameisterin von 2018 und Weltmeisterin von 2019 Olympische Spiele ohne Edelmetall denkbar geworden. „Es war etwas holprig“, hatte Mihambo vor dem Abflug nach Tokio eingeräumt. In ihrer besten Saison, die sie mit dem WM-Titel gekrönt hatte, war sie 2019 dauerhaft über die Sieben-Meter-Marke geflogen. Bis auf 7,30 Meter war sie gekommen, der Konkurrenz damit meilenweit enteilt.

Im Jahr 2021 war ihr das nicht gelungen. Nach dem WM-Gold verließ ihr langjähriger Trainer Ralf Weber „aus persönlichen Gründen“ das erfolgreiche Gespann, eine angedachte Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Superstar Carl Lewis kam nicht zustande. Mihambo wirkte verunsichert, der Anlauf funktionierte nicht mehr. Wenn das Vertrauen in die Schrittlängen vor dem Absprung nicht mehr vorhanden ist, kommen Weitspringer ins Straucheln. „Ich hatte Selbstzweifel“, gab sie im Bauch des Olympia-Stadions zu, als die Goldmedaille um ihren Hals baumelte.

Das Feld der Konkurrentinnen schob sich zusammen. Im olympischen Finale verdichtete sich alles, Mihambos 6,95 Meter vor dem letzten Sprung waren zwei Zentimeter schlechter als die Weiten von Brittney Reese (USA) und Ese Brume (Nigeria), aber auch nur vier Zentimeter besser als die Leistung der Vierten Ivana Spanovic (Kroatien). Nur wenig trennte Mihambo vom Olympia-Sieg – und gleichzeitig von der Medaillenlosigkeit.

Daran änderte sich nach ihrem Sprung nichts, aber jetzt führte sie den Kampf um die Zentimeter an. In den finalen Wochen vor dem olympischen Wettkampf hatte Mihambo die Zweifel überwunden und gleichzeitig einen Weg gefunden, um mit der Erwartungshaltung umzugehen. „Ich bin eine gute Sportlerin, und ich mag mich als Mensch. Ich muss nicht Gold gewinnen, um glücklich zu sein“, sagte die 27-Jährige. „Das hat mir die Lockerheit gegeben.“ Im finalen Durchgang wirkte Mihambo befreit. Der Anlauf funktionierte nicht perfekt, sie sprang 19 Zentimeter zu früh ab. Aber es war so viel Energie in ihrem Körper, dass sie 7,19 Meter weit flog und exakt sieben Meter gemessen wurden. Das war die Goldmedaille.

Von unserem Mitarbeiter Michael Wilkening