Archivierter Artikel vom 04.08.2021, 20:33 Uhr
Tokio

Olympia-Hoffnung aus Mainz: Kauls Höhenflug endet als bittere Tragödie

Welch ein Drama um Niklas Kaul! Just als sich der Weltmeister vom USC Mainz beim olympischen Zehnkampf in den Kampf um die Medaillen einschaltete, musste der 23-Jährige verletzt aufgeben. Kai Kazmirek von der LG Rhein-Wied startete heute früh nach soliden, aber nicht herausragenden Leistungen auf Platz 13 in den zweiten Wettkampftag. Seine vagen Hoffnungen auf eine Top-Platzierung hatte der Neuwieder schon früh begraben müssen.

Ende des Medaillentraums: Der Mainzer Zehnkämpfer Niklas Kaul wird im Rollstuhl aus der Arena gefahren. Foto: dpa
Ende des Medaillentraums: Der Mainzer Zehnkämpfer Niklas Kaul wird im Rollstuhl aus der Arena gefahren.
Foto: dpa

Rund 300 Meter schleppte sich Niklas Kaul mehr schlecht als recht über die Bahn. Dann stellte er das Laufen ein, sank zu Boden, fasste sich an den rechten Fuß, schlug die Hände vors Gesicht und ließ dahinter den Tränen freien Lauf. Beim 400-Meter-Lauf, dem letzten Wettbewerb des ersten Zehnkampftages in Tokio, waren die Spiele für den Mainzer beendet. In einem Rollstuhl verließ er den Innenraum des Stadions.

Seine ausgezeichnete Form hatte Kaul mit einer persönlichen Bestleistung im Weitsprung (7,36 Meter) bereits angedeutet, als er beim Hochsprung, der vierten Disziplin des Tages, zum Höhenflug ansetzte. Sechs Höhen von 1,93 bis 2,08 Meter meisterte der Weltmeister von 2019 souverän im ersten Versuch und schwang sich auf Anhieb auch über die 2,11 Meter, eine Höhe, die er noch nie in einem Zehnkampf übersprungen hatte. Sein Zwischenergebnis wies zu diesem Zeitpunkt 100 Punkte mehr auf als bei seinem Überraschungscoup in Doha vor zwei Jahren, als er mit 8691 Punkten den Weltmeistertitel gewann.

Doch nach einem Jubelschrei auf der Matte humpelte der Mainzer mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Katakomben. „Niklas hat beim Absprung den rechten Fuß ein bisschen schräg aufgesetzt und sich dadurch das Sprunggelenk gestaucht“, berichtete sein Vater und Trainer Michael Kaul aus Tokio. „Wenn 90 Kilogramm über eine solche Höhe gebracht werden sollen, ist das eine unglaubliche Belastung für das Gelenk. Niki hat sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt, der Fuß wurde dick, er hat ihn tapen lassen.“ Trotzdem versuchte Kaul, auch die Stadionrunde zu absolvieren. Doch das Drama, das sich nach dem besten Hochsprung seiner Karriere abgezeichnet hatte, fand kein Happy End.

Kauls Freund und Teamkollege Kazmirek erwischte einen miserablen Start in seine zweiten Olympischen Spiele. Über 100 Meter kam der als sprintstark bekannte Neuwieder nicht über mäßige 11,06 Sekunden hinaus, ließ dann aber mit 7,48 Metern im Weitsprung, 14,46 Metern mit der Kugel, 2,02 Metern im Hochsprung und 48,17 Sekunden über die Stadionrunde solide Leistungen folgen. „Es läuft normal, aber nicht gut“, sagte Kazmirek und setzte auf bessere Resultate am zweiten Tag: „Ich hoffe auf eine Top-Acht-Platzierung.“

An der Spitze mischte sich überraschend der erst 21-jährige Australier Ashley Moloney in den allseits erwarteten Zweikampf zwischen Weltrekordler Kevin Mayer aus Frankreich und dem kanadischen Jahresbesten Damian Warner ein. Seinen Anspruch auf die Goldmedaille machte der 31-jährige Warner gleich nach dem ersten Startschuss deutlich: In sagenhaften 10,12 Sekunden, schneller als je ein olympischer Zehnkämpfer zuvor, absolvierte er die 100 Meter und ließ exzellente 8,24 Meter im Weitsprung folgen – eine Weite, mit der er bei den Spezialisten Bronze gewonnen hätte.

80 Zähler hinter dem Kanadier (4722) lag Überraschungsmann Moloney auf dem Silberrang und durfte nachts von einem Podestplatz träumen. Weltrekordler Kevin Mayer hatte bereits fast 400 Punkte Rückstand auf Warner. Aber heute Morgen kann das alles schon ganz anders aussehen. Erst nach dem 1500-Meter-Lauf gegen 15 Uhr unserer Zeit wird feststehen, für wen sich die Träume von einer Zehnkampf-Medaille erfüllen. kif/phe