Archivierter Artikel vom 01.08.2021, 18:00 Uhr

Kommentar zum Olympia-Sieg von Alexander Zverev: Gold ist ein guter Anfang für ein neues Verhältnis

So richtig ins Herz geschlossen hatte Tennis-Deutschland seinen besten Spieler bis dato nicht. Ob sich das nun durch das erste deutsche Olympia-Gold im Männer-Einzel dauerhaft ändert, wird die Zeit zeigen. Jedenfalls hat Alexander Zverev in Tokio das geschafft, was Kritiker von ihm schon seit Jahren erwarten und verlangen: Er hat einen großen Titel gewonnen – für ihn selbst, schwärmte Zverev nach dem einseitigen Finale, ist es der größte Titel von allen. Der Hamburger ist Olympia-Sieger, im Alter von gerade mal 24 Jahren.

Von Jochen Dick
Jochen Dick.
Jochen Dick.
Foto: Rhein-Zeitung

Seitdem Zverev als 17-Jähriger sein erstes Profiturnier gewonnen hatte, begleiteten ihn bei jedem seiner Einzel die (zu) hohen Erwartungen. Zverev selbst betonte stets, dass er Zeit brauche und sich schrittweise entwickeln müsse, anders als sein Vorgänger und Gradmesser in Sachen Tennis hierzulande, Boris Becker, der als 17-Jähriger mit einer Art Urknall gleich mal das Nonplusultra, das traditionsreiche Rasenturnier in Wimbledon, gewonnen hatte. Bei Zverev waren es die Sparkassen Open in Braunschweig, und der lange Rechtshänder brauchte tatsächlich einige Zeit, um sich mit der Rolle der nationalen Tennis-Galionsfigur anzufreunden. Teils überhebliches Benehmen, gepaart mit Absagen für die Auftritte der Nationalmannschaft im Davis Cup sowie zuletzt reihenweise fremd und selbst produzierte Negativschlagzeilen um Corona-Verstöße und Familienfehden zeichneten das Bild eines abgehobenen Tennis-Schnösels, der darüber hinaus ja längst nicht mehr in Deutschland wohnte, sondern im Steuerparadies Monaco. Wie einst der junge Boris Becker wohlgemerkt.

Alexander Zverev, und das hat nie jemand in Frage gestellt, besitzt alle sportlichen Voraussetzungen, um ein ganz Großer seines Sports zu werden. In Tokio hat er auch andere Qualitäten gezeigt, die aus einem begabten Tennisspieler einen wahren Champion machen. Zverev bewies in Abwesenheit einiger Stars Souveränität, Stärke und Reife, kämpfte sich in einem begeisternden Halbfinale gegen den serbischen Branchenführer Novak Djokovic zurück und hielt auch dem Druck als Favorit im Endspiel stand. Man nimmt es dem Hamburger mit russischen Wurzeln ab, wenn er davon spricht, dass er in Japan nicht nur für sich selbst, sondern für sein Land gespielt und die wertvollste aller Medaillen gewonnen hat. Wobei Gold sich erst einmal nur für Zverev selbst auszahlen wird ...

Sind nun die Siegerinterviews, Feierlichkeiten und Empfänge zu dieser historischen Leistung absolviert, wird es an beiden Seiten sein, an Alexander Zverev und an Tennis-Deutschland, dieses bis zu den Tagen von Tokio unterkühlte bis schwierige Verhältnis weiter mit Vertrauen zu füllen. Olympisches Gold ist ein guter Anfang – beide Seiten scheinen gerade erst so richtig warm miteinander geworden zu sein.