Archivierter Artikel vom 02.08.2021, 19:09 Uhr
Tokio

Alessandro Fogolin zu den Zehnkämpfern in der Leichtathletik: Die höchste Stufe des Schaffens

Es ist schon merkwürdig und wird der Sache auch alles andere als gerecht, wenn man in der Geschichte der deutschen Zehnkämpfer bei Olympischen Spielen zunächst einmal reflexartig an den schnauzbärtigen Jürgen Hingsen denken muss. Und an dessen drei Fehlstarts über 100 Meter beim Auftakt des Wettkampfs 1988 in Seoul.

Von Alessandro Fogolin
Alessandro Fogolin.
Alessandro Fogolin.

Schließlich stehen auch zwei Goldmedaillengewinner in der seit 1912 geführten Liste, der legendäre und vor gut einem Jahr verstorbene Willi Holdorf 1964 und 24 Jahre später, beim Hingsen-Malheur in Seoul, Christian Schenk, damals noch für die DDR am Start. Der heute 56-Jährige, der nach dem Mauerfall zum USC Mainz wechselte, hinterließ vor allem im Hochsprung seine deutlichen Spuren. Die 2,27 Meter, damals in der längst vergessenen Straddle-Technik überquert, sind bis heute die größte in einem Zehnkampf übersprungene Höhe.

Bevor die Alleskönner in der Nacht zum Mittwoch ihre zweitägige Arbeit in Tokio beginnen, sei auch noch mal an Frank Busemann erinnert, den heute so wortgewandten Experten bei der ARD. 1996 verhalfen dem bodenständigen Mann aus Recklinghausen auch die sagenhaften 8,07 Meter im Weitsprung zu Silber in Atlanta. Mit dieser Weite hätte er nun in Japan Platz acht bei den Spezialisten belegt, und wer sich diese einzelne Leistung einmal richtig vor Augen führen will, der sollte die Distanz einfach mal im Garten hinter dem Haus ausmessen.

Nun ist es nicht so, dass es den aktuellen Zehnkämpfern um den Neuwieder Kai Kazmirek oder den Mainzer Niklas Kaul insgesamt an Würdigung oder Aufmerksamkeit mangelt. Und doch wird um das Auftreten der leichtathletischen Spezialisten, vornweg denen in den 100-Meter-Sprints, zuweilen vergleichsweise auffällig viel Brimborium gemacht. Auch wenn das zu Usain-Bolt-Zeiten noch deutlich schlimmer war.

Natürlich erfordert jede Leistung, in gleich welcher Disziplin, den Respekt eines jeden Fans oder Zuschauers – und doch ist das, was die Zehnkämpfer auch in Tokio in den 37 Stunden zwischen Auftakt-Sprint und Abschluss-Mittelstrecke produzieren werden, mit absolut nichts vergleichbar. Die Kombination von Schnelligkeit, Ausdauer, Kraft und Technik ist die höchste Stufe des sportlichen Schaffens, und der Weg zur Umsetzung im Wettkampf der Gipfel der Herausforderung im täglichen Training. Zehnmal heißt es dann, sei es bei Olympischen Spielen oder bei anderen Titelkämpfen, nicht zu scheitern, zehnmal jeweils an die Grenze zu gehen. Oder darüber hinaus.

Wenn man also die Zehnkämpfer die Könige der Leichtathleten nennt, so ist das nicht die modern gewordene Überhöhung von etwas Besonderem, sondern die Beschreibung der Einmaligkeit. Auch wenn die für jeden gilt, der am Abend des zweiten Tages die Ziellinie beim 1500-Meter-Lauf überquert.

Mail an den Autor: alessandro.fogolin@rhein-zeitung.net