Als Schach-Reporter auf Reisen
Die Pizza des Volkes und Cornflakes von der NVA
Die Schachsportverbände gehörten nach der Wiedervereinigung zu den ersten, die mit einer gemeinsamen Bundesliga aus Ost- und Wes
Die Schachsportverbände gehörten nach der Wiedervereinigung zu den ersten, die mit einer gemeinsamen Bundesliga aus Ost- und West-Vereinen für sportlichen Austausch zwischen den alten und neuen Bundesländern sorgten. Bei diesen Auswärtsspielen gab es auch abseits des Schabretts einiges zu berichten.
Peter Gercke/dpa. picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Randsportarten und ihre Geschichte(n): Eine experimentierfreudige Sportredaktion, ein Mauerfall und ein reiselustiger Berufsanfänger sorgten Anfang der 90er-Jahre für ungewöhnliche Schach-Berichte im Lokalsportteil der Mainzer Rhein-Zeitung.

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Ob es in Leipzig oder in Weimar war, kann ich nicht mehr sagen, aber es war 1991, als ich vor einer brandneuen Pizzeria im Osten unseres noch ganz frisch wiedervereinigten Vaterlandes stand und den Wortwitz des Inhabers bewunderte. Die Leuchtreklame an der Pizza-Perle inmitten der noch überhaupt nicht blühenden Landschaften lautete „Casa del Popolo“ – zu Deutsch: „Haus des Volkes“. Loriot hätte den Namen sicher lustig gefunden, Erich Mielke wohl eher nicht.

Auswärtsspiele in einem noch unbekannten Land

Anlass dafür, diese und andere Beobachtungen in der „ehemaligen DDR“ machen zu können, war die neugegründete Schachbundesliga der Frauen. Der Verband hatte festgelegt, dass jeweils sechs Vereine aus den alten und neuen Bundesländern antreten durften. In Ostdeutschland war Schach eine große Nummer, sodass klangvolle Namen wie BSG Motor Weimar, Buna Halle oder Chemie Guben gesetzt waren. Im Westen gehörte auch der TSV Schott Mainz zu den Gründungsmitgliedern.

Thomas Haag sammelte im Auftrag der Lokalsportredaktion unmittelbar nach der Wende Eindrücke in Ostdeutschland.
Thomas Haag sammelte im Auftrag der Lokalsportredaktion unmittelbar nach der Wende Eindrücke in Ostdeutschland.
Jens Weber. MRV

Nun muss man als freier Mitarbeiter einer Lokalsportredaktion mit dem Themenangebot „Schach“ eigentlich gar nicht erst kommen. „Das ist doch kein Sport“, heißt es dann – Gegenargumente sind meist zwecklos, da zugegebenermaßen beim Schach niemand gegen einen Ball tritt. Doch nicht nur das vereinte Deutschland war damals noch jung, sondern auch die seit 1987 erscheinende Mainzer Ausgabe der Rhein-Zeitung. Großartige Sportkollegen wie Stefan Kieffer, „Jobst“ Schneider oder Reinhard Rehberg hatten Spaß am Experimentieren in ihrem Sportteil und ließen den Berufsanfänger sogar über Schach schreiben.

Klare Anweisung der Kollegen: „Schreib bloß nicht langweilig!“

Einzige „Regieanweisung“ an den Frischling: „Schreib bloß nicht langweilig.“ Der nahm’s wörtlich. Die Berichte über zweimal acht Frauen, die sich konzentriert und schweigend über Stunden am Schachbrett gegenübersitzen, ähnelten Rezensionen der blutigsten Shakespeare-Dramen. Zum Entsetzen der Schach- und Fachwelt, aber zur Freude von Erich Siebenhaar, Mentor, Macher und Mädchen für alles in der Schott-Schachabteilung, der die unverhoffte mediale Breitenwirkung seines Nischensports eifrig zur Sponsoren-Akquise nutzte. Die Auswärtsspiele waren Abenteuerreisen.

Real existierende Reste von Planwirtschaft am Frühstücksbüfett

Bettina Trabert, Spitzenspielerin der Mainzer, entging nur knapp einem gefährlichen Handgemenge, als sie im Zug nach Dresden ihre Mitreisenden ausgerechnet mit den unbedachten Worten „Vorwärts, Genossen“ zum zügigen Aussteigen bewegen wollte. Ebenfalls in Dresden wurde die Reisegruppe aus Rheinland-Pfalz Zeuge, wie eine wütende Servicekraft dem neuen Hotel-Manager – ein Wessi – lautstark erklärte, der Betrieb sei überhaupt nur dann zu organisieren, wenn alle Gäste verpflichtet würden, exakt zur selben Uhrzeit zum Essen zu erscheinen.

Als Gast sah ich das anders, kam später und wurde anstelle eines Frühstücksbüfetts mit einer zigarettenschachtelgroßen Packung Cornflakes abgespeist. Milch gab es nicht, so blieb die Schachtel zu und besserte daheim nachträglich die Reisekasse auf. Wer konnte im florierenden deutsch-deutschen Devotionalienhandel schon Cornflakes der Nationalen Volksarmee anbieten.

Der Autor

Thomas Haag, Jahrgang 1967, ist seit 2022 stellvertretender Chefredakteur der Rhein-Zeitung. Er hat in Mainz Politikwissenschaft studiert, bevor er 1997 Volontär bei der „Allgemeinen Zeitung“ in Mainz wurde, für die er in den folgenden Jahren verschiedene Lokalredaktionen und lokale Verbünde in Rheinhessen und an der Nahe leitete. Für seine Berichterstattung über die verdeckten Geldströme rund um die rheinland-pfälzischen Landesgartenschauen erhielt er 2013 den Ralf-Dahrendorf-Preis für investigativen Journalismus. Mit seinem Wechsel zum Mittelrhein-Verlag kehrte er quasi zu seinen beruflichen Wurzeln zurück. Seine ersten journalistischen Gehversuche unternahm er nämlich Anfang der 90er-Jahre in der Lokalredaktion Nieder-Olm der Mainzer Rhein-Zeitung. Neben der kommunalpolitischen Berichterstattung machte er dabei seine Hobbys Schach und Reisen zum Gegenstand seiner Arbeit und berichtete viele Jahre über die Herren- und Damen-Teams des TSV Schott und über die „Chess Classics“.

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