Archivierter Artikel vom 12.01.2022, 18:32 Uhr
Bad Kreuznach

Netzwerk in Bad Kreuznach fordert: „Sport muss zur Chefsache werden“

Der Sport macht mobil und will Einfluss nehmen auf die Wahl des Bad Kreuznacher Oberbürgermeisters am 13. März. In einer Interessengemeinschaft unter dem Namen „Netzwerk Sportstadt Bad Kreuznach“ haben sich bekannte Funktionäre aus Sportvereinen der Stadt zusammengefunden.

Von Olaf Paare

Sie machen sich stark für den Bad Kreuznacher Sport (von links): Oliver Holste, Kathrin Breivogel, Jan Huyhsen, Hans-Wilhelm Hetzel, Sabine Bretz, die als Kassiererin der VfL-Hockeyabteilung ihren Abteilungsvorsitzenden Hetzel begleitete, Oliver Eich, Walter Senft und Steffen Oberst.  Foto: Olaf Paare
Sie machen sich stark für den Bad Kreuznacher Sport (von links): Oliver Holste, Kathrin Breivogel, Jan Huyhsen, Hans-Wilhelm Hetzel, Sabine Bretz, die als Kassiererin der VfL-Hockeyabteilung ihren Abteilungsvorsitzenden Hetzel begleitete, Oliver Eich, Walter Senft und Steffen Oberst.
Foto: Olaf Paare

„So etwas gab es noch nie. So hat der Sport in Bad Kreuznach noch nie getickt“, verkündete Steffen Oberst. Der Leiter des Olympiastützpunkts Rheinland-Pfalz/Saarland, der sich als Bad Kreuznacher „Gässje“ bezeichnet, ist Initiator und Wortführer. „Das ist erst der Anfang“, betonte er bei der Vorstellung des Projekts und forderte alle weiteren der rund 70 Vereine auf, sich der IG anzuschließen.

Im ersten Schritt haben die Beteiligten den Ist-Stand analysiert. „Im Laufe unserer Gespräche haben wir festgestellt, dass jeder die gleichen Probleme mit der Stadt hat“, sagte VfL-Hockeyabteilungschef Hans-Wilhelm Hetzel. Das schweißt zusammen. Der Zusammenhalt, das war deutlich zu spüren, ist groß. „Wir tauschen uns aus, alleine deshalb hat der Zusammenschluss schon etwas gebracht“, erklärte Kathrin Breivogel, die stellvertretende Eintracht-Vorsitzende. Hetzel ergänzte: „Aufgrund der Synergieeffekte sind wir jetzt schon Gewinner.“ Die gemeinsamen Kritikpunkte in Richtung Verwaltung könnten allerdings vielschichtiger kaum sein:

Die Vereine vermissen finanzielle Unterstützung. „Es gibt in Rheinland-Pfalz, vermutlich in ganz Deutschland, keine Stadt mit einem Bundesstützpunkt, die so wenig macht wie Bad Kreuznach in Sachen Förderung. Die Vereine werden ignoriert“, sagte Oberst. Hetzel nannte für die VfL-Hockeyabteilung zwei Beispiele: „Die Fahrten unserer Nachwuchsteams zu deutschen Meisterschaften kosten 6000 Euro. Wir haben bei der Stadt um einen Zuschuss gebeten, aber nichts erhalten. Die Schilder für die Herabsetzung der Geschwindigkeit auf der Bundesstraße im Salinental während unserer Hockeyturniere mussten wir dagegen mit 600 Euro pro Turnier bezahlen.“

Ein weiteres Beispiel ist das dringend benötigte Flutlicht im Moebus-Stadion, auf das die Vereine seit Jahren warten, das aber von der Stadt bisher nicht gestemmt wurde. Auch für die endgültige Finanzierung der Flachwasserstrecke der Kanuten mussten Spender gesucht werden.

Die Vereine vermissen Wertschätzung, beispielsweise für die Sozialarbeit, die sie leisten. „Wir haben mittlerweile wieder 200 Kinder und Jugendliche im Training, wir holen die Kinder damit von der Straße. Das entlastet die Stadt, reduziert deren Kosten. Die Stadt hat mit unserer Arbeit eine Wertschöpfung, das ist der Stadtspitze aber gar nicht klar“, sagte Kathrin Breivogel und erwartet, dass diese Sozialarbeit von der Stadt mehr gefördert wird. „Da reichen aber 3,48 Euro pro Kind und Monat nicht aus“, monierte sie.

Oliver Eich, Geschäftsführer des Ringer-Bundesligisten Wrestling Tigers, macht das Thema Respekt auch an den Besuchen bei den Heimkämpfen fest. Sportdezernent Markus Schlosser habe sich keinen einzigen Kampf angesehen. OB Heike Kaster-Meurer war nach Eichs Auskunft rund zehn Jahre nicht vor Ort gewesen, bis sie den letzten Heimkampf der Saison besuchte.

Die Vereine haben den Eindruck, die Stadt wolle Sport verhindern und nicht fördern. Als Beispiel wurde die aktuelle Schließung des Moebus-Stadions vom 17. Dezember bis zum 17. Januar genannt. „In anderen Städten sind Sportanlagen Bürgerparks, in denen die Menschen sich jederzeit aufhalten können. Und warum sollen aktuell Jugendliche nicht die Basketballkörbe im Stadion nutzen?“, sagte Kathrin Breivogel.

Ihr Eintracht-Kollege Oliver Holste beobachtete zuletzt eine Gruppe der Lebenshilfe, die ins Stadion wollte, aber unverrichteter Dinge wieder gehen musste. Ähnliche Erfahrungen hat Hetzel im Salinental gemacht: „Da werden von der Stadt Hürden aufgebaut, die wir als die Deppen der Nation überspringen müssen. Unser ehrenamtliches Engagement wird nicht belohnt.“

Die Vereine vermissen Kommunikation, haben den Eindruck, dass ihre Expertise nicht gewünscht wird. Als Beispiel dient dabei der Bau des Salinenbads und der Ausschluss der Kanusportvereine durch die Badgesellschaft. Dabei ist speziell für die Kaderathleten des Bundesstützpunkts das Wintertraining im Hallenbad extrem wichtig. „Wären wir da frühzeitig in die Planungen einbezogen worden, hätten wir auf unsere Bedürfnisse hinweisen und vielleicht sogar für eine finanzielle Unterstützung bei der Umsetzung sorgen können. So haben wir nebenbei erfahren, dass wir außen vor sind“, berichtete KSV-Sportwart Walter Senft. Die Kanuten der Sportstadt Bad Kreuznach sind nun nach Gensingen ausgewichen.

Senft nannte in der geplanten Pontonbrücke am Salinenbad ein weiteres Beispiel. „Wir sind an der Nahe und wissen, wie schnell das Wasser steigen kann und was für ein Treibgut dort im Wasser schwimmt. Eine solche Brücke ist beim ersten kleinen Hochwasser direkt weg“, prophezeite der Wasser-Experte, der ergänzte: „Ich hoffe sehr, dass es wieder regelmäßige Gespräche mit den Vereinen gibt, in denen wir uns austauschen können.“

Die Vereine haben schlechte Erfahrungen mit dem Sportamt gemacht. „Ich habe den Eindruck, dort weiß die rechte Hand nicht, was die linke tut. Die Vertreter der Verwaltung sind bei Gesprächen schlecht vorbereitet, unpünktlich und dann auch schnell wieder weg. Ich habe es ehrlich gesagt satt und bin ratlos, aber ich werde nicht nachlassen, vorstellig zu werden“, berichtete Hetzel, Organisator der großen Hockeyturniere im Salinental. Eich kritisierte „fehlende Kompetenz“.

Zudem wurde moniert, dass Amtsleiterin Grit Gigga mit Sport, Kultur und Schule gleich drei Bereiche abdecken muss. Eine personelle Aufstockung gehört deshalb zu den IG-Forderungen. Jan Huyhsen, Geschäftsführer des Post-SV Bad Kreuznach, bemängelte, dass der Übergabeprozess des ehemaligen Sportheims seines Vereins im Moebus-Stadion an die Stadt zu lange gedauert habe. „Erst nach Einschaltung eines Rechtsanwalts hat sich die Stadt bewegt. Zudem ist uns in dem gesamten Verfahren ein niedriger fünfstelliger Betrag verloren gegangen, den wir dadurch nicht in Kinder- und Jugendarbeit stecken konnten“, berichtete Huyhsen.

Die Vereine finden, dass die Strahlkraft des Sports von der Stadt nicht richtig eingeschätzt und genutzt wird. Als Beispiel wird die Werbemöglichkeit für den Tourismus genannt. Zum einen, wenn Sportler national und international im Einsatz sind und dabei den Namen Bad Kreuznachs in alle Welt tragen. Zum anderen, wenn Sportler nach Bad Kreuznach kommen. „Da steckt doch ein Wirtschaftsfaktor dahinter, wenn die Besucher in Bad Kreuznach übernachten, etwas essen, trinken oder anderweitig Geld ausgeben. Das hat doch einen Mehrwert für Bäcker, Metzger, Gastronomen, Geschäfte und Winzer“, führte Kathrin Breivogel aus.

Hetzel ergänzte: „Jeder kleine Ort feiert am Ortsschild seine Weinkönigin ab, Bad Kreuznach seine Olympiasiegerin nicht.“ Und Senft sagte: „Bad Kreuznach fährt bei dem Thema Sportmarketing wie im Schlafwagen durch die Gegend.“

Unter dem Strich ist die Meinung klar: Bad Kreuznach bezeichnet sich als Sportstadt, doch das ist sie aus Sicht der beteiligten Vereine schon lange nicht mehr. Alle bemängelten den Negativtrend der vergangenen Jahre, unter ehemaligen Stadtverantwortlichen wie Dieter Gronbach, Malu Dreyer, Rolf Ebbeke oder Martina Hassel sei der Stellenwert des Sports deutlich höher gewesen. „Bad Kreuznach ist dank der Erfolge eine Sportstadt, aber keine Sportförderstadt“, fasste Oberst zusammen und fügte an: „Wir sind der Meinung, die Stadtspitze macht zu wenig für den Sport. So geht es nicht weiter. Das ist keine Drohung, wir üben Demokratie aus.“

Der Zeitpunkt, an dem das Netzwerk an die Öffentlichkeit gegangen ist, ist nicht zufällig gewählt. In zwei Monaten wird ein neuer Oberbürgermeister gewählt. „Der zukünftige OB muss den Sport zur Chefsache machen“, forderte Oberst und machte keinen Hehl daraus, dass sich die IG in den Wahlkampf einmischen möchte, eventuell sogar eine Wahlempfehlung abgeben wird. „Wir möchten wissen, wer ist wählbar für den Sport. Und ich bin mir sicher, dass unser Favorit sehr gute Chancen hat, gewählt zu werden“, sagte Oberst, dem es noch lieber gewesen wäre, wenn es einen Kandidaten aus den eigenen Reihen der IG gegeben hätte. „Ich bin zehn Jahre zu alt, sonst würde ich es machen“, erklärte Oberst, der jüngst seinen 64. Geburtstag feierte.

Die IG möchte mit allen Kandidaten sprechen, eventuell sogar eine Podiumsdiskussion ausrichten. „Was die aktuelle OB für den Sport geleistet hat, wissen wir. Wir sind gespannt, was die anderen Kandidaten für den Sport tun wollen, welchen Plan sie haben. Wir brauchen Aussagen, an denen wir sie im Sinne des Sports packen können. Das ist jetzt eine große Chance für den Sport“, findet Oberst. Ein erstes Gespräch mit dem FDP-Kandidaten Emanuel Letz hat es bereits gegeben, der ehemalige Badmintonspieler konnte mit seinem Konzept punkten.

„Wir werden aber auch nach der OB-Wahl aktiv sein. Die nächste Kommunalwahl kommt bestimmt“, erklärte Oberst, der sich wundert, dass wichtige Köpfe im Stadtrat wie Claudia Eider, Manfred Rapp oder Holger Grumbach „aus dem Sport kommen, den Sport aber gar nicht auf dem Schirm haben“.

Oberst stellte klar, dass sein Netzwerk selbst ein Konzept erarbeitet habe, wisse, wohin es möchte. „Es gibt die verschiedensten Modelle, wie der Sport in Bad Kreuznach unterstützt werden kann. Aber bisher werden diese Modelle in Bad Kreuznach nicht genutzt.“ Die Umsetzung sieht er als Ziel an. „Wir werden da gemeinsam einiges erreichen, davon bin ich überzeugt. Der Frust löst sich, mir macht die Sache mittlerweile richtig Spaß. Dass wir auch mal Gegenwind bekommen werden, ist normal“, sagte Oberst. Und Senft ergänzte: „Es geht darum, einen Ruck für eine gute Zukunft, die ich derzeit nicht sehe, zu erzeugen.“

Die Köpfe des Netzwerks Sportstadt

Das Netzwerk Sportstadt Bad Kreuznach möchte die Kraft aller Sportvereine bündeln. Folgende Funktionäre (alphabetische Reihenfolge) bringen sich bisher ein:

Kathrin Breivogel, stellvertretende Vorsitzende des Fußballklubs SG Eintracht Bad Kreuznach.

Oliver Eich, Abteilungsleiter Ringen im VfL Bad Kreuznach, Geschäftsführer des Bundesligisten Wrestling Tigers Rhein-Nahe.

Hans-Wilhelm Hetzel, Vorsitzender der Hockeyabteilung des VfL Bad Kreuznach.

Oliver Holste, stellvertretender Vorsitzender des Fußballklubs SG Eintracht Bad Kreuznach.

Jan Huyhsen, ehemaliger Badminton-Kaderathlet, Geschäftsführer des Post-SV Bad Kreuznach.

Steffen Oberst, Leiter des Olympiastützpunkts Rheinland-Pfalz/ Saarland, engagiert in und für die Ringerabteilung des VfL Bad Kreuznach.

Walter Senft, Sportwart des KSV Bad Kreuznach und Landesnachwuchstrainer.

Das sagen die Stadtvertreter zu den Vorwürfen

Bad Kreuznach. Oberbürgermeisterin Dr. Heike Kaster-Meurer und Sportdezernent Markus Schlosser nehmen Stellung zur Kritik, die die IG an der Stadtverwaltung geübt hat.

Fehlende finanzielle Unterstützung: Dazu verweisen OB und Sportdezernent auf einige städtische Investitionen. Der Hockey-Kunstrasenplatz im Stadion Salinental wurde für rund 300 000 Euro saniert. Das Kleinspielfeld in Planig wurde mit rund 12 000 Euro gefördert, dazu wurden der TSG Planig über den Pachtvertrag langjährige Rechte und ein Zuschuss von 50 000 Euro zur Sportplatzsanierung gewährt. Rund 80 000 Euro an Corona-Hilfen zahlte die Stadt zudem an die Sportvereine aus. Die Kanu-Flachwasser-Trainingsfläche zur Sicherung des Bundes- und Landesstützpunkts für den Nachwuchs im Kanusport wurde mit 20 000 Euro und einem Spendenaufruf der OB unterstützt. „Insofern fördert die Stadtverwaltung mittelbar und unmittelbar den Sport in der Stadt Bad Kreuznach. Mehr Geld aus dem städtischen Haushalt ist wegen der Einsparungen nicht möglich. Die FDP wollte sogar den letzten Rest noch kürzen“, betonten die beiden Stadtvertreter.

Geringes Sponsoring der Stadtwerke: „Mehr Sponsorengelder sind wegen der veränderten wirtschaftlichen Situation nicht möglich. Das gilt beispielsweise auch für die 15 000 Euro für die Bundesliga-Ringer, die Steffen Oberst haben wollte“, sagte Dr. Heike Kaster-Meurer, die im Aufsichtsrat der Stadtwerke sitzt.

Mangelnde Wertschätzung: „Ich besuche häufig Sportveranstaltungen, wir hatten vor und während Corona immer wieder als Sportamt Termine, um die Nutzung der Stadien zu besprechen. Wir haben auch an Samstagen die Stadien für den Trainingsbetrieb geöffnet“, sagte Schlosser. Die Oberbürgermeisterin und der Sportdezernent empfinden es allerdings als „schlechten Stil“, wenn zu einer derartigen Versammlung wie der IG-Vorstellung der zuständige Dezernent nicht eingeladen wird, um zu solchen Vorwürfen direkt Stellung nehmen zu können. Schlosser: „Die Amtsleiterin und der Sportsachbearbeiter leisten unter den gegebenen Rahmenbedingungen (finanziell und personell) sehr gute Arbeit und liefern als Ansprechpartner für die Sportvereine engagierte Arbeit ab. Gerade dort habe ich viele positive Rückmeldungen erhalten.“ Die OB erinnerte zudem daran, dass sie sich für den Erhalt der Olympiastützpunkte bei Bund und Land eingesetzt hat.

Förderung gekürzt?

Bad Kreuznach. Neben der Stadtspitze betrachtet die IG „Netzwerk Sportstadt Bad Kreuznach“ auch die Stadtwerke Bad Kreuznach kritisch. Unter Geschäftsführer Christoph Nath, so berichten die beteiligten Vereine, sei die Förderung deutlich zurückgefahren worden. „Wir haben zu Verbandsliga-Zeiten mehr bekommen als jetzt in der Bundesliga“, monierte Oliver Eich, Geschäftsführer der Wrestling Tigers. Im Vorfeld der Saison waren er und seine Mitstreiter mit den exakten Beträgen, die Mitbewerber von ihren Stadtwerken erhalten, bei Nath vorstellig geworden. „Wir hatten auf die Hälfte der Beträge gehofft, ein Zehntel wurde es“, haderte Eich. Und Steffen Oberst stellte fest: „Herr Nath fordert immer mehr von den Vereinen, gibt dafür aber immer weniger.“

„Wir sind sehr verwundert über die Äußerungen“, erklärte in Chantal Rubröder die Pressesprecherin der Stadtwerke. Sie ergänzte: „Uns als Unternehmensgruppe wird immer wieder mitgeteilt, dass viele sehr zufrieden damit sind, wie vielseitig wir regionale Vereine in allen Größenordnungen und Leistungsklassen unterstützen. Im Jahr 2021 haben wir mehr als 70 Vereine in vielfältiger Weise unterstützt.“

Die Oberbürgermeister-Wahl in Bad Kreuznach 2022
Regionalsport Extra
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