Frühes Aus
Trauer und WM-Wut: Türkei «an Naivität nicht zu überbieten»
WM 2026 - Türkei - Paraguay
Die Enttäuschung bei den türkischen Spielern ist riesig.
Jeff Chiu. DPA

24 Jahre gewartet und dann steht das Aus nach zwei Spielen fest. In der Türkei ist der Ärger nach dem 0:1 gegen Paraguay groß. Wie geht es mit dem Trainer weiter und was sagt der Superstar?

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Santa Clara (dpa) – «Beschämend», «erschreckend» und naiv: Das frühe WM-Aus hat die Türkei in die tiefe Fußball-Trauer gestürzt. «Wir entschuldigen uns bei unserem Volk», sagte Arda Güler nach dem 0:1 gegen Paraguay, das die Abreise nach der Vorrunde besiegelte. «Wir sind einfach super traurig. Ich weiß nicht, wie ich von unseren Gefühlen sprechen soll, wir sind ehrlich gesagt alle am Weinen.»

Statt das XXL-Turnier mit der Offensivpower des Stars von Real Madrid und von Teamkollege Kenan Yildiz aufzumischen, stehen die Türken nach zwei Spielen gegen die nicht gerade als übermächtig bekannten Australier und Paraguayer bei null Punkten und null Toren. Ob Trainer Vincenzo Montella seinen Job behält, ist sehr fraglich. Wie konnte das alles passieren?

62 Abschlüsse, kein Tor

«Wir hatten viele Chancen und haben sie nicht genutzt», sagte Güler – und war mit dieser Sicht der Dinge nicht alleine. Insgesamt 62 Torabschlüsse verzeichneten die Türken laut offizieller Statistik des Weltverbandes FIFA in den Spielen gegen Australien (0:2) und Paraguay. «Pfosten, Kopf, Fuß – wir haben alles getroffen, aber der Ball ist nie reingegangen», sagte Kapitän Hakan Calhanoglu.

Montella war ebenfalls fassungslos. «Ich habe, glaube ich, noch nie zwei solche Spiele in Serie gesehen», sagte er. «Fußball ist nicht logisch, deswegen ist es das schönste Spiel der Welt», erklärte der Italiener mit nahezu versteinerter Mine. «Das bessere Team gewinnt nicht immer.»

Tatsächlich hatten die Türken in beiden Partien viel Pech. Ein abgefälschter Kopfball von Mert Müldür sprang gegen Paraguay erst an die Latte, dann an den Pfosten, aber nicht ins Tor – das war fast schon skurril. Nur auf Pech reduzieren lässt sich das frühe Scheitern bei der ersten WM-Teilnahme nach 24 Jahren aber nicht.

Halil Altintop sagt: «An Naivität nicht zu überbieten»

Dass die Türken es in mehr als 45 Minuten in Überzahl gegen Paraguay nicht schafften, Tore zu erzwingen, veranlasste den früheren National- und Bundesligaspieler Halil Altintop zu deutlicher Kritik. «Es hat sich ja gar nichts verändert, ob sie jetzt einen Mann mehr waren oder nicht. Das ist erschreckend», sagte der 43-Jährige bei MagentaTV. «Wir haben viel über die individuelle Qualität gesprochen, eine gute Mannschaft. Aber: an Naivität nicht zu überbieten.»

Einige türkische Medien fällten ebenfalls vernichtende Urteile. «Die schlechteste Mannschaft des Turniers» hieß es bei «Sözcü». Für «Habertürk» gehört die Niederlage «zu den schmerzhaftesten Enttäuschungen in der WM-Geschichte unseres Landes.»

Montella nahm seine Spieler dagegen in Schutz. «Ich habe nicht das Gefühl, dass ich in einer Position bin, den Spielern etwas vorzuwerfen», sagte der frühere italienische Nationalstürmer. «Ich liebe die Spieler jetzt noch mehr. Sie haben ihr Herz und ihre Seele auf dem Feld gelassen.» Montella versuchte nach dem 0:1 sogar bereits, den Blick nach vorne zu richten. «Diese Lektion wird uns helfen als Team in der Zukunft.»

Was passiert mit Montella?

Ob er dann selbst noch dabei ist, darf allerdings zumindest bezweifelt werden. Dass die riesige Enttäuschung für den Coach folgenlos bleibt, scheint schwer vorstellbar. Türkische Fußball-Kommentatoren forderten bereits sein Aus. Mit deutlicher Medien-Schelte schon vor dem Paraguay-Spiel machte sich der 52-Jährige zudem nicht nur Freunde.

Klar ist: Auf dem Platz ruhen auf den erst 21 Jahre alten Güler und Yildiz auch in den nächsten Jahren große Hoffnungen. «Sie haben noch viele Turniere vor sich. Für mich war es vielleicht das letzte, man weiß nie», sagte Mittelfeldlenker Calhanoglu.

Güler scheint schon zu wissen, welche Last auf seinen Schultern liegt. Das Aus nannte der Ausnahmefußballer «beschämend» und sagte: «Ich muss jetzt alles tun, um das wiedergutmachen zu können.»

© dpa-infocom, dpa:260621-930-256639/1

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