Vor dem Finale
Von Aura bis Zug ohne Bremse: Das ABC zur Fußball-WM
Manuel Neuer
Geholt wegen seiner Aura: Manuel Neuer. (Archivbild)
Tom Weller. DPA

Ein von einem ghanaischen Spiritualisten verfluchter Harry Kane, ein KI-Hit mit Folgen und Wirbel um das Wörtchen «noch»: Die WM lieferte viele kuriose Geschichten.

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Berlin (dpa) - 102 der 104 Partien sind gespielt, auf und neben dem Rasen gab es zahlreiche Geschichten: Die XXL-WM bot sportliche Höhepunkte, aber auch kuriose Debatten und Lacher. Ein alphabetischer Rückblick - von A wie Aura bis Z wie Zug.

Aura: Etwas abstrakter Grund, weshalb Manuel Neuer kurzfristig von Bundestrainer Julian Nagelsmann als Nummer 1 reaktiviert wurde. Auch Neuer selbst blieb eine Erklärung schuldig. Auf die Frage, was denn seine Aura sei, antwortete er auf einer Pressekonferenz: «Das müssen Sie sagen, ich bin ja gerade in den Raum gekommen.»

Balogun, Folarin: US-Stürmer, der eine Rote Karte erhielt, dann aber von der FIFA begnadigt wurde. Zuvor hatte Donald -> Trump seinen Kumpel Gianni -> Infantino angerufen, wohl nicht nur, um sich die Regeln erklären zu lassen («I didn't know what the hell a red card was» - «Ich wusste nicht, was zum Teufel eine Rote Karte war»).

Covered his mouth: Schiedsrichter Iván Barton zeigte die erste Rote Karte der WM-Geschichte für das Bedecken des Mundes mit der Hand während eines Spielerstreits - auf gebührende Weise. Seine nach einem VAR-Check in bestimmendem Ton vorgetragene Entscheidung wurde zum Netz-Hit: «After Review. Number 10. Paraguay. Covered his mouth. Decision is: Red Card!»

Doku, Jeremy: Belgischer Nationalspieler, der zwischendurch von der WM abreiste, um die Geburt seines ersten Kindes zu erleben. Hätte dank der -> XXL-WM mit teilweise mehr als einer Woche Pause für Nationen eigentlich auch noch in der Heimat heiraten können - war aber nicht nötig, hat er schon.

Elfmeter: 21 von 60 Elfmetern wurden bislang nicht verwandelt, darunter die von Kai Havertz, Nick Woltemade und Jonathan Tah (siehe auch: -> Huber, Margot). Das waren übrigens die ersten verschossenen DFB-Elfmeter bei einer WM seit Uli Stielikes Versuch 1982.

Fluch: Nana Kwaku Bonsam heißt der Mann, der Harry Kane so richtig ausschaltete. Zumindest behauptet er das. Der ghanaische Spiritualist kündigte vor dem Spiel der Engländer gegen Ghana an, seine spirituelle Kraft gegen Kane einzusetzen. Nach einem Doppelpack zum WM-Start traf Bayerns Starstürmer beim 0:0 dann tatsächlich das Tor nicht. Nach dem Spiel meldete sich Bonsam wieder: Er habe Kane jetzt vom Fluch befreit. «Wir sind wieder Freunde.» Sofort traf Kane wieder. Gegen Panama. Gegen die DR Kongo doppelt. Gegen Mexiko. Gegen Norwegen (okay, hier war es Abseits).

Gruppendritten-Ranking: Acht von zwölf Gruppendritten kamen bei dieser -> XXL-WM weiter - aber nicht einfach so. Es gab dabei 495 Varianten, auf welche Weise sich die Gruppendritten in den Turnierbaum integrierten. Wie genau das ablief? Das lassen wir hier lieber weg.

Huber, Margot: KI-generierte Sängerin eines extrem anzüglichen KI-generierten Songs, der schon im Titel nur zwei jugendfreie Wörter enthielt («Jetzt wird...»). Wurde erst zum Netz-Hit und dann zum -> Fluch fürs DFB-Team: Die Bilanz der im Song vorkommenden Spieler: Karl und Schlotterbeck fielen verletzt aus, Woltemade und Tah verschossen ihre -> Elfmeter, Sané geriet früh in die Schusslinie Fußball-Deutschlands.

Infantino, Gianni: FIFA-Boss, der mehr WM-Spiele besuchte als Kaiser Franz 2006, aber zunächst erstaunlich unauffällig blieb. Doch dann rief -> Trump an.

Jingle: «Heute Nacht!» Keine Sequenz bei MagentaTV ohne Helene Fischers WM-Hymne. Der Hit war sogar Nummer 1 der Charts, später übernahm Shakira mit ihrem nächsten WM-Hit (nach «Waka Waka» diesmal «Dai dai»), wobei sich immer noch Menschen fragen, ob das bei der Eröffnungsfeier wirklich Shakira war oder ein Double.

Klopp, Jürgen: Magentas großer Experten-Coup. Versorgte TV-Publikum und Boulevard-Medien 20 Jahre nach seiner ersten Experten-WM beim ZDF → noch zuverlässig mit seiner -> Aura und Sprüchen, fällt fürs nächste Turnier dann aber wohl erst einmal aus.

Les Bleus: Rufname des französischen Starensembles um Mbappé, Dembélé, Olise und Doué: Da - so dachten vor der WM viele - ist fürs DFB-Team im Achtelfinale eh Schluss. Sie irrten sich. Aber nicht wegen Frankreich.

Messi, Lionel: Nahm den WM-Pokal 2022 in einem in den Golfstaaten traditionellen Gewand entgegen, den ihm kurz zuvor Katars Emir umgelegt hatte. Auch eine zweite Siegerehrung dürfte besonders werden, -> Trump ist zuständig.

Noch: Kleines Adverb, das Jürgen -> Klopp auf fatale Weise nachschob, nachdem er als TV-Experte den Satz «Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf» gesagt hatte. Die Aufregung war groß, Klopps Reue auch: «Ich hätte mir dafür aufs Maul hauen können.» 

Oasis: Britpop-Band, deren Hymne «Wonderwall» die Engländer endlich zum Triumph führen sollte. Schwierig, wenn in dem Lied doch nur vielleicht («Maybeee») jemand zum Heilsbringer wird. Hat folglich natürlich nicht geklappt. Übrigens: Die Fan-Hymne «Three Lions (Football's Coming Home)» erschien 30 Jahre nach dem WM-Titel 1966. Die Zeitspanne zwischen dem Schwarz-Weiß-Finale von einst und 1996 ist nun geringer als die zwischen 1996 und 2026.

Pink: Die dominierende Schuhfarbe des Turniers. War schon vorher so, fiel nun aber einem großen Millionenpublikum auf.

Qualifikation: Langsam vom Aussterben bedrohter Wettbewerb auf dem Weg zur -> XXL-WM, weil -> Infantino eine Endrunde mit 64 Teams nicht mehr ausschließt. Es locken tatsächlich unerschlossene Märkte: Acht der zehn bevölkerungsstärksten Länder der Welt fehlten bei der WM. Ja, und Italien natürlich auch.

Ro!: Ausruf beim Viking Row, die norwegische Antwort auf die Prozeduren aus Island (Viking Clap, «Huh») und den Niederlanden («Naar links! Naar rechts»). Alle Norweger - im Stadion und sogar im Parlament - ruderten mit. Nur Emil Lappen nicht. «Ich finde das einfach total dumm», schimpfte der norwegische Fan - und sah historische Unschärfen: «Es ist sachlich falsch, sie sind nicht gerudert, sie sind über den Atlantik gesegelt.»

Siuuu: CR7-Torjubelruf. Von allen Superstars ist die WM-Geschichte von Cristiano Ronaldo am schnellsten erzählt: Dreimal machte es «Siuuu» im Stadion, zweimal beim 5:0 gegen Usbekistan, einmal beim 2:1 gegen Kroatien. Danach kam nicht mehr viel, und das ganz ohne -> Fluch. Ronaldo bleibt bei einer WM ungekrönt - und da setzt selbst -> Klopp kein -> «noch» mehr.

Trump, Donald: US-Präsident und erster FIFA-Friedenspreisträger der Geschichte. Ließ sich aber bislang nie im Stadion blicken, weil er unter anderem Kriege zu führen hatte. Gab sich aber interessiert, als er sich bei -> Infantino wegen einer Roten Karte für -> Balogun erkundigte.

Underdogs: Teilnehmer dank der -> XXL-WM, die hübsche Geschichten lieferten. Kap Verde etwa holte dank -> Vozinha ein 0:0 gegen Spanien und brachte Argentinien in einem epischen Sechzehntelfinale (ja, «episch» und «Sechzehntelfinale» mit vollem Ernst in einem Satz) an den Rand einer Niederlage, «The Athletic» kürte die Partie sogar zum (bisherigen) Spiel der WM. Die DR Kongo brachte England in große Not. Was wäre möglich gewesen, hätte Nana Kwaku Bonsam nicht den -> Fluch für Kane aufgehoben?

Vozinha: 40 Jahre alter Torhüter der --> Underdogs von Kap Verde, der vor der WM Zehntausende Instagram-Follower hatte. Hielt dann gegen Spanien und im weiteren Turnierverlauf so viele Bälle, dass ihn mittlerweile 27 Millionen Menschen abonniert haben. Hat vielleicht nicht die größte -> Aura, ist aber jetzt der Torhüter mit den meisten Followern.

Wetter/Werbung: Steht beides in direktem Zusammenhang mit der WM-Neuheit «Hydration Break». Sollte offiziell bei Hitze den Spielern die Möglichkeit geben, genügend zu trinken. Und inoffiziell den TV-Stationen, mit Werbung noch etwas Geld einzuspielen. Wurde dann von den Trainern bei manchmal 18 Grad durchaus dankbar als Taktik-Besprechung genutzt.

XXL-WM: 104 Spiele, eine Vorrunde mit 72 Spielen samt -> Gruppendritten-Ranking für Freunde der Mathematik. Am Ende geriet es unterhaltsamer als gedacht, siehe -> Underdogs. Und -> Doku konnte zur Geburt seines Kindes.

Yamal, Lamine: Mit dem Y recht alternativloser Kandidat für ein ABC. Ein Kandidat wäre auch sein dreijähriger Bruder Keyne gewesen, der im Stadion bei Spaniens Viertelfinale mit seinem «Vamooos»-Torjubel für eine herrliche Szene sorgte.

Zug, der Zug, der Zug hat keine Bremse: Mallorca-Hit, der nach den ersten DFB-Spielen im Stadion ertönte und ein Mottosong fürs DFB-Team sein sollte. Es ist nicht überliefert, ob Jürgen → Klopp da ein → «noch» in sich hineinflüsterte.

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