Vor der Weltmeisterschaft
Fußball in den USA: Warum es ein Kampf um Anerkennung bleibt
Inter Miami - Vancouver Whitecaps
Lionel Messi spielt seit dem Sommer 2023 in der MLS. (Archivbild)
Lynne Sladky. DPA

Von Gerd bis Thomas Müller. Auch mit namhaften deutschen Legionären kämpft die amerikanische Fußball-Liga darum, ernst genommen zu werden. Hat die Aufbauarbeit geholfen?

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Berlin (dpa) – Vor über einem halben Jahrhundert schaltete sich sogar der US-Außenminister ein. Die Mission: Pelé, den dreimaliger Weltmeister, den unumstrittenen Fußball-Megastar dieser Zeit davon zu überzeugen, den darbenden Soccer in den USA in Schwung zu bringen. Aus der Seleção war Pelé bereits zurückgetreten – und sogar das Karriere-Aus stand bevor. «Aber dann kam Herr Kissinger nach São Paulo», erzählte der Ende 2022 gestorbene Pelé einmal.

Bastian Schweinsteigers Prognose

Henry Kissinger (gestorben im Dezember 2023) war zu der Zeit Außenminister der USA. Der Fußball komme langsam in Gang in Amerika, sagte er damals zu Pelé und fragte den Brasilianer laut dessen späteren Schilderungen: «Möchten Sie uns helfen, den Fußball in den Vereinigten Staaten bekannter zu machen?»

Pelé sagte zu, spielte ab 1975 für Cosmos New York. Und da war er, der erhoffte Fußball-Boom für das, was in den USA eben Soccer genannt wird.

Zwei Jahre später folgte Franz Beckenbauer. «Am 1. Juli 1977 (…) ist New York zum Kaiserreich geworden», schrieb einmal der FC Bayern. Beckenbauer sei in den USA endgültig zu einem Mann von Welt geworden. 1979 heuerte schließlich Gerd Müller bei den Fort Lauderdale Strikers an.

Schub auch durch Thomas Müller

Die Liga hieß damals North American Soccer League, heute ist es die Major League Soccer und ihre Superstars heißen Lionel Messi oder Thomas Müller. Zusammen mit dem südkoreanischen ehemaligen Bundesliga-Profi Heung-min Son sorgte Müller mit seiner Ankunft im August 2025 für einen Anstieg der Interaktionen um 193 % auf den Kanälen von der Major League Soccer, von Los Angeles FC und den Vancouver Whitecaps FC.

«Die Amerikaner haben einfach eine große Begeisterung für den Sport», sagte Bastian Schweinsteiger der «Abendzeitung». Ihn hatte es einst selbst wie später der 2014er Weltmeister-Kollege Müller in die MLS gezogen hatte. «Für Soccer ist es jetzt natürlich eine riesige Chance, sich dem Basketball oder dem Football zu nähern», betonte er mit Blick auf die kommende WM.

Der Vorgänger: Anfangs nicht mal 3.000 Zuschauer

Es war aber auch bis hierhin schon ein beschwerlicher Weg für den Fußball in den USA. Für den Soccer blieben die Vereinigten Staaten lange ein Land der begrenzten Möglichkeiten. Zu groß war die Begeisterung der Amis für Basketball, American Football und auch Baseball – wobei mittlerweile Berichten zufolge Rang drei in der Fan-Gunst einer anderen Sportart gehört. Etwa Fußball?

1967 waren zwei Ligen in den USA zusammengelegt worden: Die von der FIFA anerkannte Liga der United Soccer Association mit zwölf Teams aus Europa und Südamerika und die National Professional Soccer League.

22 Teams waren dabei. Anfangs kamen im Schnitt nicht mal 3.000 Zuschauer zu den Spielen. Dank der großen Namen wie Pelé oder Beckenbauer stieg der Schnitt auf immerhin 13.000.

Regeländerungen nach US-Geschmack

Um den Fußball beliebter zu machen, wurden die Regeln für den US-Markt angepasst: Die Spielzeit zählte nicht von 0 bis 90 Minuten, sondern von 90 Minuten runter auf 0. Eine Abseitslinie wurde gezogen, 1982 von der FIFA aber wieder einkassiert. Elfmeterschießen nach einem Remis und sogar ein verändertes Punktesystem – aber wirklich dauerhaft etablieren konnte sich die NASL weder national noch international.

Am 28. März 1985 stellte die Liga den Spielbetrieb ein, Berichten zufolge wollten nur noch zwei Teams mitmachen. «Die NASL galt lange Zeit als das 'wilde Kind' des Profifußballs in Nordamerika», schrieb einmal der britische «Guardian».

Für die WM 1994 in den USA forderte die FIFA dann aber eine US-Liga; 1996 startete also der nächste Versuch mit der Major League Soccer.

Drei Jahrzehnte MLS – mit welchem Ergebnis?

Und auch sie baute nach Jahren der Konsolidierung auf großen Namen. Lionel Messi ist im WM-Jahr nicht nur der Topverdiener der Major League Soccer, er ist der Superstar: Weltmeister mit Argentinien, für nicht wenige der Beste, den es je auf dem Fußballplatz gegeben hat. Der Wechsel des bald 39 Jahre alten Südamerikaners zu Inter Miami war zweifelsohne die bisherige Krönung aller Versuche, die Liga durch große Persönlichkeiten aufzuwerten. Aus Deutschland folgen neben Müller unter anderem Marco Reus (LA Galaxy), oder Timo Werner (San José Earthquakes).

Mit Messi erlebte die Begeisterung neue Maßstäbe – insbesondere im südamerikanisch geprägten Miami – und überall, wo Messi sonst auftaucht. Laut «Economist» schafft es der Fußball mittlerweile sogar zur drittbeliebtesten Sportart in den USA hinter American Football und Basketball – aber vor Baseball. «Fußball könnte in den USA genauso groß werden wie überall in der Welt. Daran glaube ich», prophezeite einst Inter-Mitbesitzer David Beckham bei seiner Ankunft als Spieler in LA 2007.

Damals wurde auch der sogenannte designated Player eingeführt, soll heißen: Drei Spieler im Kader dürfen außerhalb des Salary Caps liegen. Beckham, dessen Ankunft mit Gattin Victoria auch die Hollywood-Welt entzückte, lag ziemlich deutlich über dem üblichen Gehalt – davor war er Teil der Galaktischen bei Real Madrid gewesen. Heute profitieren von der Causa Beckham auch die Messis, Müllers oder Werners.

Ein weiterer großer Schritt war der Einstieg 2022 von Apple als exklusiver Sender und Streamingdienst der MLS. Das Interesse wuchs aber auch auf den Rängen: In der regulären Saison 2024 verzeichnete die Liga mit einem Zuschauerschnitt von 23.234 einen Rekord.

Im Jahr darauf stiegen die Impressionen auf den Social-Media-Kanälen von Liga und Vereinen um 17 Prozent auf satte 13,7 Milliarden. Auch bei den Live-Zuschauern stiegen die Zahlen noch mal an: 2025 waren es durchschnittlich 3,7 Millionen Live-Zuschauer pro Woche über Streaming- und lineare Plattformen hinweg. Fast ein Drittel (29 %) mehr als 2024.

Es bleibt die Frage nach dem sportlichen Erfolg

Beim Marktwertranking der 30 Clubs liegt Los Angeles FC mit geschätzten knapp 70 Millionen Euro auf Platz zwei hinter Inter Miami. Zum Vergleich: Selbst der 1. FC Heidenheim wird auf einen Marktwert von 64 Millionen Euro geschätzt. Bei Meister FC Bayern werden rund 969 Millionen veranschlagt, beim französischen Champions-League-Titelverteidiger Paris Saint-Germain gar 1,2 Milliarden. Selbst MLS-Marktwert-Primus Miami ist davon Sphären entfernt mit rund 87 Millionen Euro.

Und auch sportlich hapert es trotz des Booms im internationalen Vergleich: Im Pendant zur Champions League in Europa gewann seit 2008 nur einmal ein MLS-Club mit Seattle Sounders (2022). Vier weitere Male standen ein US-Franchise im Finale. Mit Ausnahme des Seattle-Siegs kamen die Gewinner-Teams in den vergangenen 17 Jahren stets aus Mexiko – ausgerechnet dem WM-Mitgastgeberland. Und auch vor der WM wird es so sein: Im Endspiel kommt es zu einem mexikanischen Duell. Nashville SC und Los Angeles FC waren in der Vorschlussrunde an Tigres UANL und Deportivo Toluca gescheitert.

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