Archivierter Artikel vom 20.08.2011, 12:03 Uhr

Frauenfußball: Vereine verzeichnen kontinuierlichen Zulauf

Der Frauenfußball ist angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Gut 40 Jahre, nachdem die damalige Männerriege im Deutschen Fußball-Bund (DFB) schweren Herzens das alberne und diskriminierende Spielverbot für die kickende Weiblichkeit aufgehoben hat, sorgte die Weltmeisterschaft der Fußballfrauen für ein nahezu ungetrübtes Sommervergnügen im Land: volle Stadien, tolle Stimmung und sagenhafte TV-Quoten.

18 Millionen Fernsehzuschauer sahen das überraschende Viertelfinal-Aus des deutschen Teams, mehr als 15 Millionen verfolgten das Finale, das die Japanerinnen im Elfmeterschießen gegen die USA gewannen. „Dass dies die erste WM in einem Männerfußball-Land war, macht diese Zahlen umso bedeutsamer“, sagt DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg.

Fünf Wochen nach dem letzten Schlusspfiff lautet das einhellige Fazit aller Beteiligten: Die WM war ein Erfolg, organisatorisch, finanziell und in Sachen Öffentlichkeitswirkung. Daran konnte auch das außerplanmäßige Ausscheiden des Topfavoriten Deutschland nichts ändern.

Und jetzt? Kommt jetzt der große Boom? Noch sieht es nicht danach aus. „Die Mädchen rennen uns nicht gerade die Bude ein“, hat Bärbel Petzold festgestellt, die im Präsidium des Südwestdeutschen Fußballverbands (SWFV) für den Frauen- und Mädchenfußball zuständig ist. Kein Wunder: Der Aufwärtstrend im Mädchenfußball ist ein kontinuierlicher. DFB-Vizepräsidentin Ratzeburg rechnet vor, dass seit dem ersten deutschen WM-Titel 2003 bundesweit die Zahl der kickenden Mädchen um 133 Prozent gestiegen ist; die der Frauen um 59 Prozent. „Wir hatten Jahr für Jahr zweistellige Zuwächse“, sagt Ratzeburg und meint, auch vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung: „Die Idee, heute haben wir WM und morgen kommt der Boom, ist doch Schwachsinn.“

Auch bei den Vereinen in unserer Region ist eine nennenswerte Zahl an Neuanmeldungen fünf (Ferien-)Wochen nach der WM bislang nicht zu verzeichnen: „Von Boom kann keine Rede sein“, sagt Dirk Schmittinger, Trainer der SG Sohren, „seit 2007 haben sich die Gesichter bei uns nicht verändert.“ Trotzdem hat der Hunsrück-Klub für die neue Saison erstmals eine Frauenmannschaft gemeldet – das Resultat kontinuierlicher Aufbauarbeit.

Auch beim SV Diez-Freiendiez im Rhein-Lahn-Kreis ist der vermeintliche Boom noch nicht angekommen. „Frauenfußball auf der Tribüne als Event zu erleben, ist das eine“, sagt Axel Fickeis, „selbst Fußball zu spielen, ist etwas ganz anderes.“ Beim FSV Bretzenheim an der Nahe, dessen B-Juniorinnen in der Verbandsliga spielen, ist der Zulauf laut Trainer Fred Neumann „seit Jahren gleichbleibend“.

Und auch Harald Haneder vom TSV Emmelshausen stellt fest: „Obwohl wir regelmäßig Werbung machen und mit den Schulen kooperieren, können wir nach der WM keinen Zuwachs verzeichnen.“ Sein Fazit: „Ich denke, dass der Frauen- und Mädchenfußball wegen des Sports an sich boomt, nicht wegen der WM.“

Doch wenn von nachhaltiger Entwicklung des Frauen- und Mädchenfußballs die Rede ist, geht es um mehr als um nackte Zahlen. „Die Akzeptanz für unsere Sportart hat zugenommen“, stellt Hannelore Ratzeburg fest. Jetzt gilt es, diesen Trend zu stabilisieren. In vielen Vereinen spielen Frauen und Mädchen, auch wenn sie erfolgreich sind, oft nur die zweite oder dritte Geige, wenn es um die Verteilung von Trainingsplätzen und -zeiten oder um die Zuteilung qualifizierter Übungsleiter geht. Für Hannelore Ratzeburg ein eher künstliches Problem: „Da kann man sich arrangieren; wenn Jungs und Mädchen sich einen großen Platz im Training teilen, geht das doch auch.“

Doch SWFV-Vertreterin Bärbel Petzold bleibt skeptisch, was die wachsenden Sympathien für den Frauenfußball anbetrifft: „Das spielt sich auf hohem Niveau ab“, weiß die frühere Verteidigerin, die 1974 mit der TuS Wörrstadt den ersten deutschen Meistertitel im Frauenfußball nach Rheinhessen holte: „Wenn es den eigenen Verein betrifft, sieht's oft anders aus.“ Petzold fordert seit vielen Jahren bessere Bedingungen für die kickenden Mädchen: „Schwierig ist es, in den Vereinen Leute zu finden, die nicht nur sagen, man müsste was machen, sondern die auch selbst was machen.“

Das Problem der Ganztagsschulen beschäftigt zurzeit viele Sportvereine, weiß Petzold: „Wenn um halb fünf oder um fünf das Training beginnt, kommen viele Kinder gerade erst aus der Schule; manche Eltern wollen ihre Kinder dann nicht gleich ins Training schicken.“ Hier braucht es mehr und bessere Kooperation zwischen Schulen und Vereinen; „das Potenzial ist da“, ist Bärbel Petzold überzeugt. Veranstaltungen wie der alljährliche „Tag des Mädchenfußballs“ sorgen für viel Zulauf in den Klubs, hat auch Ralf Birkenbeul vom SSV Weyerbusch festgestellt. Für ihn ist das Engagement von Trainern, Betreuern und Eltern entscheidend: „Wenn sich gekümmert wird, ist es gut“, sagt der 45-Jährige, „leider ist es aber oft so, dass eine Mannschaft auseinanderfällt, wenn ein Trainer aufhört.“

Für Hannelore Ratzeburg, die seit den 70er-Jahren in den DFB-Gremien für die Belange der kickenden Mädchen und Frauen kämpft, ist die Erfolgsgeschichte nicht aufzuhalten: „Es ging immer auch um die Teilhabe der Frauen am gesellschaftlichen Leben. Da haben wir in 40 Jahren viel erreicht.“ Mit dem Mädchenfußball geht es weiter aufwärts, davon ist sie überzeugt: „Die Kurve geht nach oben, wenn auch nicht mehr so steil wie in früheren Jahren.“

Von unseren Sportredakteuren