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Berlin

Traumschiff statt Torgefahr: Während der WM setzen ARD und ZDF auf ein „Damenprogramm“

Wolfgang M. Schmitt

In der Vorstellung von ARD und ZDF scheint während der WM noch alles so wie früher zu sein: Die Männer gucken Fußball, die Frauen sehen sich derweil auf dem Zweitfernseher (im Schlafzimmer oder in der Küche) Schmonzetten an. So sieht es zumindest die Programmierung der Öffentlich-Rechtlichen vor. Überträgt der eine Sender ein wichtiges Fußballspiel, zeigt der andere Wiederholungen von „Das Traumschiff“, „Das Traumhotel“, Rosamunde Pilcher oder Inga Lindström.

Am Horizont dämmert der Fußball. Bei den Programm-Machern dämmert's eher selten, wenn es gilt, gute Alternativen zur WM zu finden.  Illustration: Weber
Am Horizont dämmert der Fußball. Bei den Programm-Machern dämmert's eher selten, wenn es gilt, gute Alternativen zur WM zu finden. Illustration: Weber

Oder täuscht der Eindruck? Gibt es wirklich ein WM-Damenprogramm? „Das kann man zum Teil so sehen“, gesteht Andrea Wich, Leiterin der ARD-Programmplanung. „Man geht immer ein Stück weit davon aus, dass die Männer der Nation fast alle beim Fußball sein werden, sodass wir dann etwas zeigen, was Frauen potenziell mehr interessiert. Das gilt aber nicht für alle Sendeplätze. So haben wir an den Donnerstagen weiterhin Krimis gezeigt. Aber wir bieten eben auch eher weichere, emotionalere Stücke an.“ Dabei gibt es auch viele weibliche WM-Fans, die also nicht in die Geschlechterklischees von ARD und ZDF passen.

Gewiss, Frauen sind durchschnittlich weniger für Fußball zu begeistern als Männer, eigenartig ist allerdings, dass ARD und ZDF ausgerechnet derart viele „weichere“ Formate präsentieren, bedeutet doch WM-Desinteresse nicht gleich Kitschaffinität. Auch die so vermittelten Geschlechterrollen sind recht antiquiert: Zu sehen sind vorwiegend Frauen, deren Lebensziel es ist, geheiratet zu werden. Frauen, die bereits die Vormittage in Cocktailkleidern verbringen. Frauen, die der männlichen Welt der Ratio Emotionen entgegenhalten. Geht es auf dem Rasen mitunter martialisch zu, wird im weiblichen TV-Refugium gefühlig parliert, wenn sich auf Cornwall Graf und Gräfin zum Stelldichein treffen. Nein, eine feministische Speerspitze ist dieses Programm wahrlich nicht.

Doch sollte man nicht auch emanzipatorische Filme zeigen? Programmleiterin Wich wiegelt ab: „Ich glaube, an solchen Filmen herrscht im Ersten kein Mangel. Ich weiß jedoch nicht, ob wir diese gerade in der Fußballzeit zeigen müssen. Klar, Pilcher oder Traumhotel sind jetzt kein emanzipatorisches Programm, aber wenn man sich beispielsweise unseren Film-Mittwoch ansieht, dann kann man uns sicherlich keine weichgespülte Programmierung vorwerfen.“ Tatsächlich zeigen weder ARD noch ZDF durchweg seichte Unterhaltung, mutig aber ist die Programmauswahl definitiv nicht. Nicht nur, was das weibliche Publikum betrifft, schließlich gibt es auch Männer ohne Ball-Leidenschaft. Zumal sich das Öffentlich-Rechtliche eigentlich um Quoten wenig kümmern müsste, fließen die GEZ-Gebühren doch ohnehin. Gerade während der WM könnte man Experimente wagen – wie wäre es mit einer Literatursendung, investigativen Politdokus oder mit Debüts von Filmhochschulabsolventen zur besten Sendezeit? Denn die breite Masse kommt doch auf dem jeweils anderen Kanal auf ihre Kosten.

Lange aber schon, und nicht nur bei wichtigen Fußballspielen, setzt man sich dem Quotendruck ohne Not aus. Der Bildungsauftrag wird gern ins Nachtprogramm, in Spartensender oder gleich in den Deutschlandfunk verschoben. Das wird auch daran deutlich, dass sogar die „Tagesthemen“ oder das „Heute Journal“ auf einen späteren Sendeplatz verlegt werden, wenn der Konkurrenzsender ein wichtiges Spiel zeigt. Das Fußballpublikum will man so später noch abgreifen. Das heißt: Wer kein Fußball mag, aber die Nachrichten sehen will, muss länger aufbleiben.

Doch es gibt Ausnahmen: Als am Mittwoch im ZDF das Halbfinale England gegen Kroatien zu sehen war, zeigte die ARD um 20.15 Uhr einen Brennpunkt zum NSU-Urteil und um 22.05 Uhr die „Tagesthemen“. Eine kurzfristige Programmänderung. Eigentlich wollte man mit gleich zwei „Traumhotel“-Folgen die Damenwelt bespaßen und die „Tagesthemen“ erst um 23.15 Uhr senden, wenn das Halbfinale entschieden gewesen wäre.

Sicherlich, einfach ist die Programmplanung bei einer WM nicht. Andrea Wich erklärt: „Die Vorrunden können wir sehr genau programmieren, wir wissen aber danach, da ARD und ZDF gemeinsam übertragen, im Vorfeld nicht sicher, welche Spieltage wir am Ende tatsächlich übertragen. Und man kalkuliert natürlich ein Stück weit damit, dass die deutsche Mannschaft über die Vorrunde hinaus weiterkommt.“ Immerhin hatte das TV-Programm am Ende etwas mit der deutschen Mannschaft gemein: Es war uninspiriert und mutlos.

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