Oudenaarde (dpa) – Die Lobeshymnen auf Tadej Pogacar waren wieder einmal überschwänglich. Doch was Mathieu van der Poel, der selbst bereits zu den bedeutendsten Radprofis der Geschichte zählt, nach seiner erneuten Deklassierung bei der Flandern-Rundfahrt zu Protokoll gab, ließ dann doch aufhorchen. «Ich hatte ein Problem. Hier fährt ein Phänomen herum. Ich konnte einfach nichts machen», sagte der Niederländer.
Und van der Poel hatte dafür sogar Belege. «Ich trat 650 Watt und konnte nicht am Hinterrad bleiben», betonte der Ex-Weltmeister. «Das war eine meiner besten Leistungen.» Zur Einordnung: 650 Watt entsprechen der vollen Leistung von etwa 2,5 E-Bikes. Untrainierte Menschen schaffen diese Leistung nicht einmal für eine Sekunde.
Pogacar hob sich die Demontage van der Poels wie schon bei seinen ersten beiden Ronde-Siegen für die dritte und letzte Querung des Oude Kwaremont auf. Kein steiler Anstieg, aber mit 2,2 Kilometern Länge und nach 260 von 278 gefahrenen Kilometern eben doch der entscheidende Faktor. Pogacar siegte zum dritten Mal nach 2023 und 2025 und darf sich nun Rekord-Sieger der Ronde nennen. Wie sieben weitere Fahrer übrigens auch, darunter van der Poel.
Zwei von fünf
Der Triumph im Osten Flanderns ist für Pogacar allerdings nur so etwas wie eine Zwischenstation, ein Teil des großen Ganzen. Der Weltmeister ist auf Monument-Jagd und möchte sich mit den Siegen bei all diesen Denkmälern des Radsports in einem Jahr unsterblich machen.
Mailand-Sanremo und Flandern hat der Slowene bereits abgehakt, am Sonntag steht mit Paris-Roubaix das größte aller Kopfsteinpflaster-Spektakel an. Zwei Wochen später startet Pogacar bei Lüttich-Bastogne-Lüttich, im Herbst schließlich bei der Lombardei-Rundfahrt.
Die fünf wichtigsten Eintagesrennen überhaupt mindestens einmal zu gewinnen, ist bisher erst drei Fahrern gelungen: den Belgiern Eddy Merckx, Roger De Vlaeminck und Rik van Looy. Allein dies wäre geschichtsträchtig von Pogacar – doch der Über-Fahrer hätte die Sache gern komplett in diesem Jahr erledigt.
«Es sind nun zwei von fünf, wir sollten ganz ruhig bleiben», sagte Pogacar. Sein womöglich größtes Hindernis hatte der 27-Jähriges bereits vor zwei Wochen in Sanremo mit seinem ersten Sieg auf der Via Roma beiseite geräumt. In Lüttich und der Lombardei hat er schon mindestens dreimal gewonnen.
Bleibt also Roubaix. In der «Hölle des Nordens» dürfte es erneut zum Duell mit van der Poel kommen und Pogacar einige Watt mehr benötigen. Denn physisch ist sein niederländischer Rivale wie geschaffen für das grauenvolle Kopfsteinpflaster auf den nordfranzösischen Feldwegen. Dreimal fuhr van der Poel im Velodrome von Roubaix bereits als Sieger über den Zielstrich.
Im vergangenen Jahr ließ der achtmalige Cross-Weltmeister dabei Pogacar hinter sich. Der hatte sich in einer Kurve auf dem Pflaster versteuert und war im Gras des Fahrbahnrands gelandet. Doch daraus wird Pogacar gelernt haben, auch bei seinem ersten Flandern-Start verlor er 2022 noch gegen van der Poel. «Ich habe das große Glück, mich noch verbessern zu können», sagte Pogacar. Es klingt wie eine Warnung in Richtung van der Poel.
Respekt von Denk
Dass ein Fahrer wie Pogacar, der bereits viermal die Tour de France gewonnen hat, überhaupt bei den Klassikern am Start steht, ist alles andere als üblich. «Chapeau, dass er sich die Klassiker antut», sagte Ralph Denk. Der Red-Bull-Teamchef hat dabei den Blick auf das Gesamtbild: «Für den Sport ist es gut, dass er fährt. Wir wollen ihn größer und attraktiver machen, und dafür müssen die Besten so oft es geht gegeneinander fahren.»
Auch deshalb stellte Denk in Remco Evenepoel seinen Premium-Profi erstmals in Flandern an die Startlinie. Heraus kam ein – trotz Pogacars klarem Sieg – hoch unterhaltsames Rennen, an dessen Ende Olympiasieger Evenepoel als Dritter auf das Podium fuhr. So gut war Denks Team in Flandern noch nie.
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