Birmingham (dpa) - Der neue 200-Meter-Europameister Owen Ansah plapperte nach dem größten Erfolg seiner Karriere fröhlich drauflos - über seine weiteren Ziele, über seinen dreijährigen Sohn, über seinen Trainer Sebastian Bayer. Nur zu einer Sache wollte sich Ansah im Interview-Zelt direkt neben dem Alexander Stadium nicht äußern: zum Vorwurf eines verweigerten Dopingtests.
Das Finale bei der Leichtathletik-EM am Freitagabend in Birmingham könnte für Ansah der vorerst letzte Lauf bei einer Großveranstaltung gewesen sein - und seine Euphorie und Begeisterung könnten bald in Enttäuschung und große Leere umschwenken.
Ansah weicht Fragen nach Wirbel um Dopingtest aus
«Ich glaube, ich habe die Goldmedaille gewonnen. Lass uns darüber sprechen. Ich bin froh, dass ich es gewinnen konnte. Ich glaube, das steht gerade im Fokus, dass Deutschland - ich weiß gar nicht, wie lange es her ist - eine Goldmedaille über 200 Meter gewinnen konnte», sagte der 25-Jährige.
Nach einer atemberaubenden Leistung auf der Zielgeraden lief Ansah eine Zeit von 19,95 Sekunden, die normalerweise deutscher Rekord gewesen wäre. Allerdings war der Rückenwind mit 2,5 Metern pro Sekunde so stark, dass die Zeit nicht als Bestmarke gelten kann.
44 Jahre ist es her, als Olaf Prenzler für die DDR in Athen Gold über 200 Meter bejubelte. Nun folgte Ansah - vorerst. Denn wegen des Vorwurfs, eine Dopingprobe verweigert zu haben, hat die Nationale Anti Doping Agentur eine vierjährige Sperre gegen ihn vorgeschlagen.
Ansah zeigt beeindruckende mentale Stärke
Der 25-Jährige lehnt das ab, ist derzeit aber nicht suspendiert - und zeigte sich in Birmingham sportlich unbeeindruckt vom Wirbel um den Dopingtest und die Nebengeräusche um seine Person. Am Dienstag holte er Bronze über 100 Meter, drei Tage später krönte er sich über die doppelte Distanz. Viele Sportlerinnen oder Sportler wären an dem Trubel womöglich zerbrochen, Ansah hingegen lieferte sportlich ab und übertraf sogar die Erwartungen.
Zu gern wäre er auch noch in der Sprint-Staffel dabei gewesen. Doch der deutsche Verband stellte ihn vorsichtshalber nicht auf, um eine nachträgliche Disqualifikation nicht zu riskieren.
Es sei «gar nicht schwierig» gewesen, auf der Bahn alles andere auszublenden und sich nur auf das Sportliche zu konzentrieren, sagte Ansah. «Wie ich am Dienstag schon gesagt habe, ich konzentriere mich auf die Sachen, die ich beeinflussen kann: Dass ich schnell renne. Ich fühle mich gut und ich möchte das auch jedes Mal auf die Bahn bringen.»
Vier Jahre Sperre stehen im Raum
Nach wie vor bestreitet Ansah, am 9. Juli eine Dopingprobe verweigert zu haben. Ansah werde den drei Tage vor der EM veröffentlichten Sanktionsvorschlag der Nada mit einer vierjährigen Sperre nicht akzeptieren, teilte sein Anwalt Rainer Tarek Cherkeh am Tag des Goldlaufs noch einmal auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.
«Er hat zu keinem Zeitpunkt die Abgabe einer Probe abgelehnt. Und er hat zu keinem Zeitpunkt gesagt oder den Eindruck erweckt, dass er eine Dopingkontrolle nicht durchführen wolle», hieß es.
Würde Ansah den Sanktionsvorschlag innerhalb von einer Frist von 20 Tagen doch noch akzeptieren, würde sich die Sperre automatisch auf drei Jahre reduzieren. Bei Olympia in Los Angeles in zwei Jahren müsste er aber in beiden Fällen zuschauen. Nach dem vermeintlich größten Erfolg wäre Ansahs Karriere am Tiefpunkt angekommen.
Gold für Bundestrainer und Sohn
Doch statt über den Dopingtest-Wirbel zu sprechen, redete Ansah lieber über seinen Trainer - den früheren Weitsprung-Europameister Bayer - und seinen dreijährigen Sohn, denen er die Goldmedaille widmete. «Er feiert's einfach, dass ich schnell bin», sagte Ansah stolz und mit leuchtenden Augen über seinen Filius.
Sein Sprössling ist wohl sein größter Fan - und hat zumindest den unterlegenen Sprintern vom EM-Finale etwas voraus. «Der will immer mit mir rennen. Natürlich lasse ich ihn da auch gewinnen. Nur einer darf schneller als ich sein - und das ist mein kleiner Sohn», sagte Ansah, der das Porträt seines Sohnes auf den rechten Oberarm hat tätowieren lassen.
Ansah beendet lange deutsche Durststrecke
Doch ewig wird Ansah ihn nicht gewinnen lassen. «Wenn er älter wird, wenn er versteht, dass nicht er der Schnellere ist, sondern Papa. Das wird er auch noch früh genug merken und lernen. Aber jetzt lasse ich ihm auch den Vortritt, dass er auch Spaß an der ganzen Sache hat.»
Ansah ist nicht nur der erste deutsche Europameister über 200 Meter seit 44 Jahren, sondern auch der erste Medaillengewinner über diese Distanz seit Jürgen Evers 1986 in Stuttgart, als dieser Silber holte. Die Frage ist nur, ob Evers nicht schon bald wieder auf einen neuen Nachfolger warten muss.
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