São Paulo (dpa) - Brasilien wird für Nico Hülkenberg immer einen Zauber haben. In seiner Premierensaison 2010 raste der Formel-1-Neuling auf dem Autódromo José Carlos Pace in Interlagos sensationell auf die Pole Position. «Unglaublich», fand das der damals 23 Jahre alte Williams-Pilot nach einem Reifenpoker. Es sollte die erste und einzige Pole Position seiner Karriere bleiben.
Hülkenberg kämpft mit 39 Jahren noch immer gegen die Zeit. Der einzige deutsche Fahrer im Feld betreibt bei Audi Aufbauarbeit. Der Grand Prix von São Paulo am Wochenende ist für Hülkenberg eine Rückkehr zu seinen Anfängen. Die Fans in Brasilien werden aber zu seinem Stallrivalen halten: einem echten Paulista.
Frage: Ihr Teamkollege Gabriel Bortoleto nennt Sie mit Spitznamen gerne «Papi». Sind Sie eine Vaterfigur für ihn?
Antwort: Ich muss keine Vaterrolle für ihn übernehmen. Vielleicht konnte er sich aufgrund des Altersunterschieds das ein oder andere von mir abschauen, nicht nur zwingend auf der Strecke, aber vielleicht auch bei Marketingtagen, wie man sie ein bisschen auflockern kann, um selbst ein bisschen Spaß daraus zu ziehen. Wir sind da auf einer Wellenlänge.
Frage: Konnten Sie sich etwas von Bortoleto abschauen?
Antwort: Du kannst dir immer etwas bei einem anderen Menschen abschauen. Er hat andere Charakterzüge, eine ganz andere Mentalität als ich als Deutscher. Für einen Brasilianer ist er sehr pünktlich, da ist er fast schon deutsch (lacht).
268 Grand Prix hat Hülkenberg absolviert. Damit gehört der Rheinländer zu den Top Ten der Formel 1. Ein Dauerbrenner war er auch bei der Jagd nach einem Podestplatz. Erst in seinem 239. Grand Prix 2025 in Silverstone raste er bis auf Rang drei. Das Klischee, das ein Kind einen Rennfahrer einbremse, hat er nicht erst in jenem britischen Sommer widerlegt.
Hülkenberg spricht über seine Tochter
Frage: Wie hat sich Ihr Leben seit der Geburt Ihrer Tochter Noemi Sky im September 2021 verändert?
Antwort: Privat hat sich viel verändert, das Leben und die Freizeit mit einem Kind sind ganz anders, als wenn man nur als Pärchen zusammenlebt. Auf der Rennstrecke hat sich wenig bis gar nichts verändert, weil es nichts zur Sache tut. Natürlich bin ich immer ein Vater, aber hier geht es um die Arbeit, um Perfektion. Wenn ich den Helm aufsetze, denke ich sowieso nur daran, so schnell wie möglich zu sein.
Frage: Welche Erinnerungen haben Sie an die Geburt?
Antwort: Es war ein bisschen eine Überraschung, dass es an dem Tag passiert ist. Ich hatte damals in Silverstone für Aston Martin einen Marketingtag, an dem Wochenende war der Grand Prix von Russland in Sotschi. Am Nachmittag rief mich meine Frau an und sagte: Es geht los. Ich bin erst nachts nach Hause gekommen, weil mein Flug Verspätung hatte. Ich habe aber nichts verpasst (lacht). Es war ein Erlebnis, so eine Geburt mitzuerleben.
Frage: Welche Eigenschaften hat Ihre Tochter von Ihnen?
Antwort: Sie hat einen krassen Orientierungssinn für ihre fünf Jahre. Neues Hotel, neuer Flughafen: Sie weiß sofort, wie sie zurückkommt oder wo sie hinmuss. Sie hat Willenskraft und Durchsetzungsvermögen. Außerdem hat sie ein sehr gutes Gedächtnis. Und sie sieht sehr gut, sie sieht adlermäßig scharf, das ist Wahnsinn.
Frage: Zu Beginn Ihrer Karriere waren Sie allein oder nur mit dem Physiotherapeuten auf Reisen. Nun haben Sie Familie. Fallen Ihnen die Abschiede schwer?
Antwort: In der Regel nicht, weil wir vor dem Abschied immer viel Zeit miteinander verbringen, wenigstens ein paar Tage. Tripleheader aber bedeuten drei Wochen physische Trennung. Vor allem die letzte Woche wird mühsam, da vermisst man die Familie besonders. Das merkt man vor allem zwischen den Rennen, also an einem Montag, Dienstag oder Mittwoch, wo man ein bisschen Leerlauf hat. An einem Rennwochenende ist man aber so gefordert, dass man wenig Zeit zum Nachdenken hat.
Frage: Haben Sie ein bestimmtes Abschiedsritual?
Antwort: Eine Umarmung, ein Kuss, ganz klassisch (lacht).
Hülkenberg hat immer ausgezeichnet, dass er sich problemlos auf eine neue Umgebung einstellen konnte. Neben seiner Grundschnelligkeit hat diese Form der Flexibilität dafür gesorgt, dass er ein Comeback hinlegen konnte. Ende 2019 erhielt er keinen Vertrag mehr bei Renault als Stammpilot. Nach Einsätzen als Testfahrer bekam er 2023 das Cockpit von Mick Schumacher bei Haas, ehe er zu Audi-Vorläufer Kick Sauber wechselte.
«Solange es sich gut anfühlt, wird es weitergehen»
Frage: Sie haben in Ihrer Karriere viele verschiedene Teamchef-Typen erlebt. Von Frank Williams über Günther Steiner bis Mattia Binotto. Was unterscheidet Binotto von den anderen?
Antwort: Ich bin mit allen meinen Teamchefs gut klargekommen. Ich kann mich recht gut auf Menschen einstellen. Mattia kenne ich aus dem Paddock schon sehr lange und arbeite mit ihm seit Anfang letzten Jahres. Es gefällt mir sehr gut mit ihm. Wir haben eine sehr direkte und offene Art, miteinander zu kommunizieren. Er ist wirklich ein Leader, immer da, einer der Frühesten in der Fabrik und einer, der am längsten bleibt. Er arbeitet sehr hart und lebt für das Projekt.
Frage: Binotto ist nur zwölf Jahre älter als Fernando Alonso, der immer noch in der Formel 1 fährt. Ist Alonso mit seinen 45 Jahren für Sie die Messlatte?
Antwort: Es ist möglich. Aber: Alles kann, nichts muss. Ich weiß nicht, ob das passieren wird. Ich weiß auch nicht, ob ich es überhaupt möchte. Solange es sich gut anfühlt, solange ich Spaß habe und solange die Stoppuhr stimmt, solange wird es für mich weitergehen.
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