Milton Keynes/Brackley (dpa) – Das Scouting nach Talenten beginnt immer früher. Was im Fußball schon lange zu beobachten ist, gilt auch für die Formel 1. Der Italiener Kimi Antonelli (19) etwa wurde mit gerade einmal zwölf Jahren in das Nachwuchsprogramm von Mercedes aufgenommen. Heute ist der Teenager aus Bologna der vielleicht kommende Weltmeister.
«Wir müssen die Fahrer mit Potenzial identifizieren, wenn sie elf oder zwölf Jahre alt sind, weil sie in dem Alter alles Wissen aufsaugen wie ein Schwamm», erzählte einmal Mercedes-Talentesichter Gwen Lagrue. «Ein Fahrer, der schon 19 oder 20 Jahre alt ist, hat Gewohnheiten entwickelt. Das macht es schwer. Ich möchte die Fahrer nicht ändern, sondern ihnen etwas beibringen.»
Mit sogar erst elf Jahren wurde Anfang dieser Saison Devin Titz aus Bönen in Nordrhein-Westfalen als erstes deutsches PS-Talent für das gemeinsame Förderprojekt des Motorsport Team Germany mit Formel-1-Rennstall Mercedes ausgewählt. Früh übt sich auf dem Asphalt.
Red Bull holt Antonellis Entdecker
Piloten mit 19 oder 20 sind längst auf dem Präsentierteller der Formel 3 oder der Formel 2. Die Welt schaut ihnen bereits zu. Im Grunde ausgeschlossen, dass ein Talent zu diesem Zeitpunkt noch zu keiner Nachwuchsakademie von Mercedes oder Red Bull oder Ferrari oder sonst wem gehört. Denn ohne finanzielle Unterstützung geht im teuren Motorsport nichts.
Lagrue und sein Team haben Antonelli entdeckt. Der Franzose fuhr einst selbst in der Formel Ford, raste dann in der Rallye, das Potenzial für die Königsklasse des Motorsports hatte er aber nie. «Ich habe 13 Jahre gebraucht, einzusehen, dass aus mir hinter dem Lenkrad nichts werden würde», erzählte Lagrue, der ab kommender Saison die rasend schnellen Nachwuchsjuwelen für Red Bull verpflichten soll. «Ich war einfach nicht talentiert genug.»
Von Antonelli bis Russell
Nach einer Zeit beim Militär und als Autohändler studierte Lagrue Jura, Wirtschaftswissenschaften und Sport Management. Ab 2009 baute er für das damalige Renault-Team in der Formel 1 das Fahrerentwicklungsprogramm mit auf. 2016 lotste ihn Toto Wolff zu Mercedes, wo er zum Chef der Nachwuchsabteilung aufstieg. «Er hat soviel Talent und soviel Wissen, um junge Fahrer zu beurteilen», sagte der Mercedes-Teamchef über Lagrue.
Etwa ein halbes Dutzend Kartrennen besucht er pro Jahr. Scouting an der Basis. «Wir suchen Fahrer, die menschlich all das mitbringen, was einen Champion ausmacht: Einstellung, Reife, Demut und Dankbarkeit gegenüber dem Team. Das sind die Dinge, die einen Kandidaten besonders machen», sagte Lagrue. Unter seiner Förderung fanden auch George Russell (Mercedes) oder Alex Albon (Williams) ihren Weg in die Motorsport-Königsklasse.
Vettels früherer Renningenieur «Rocky»
Lagrue wird bei Red Bull im Grunde Nachfolger von Helmut Marko. Durch die Schule des Ende vergangenen Jahres zurückgetretenen Motorsportberaters sind etwa die späteren viermaligen Weltmeister Sebastian Vettel oder Max Verstappen gegangen. Zum Team Lagrues wird Guillaume Rocquelin gehören, der früher Vettels Renningenieur war und nun die Nachwuchsakademie führt.
«Rocky» ist ebenfalls Franzose. Er ist bekannt für die Hausaufgaben, die er den Youngstern stellt. Der Neuseeländer Liam Lawson aus dem Red-Bull-Schwesterteam Racing Bulls musste für ihn als Nachwuchsmann einmal verschriftlichen, wo der Mehrwert bei Hafer- und Kuhmilch liegt. Ernährung spielt eben auch eine Rolle auf dem Weg in die Spitze.
«Es geht nicht nur darum, sich unbedingt verbessern zu wollen», beschrieb Rocquelin einmal die für ihn wichtigsten Eigenschaften eines jungen Fahrers. «Es geht auch um diesen Eifer und diese Verzweiflung, als ob nichts anderes wichtiger wäre, als der bessere Fahrer zu sein, die anderen zu schlagen und dabei alle Vorteile auf seine Seite zu ziehen.»
«Der härteste Teil des Jobs ist es, objektiv zu sein»
Red Bull scoutet Talente ab 13 Jahren. Im Simulator können die PS-Hoffnungen sogar mit ihren Idolen verglichen werden, wenn etwa die Daten eines ehemaligen Red-Bull-Nachwuchsfahrers wie Carlos Sainz hochgeladen werden.
Nicht jeder, das ist keine Überraschung, bleibt bis zum angepeilten Aufstieg in die Formel 1 im Aufbauprogramm. «Der härteste Teil des Jobs ist es, objektiv zu sein und einzusehen, wenn es nicht funktioniert», räumte Rocquelin ein. Dann habe man den Eindruck, versagt zu haben. Lagrue sieht das ähnlich. «Ich weiß, dass es nicht jeder in die Formel 1 schafft», sagte er. «Es ist aber meine Pflicht alles dafür zu tun, es möglich zu machen.»
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