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Wien

Experte: Sie ist der aktionistische Arm der Neuen Rechten

Der Wiener Skandinavist Julian Bruns hat zusammen mit zwei Koautorinnen ein Handbuch über die Identitären verfasst. Bruns hat intensiv die Strategien und Weltanschauungen der „Jugendbewegung“ der Neuen Rechten analysiert. Er warnt Medienvertreter davor, mit einer reißerischen Berichterstattung den Identitären in die Hände zu spielen.

Julian Bruns Foto: Laurin Rosenberg
Julian Bruns
Foto: Laurin Rosenberg

Herr Bruns, warum ist es falsch, die Identitäre Bewegung (IB) als neonazistisch zu bezeichnen?

Es gibt keine Bezüge oder Anspielungen auf den historischen Nationalsozialismus. Sie finden auch keinen offenen biologistischen Rassismus und keinen offenen Antisemitismus. Die Identitären versuchen, sich nicht als Nationalisten, sondern stramme Patrioten darzustellen – auch weil Neonazis für viele Bürger einfach abstoßend sind. Die Identitären haben sich ein modernes Äußeres gegeben, sie versuchen aber dennoch, alte Ziele der rechtsextremen Szene mit neuen Mitteln zu erreichen.

Ist das eher ein strategisches Vorgehen? Denn mit Naziparolen würde man sicherlich anders mit der IB verfahren – vor allem auch in den Medien.

Das ist schon strategisch, weil die Medienarbeit für die Identitären fast das Wichtigste ist; das unterscheidet sie von klassischen Neonazis, die meistens kein Interesse haben, mit Medienvertretern zu sprechen. Die Identitären wissen, dass sie sich Gehör verschaffen müssen. Inzwischen ist es ja so, dass der gesamtgesellschaftliche Diskurs ein gutes Stück nach rechts gerutscht ist, das ist einerseits das ideale Feld für die Identitären – was früher undenkbar gewesen wäre, wird nun ganz selbstverständlich in Talkshows geäußert –, andererseits haben die Identitären dieses neue Feld erst mitbereitet.

Wo verorten Sie die Identitären in den neurechten Strömungen?

Die Identitären sind der aktionistische Arm der Neuen Rechten. Und sie sind, auch wenn sie zahlenmäßig nur eine recht kleine Gruppe sind, eine Art Jugendbewegung. Das macht sie für jüngere Menschen interessant – wie etwa für einige Burschenschaftler. Mit der AfD, gerade mit der Jungen Alternative für Deutschland, gibt es gewisse Überschneidungen – da stößt man auf Doppelmitgliedschaften, obwohl es Beschlüsse seitens der AfD gegeben hat, dass man nicht mit den Identitären zusammenarbeiten will.

Welche Rolle spielt Männlichkeit in der IB?

Die Identitären inszenieren sich sehr stark als Vertreter einer maskulinen und kämpferischen Männlichkeit. Das ist zugleich eine Linie, die wiederum zur Neonaziszene führt, in der ja Martin Sellner und Mario Müller früher aktiv waren. Da schwingt immer der Gewaltaspekt mit – nach dem Motto „Wir müssen bereit sein, gegen die muslimische Jugend usw.“.

Und wo bleiben die Frauen?

Wie alle rechtsextremen Organisationen haben die Identitären einen Frauenmangel. Sie gestehen das auch offen ein, die Versuche der Rekrutierung enden dann jedoch oft in befremdlichen Videos von Martin Sellner, der die Frauen dann eher angreift.

In Ihrem Buch raten Sie Medienvertretern davon ab, Interviews mit Identitären zu publizieren. Warum?

Die Identitären suchen jede Öffentlichkeit, die sie bekommen können. Jedes Interview ist für sie eine Bühne, um die eigenen Ideen zu verbreiten. Zudem sind die Identitären inzwischen so gut geschult, dass es den meisten Journalisten gar nicht gelingen wird, sie zu entlarven. Identitäre sind auch gar nicht daran interessiert, Argumente auszutauschen: Sie wollen den Diskurs zerstören.

Wie sollten Medienvertreter mit dem Phänomen umgehen? Einfach gar nicht berichten?

Journalisten sollten darauf verzichten, reißerische Aufmacher über identitäre Aktionen zu schreiben. So war die Aktion im Mittelmeer, bei der Identitäre mit einem Schiff Flüchtlinge stoppen wollten, vor allem deshalb ein Erfolg für die Rechten, weil sie täglich in den Medien vertreten waren. Journalisten sollten lieber anlassunabhängig über die Identitäre Bewegung berichten und dabei deren rhetorischen Mittel und Strategien analysieren. Dann lässt sich aufzeigen, dass sich identitäre Ziele kaum von denen anderer rechtsextremer Bewegungen unterscheiden.

Wie finanziert sich die IB?

Die Mitglieder betreiben zum Beispiel einen Merchandising-Shop, in dem sie T-Shirts mit dem IB-Logo verkaufen, und sie haben eine Agentur für Layouts. Außerdem ist die Bewegung ein eingetragener Verein, sodass Mitgliederbeiträge fließen. Zudem gibt es eine Zusammenarbeit mit dem rechten Netzwerk „Ein Prozent“, das Spenden sammelt und wenn nötig aber auch Anwälte vermittelt.

Würden Sie eine Zukunftsprognose wagen? Kann es sein, dass in zwei oder drei Jahren niemand mehr von der IB spricht?

Das ist schwierig zu sagen. Aber wenn Sie nach Österreich schauen, welche Politik dort stattfindet, dann scheinen identitäre Visionen gerade in die Tat umgesetzt zu werden. Leider. Insofern ist es vielleicht bald nicht mehr nötig, dass es die IB gibt. Jedoch verstehen sich die Identitären stets auch als Gegenstück zur Parteienpolitik – sie wollen Avantgarde sein. Ich fürchte, sowohl der Rechtsruck in Europa als auch die IB wird so schnell nicht vorbei sein.

Sellner und Müller machen sich in ihren Büchern oft darüber lustig, dass die linken Bewegungen erschlafft sind, sie keine Disziplin mehr haben. Ist die Kritik zutreffend?

Diese Kritik darf man sich gefallen lassen. Das Problem gibt es aber schon seit den 1990er-Jahren. Man sieht ja exemplarisch an der Linkspartei, wie sie sich immer wieder selbst zersprengt. Außerdem hat sich die Sozialdemokratie europaweit stark marginalisiert. Die Rechten hingegen haben es geschafft, sich neue Impulse zu holen. Insofern könnte man sich dies zum Vorbild nehmen, um wieder eigene Themen zu setzen und nicht pausenlos Defensivgefechte zu führen.

Das Gespräch führte Wolfgang M. Schmitt

Julian Bruns, Kathrin Glösel, Natascha Strobl: „Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa“, Unrast, 357 Seiten, 18 Euro

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