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    Krebs: Vorsicht bei Selbsthilfe

    Fast jeder kennt den Spruch aus der Werbung: „Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Für seriöse Experten der komplementären, also begleitenden oder ergänzenden Onkologie ist es eine Standardempfehlung an jeden Patienten. Denn trotz der großen Beliebtheit von Misteltherapie und Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitamin D oder Selen mahnt eine der Vorreiterinnen der ergänzenden Krebstherapie, Dr. Jutta Hübner, zur Zurückhaltung.

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    Koblenz/Frankfurt - Fast jeder kennt den Spruch aus der Werbung: „Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Für seriöse Experten der komplementären, also begleitenden oder ergänzenden Onkologie ist es eine Standardempfehlung an jeden Patienten. Denn trotz der großen Beliebtheit von Misteltherapie und Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitamin D oder Selen mahnt eine der Vorreiterinnen der ergänzenden Krebstherapie, Dr. Jutta Hübner, zur Zurückhaltung.

    „Wichtig ist, im Einzelfall immer wieder mit dem betreuenden Onkologen abzuklären, ob das ergänzende Mittel zu der eigentlichen Therapie passt. Es kann sein, dass die Beschwerden für den Patienten subjektiv besser werden. Dies passiert aber, weil das Mittel die Wirkung der Chemo- oder Strahlentherapie abschwächt“, sagt die Leiterin der komplementären Onkologie am Centrum für Tumorerkrankungen am Uniklinikum Frankfurt.

    Hübner weiß, „dass 20 bis über 90 Prozent der Patienten etwas parallel zur konventionellen Krebstherapie tun“. Umso mehr liegt ihr daran, den Patienten Informationen über die wissenschaftlich verbriefte Wirkung von Zusatzmitteln zu geben. Dies tut sie am Samstag, 24. März, ab 15 Uhr in einem Vortrag beim ersten rheinland-pfälzischen Krebstag auf dem Campus der Uni Koblenz. Im Vorfeld stellen wir wichtige Informationen und Ratschläge Hübners zusammen:

    Misteltherapie: 70 Prozent der Tumorpatienten in Deutschland werden laut Krebsgesellschaft entweder während der Standardtherapie oder in der Nachsorge mit Mistelextrakten behandelt. Dabei werden immer unterschiedliche Mistelpräparate mit einer Spritze unter die Haut verabreicht. Zwei Typen von Präparaten stehen zur Verfügung: Die phytotherapeutischen Präparate enthalten bei jeder Gabe die gleiche Menge des Mistelwirkstoffs Mistellektin. Bei der auf anthroposophischem Hintergrund basierenden Misteltherapie werden indes unterschiedliche Mistelsorten – je nach Wirtsbaum – in individuell variierenden Dosierungen eingesetzt.

    „Wenn man sich die wissenschaftlichen Daten anschaut, ist hinter die Misteltherapie ein sehr großes Fragezeichen zu machen. Es gibt aber Hinweise, dass sie in bestimmten Fällen die Lebensqualität erhöhen kann“, sagt Hübner. Keinesfalls sollten Leukämie- und Lymphom-Patienten zu dieser Therapie greifen. Allen anderen rät sie, damit erst nach dem Abschluss einer Strahlen- oder Chemotherapie zu beginnen, „um wieder schneller auf die Beine zu kommen“. Denn der Wirkstoff kann das Immunsystem stärken und das Wohlbefinden verbessern. Doch auch dies ist laut Hübner wissenschaftlich nicht belegt.

    Andere pflanzliche Präparate: Hier ist die Expertin zwar auch skeptisch, aber deutlich optimistischer. „Es gibt erste Daten, die zeigen, dass wir Heilpflanzen gegen Beschwerden und Nebenwirkungen von Krebstherapien einsetzen können.“ Hintergrund ist, dass viele pharmakologische Wirkstoffe pflanzlichen Ursprungs sind. So wird die Traubensilberkerze gegen Hitzewallungen eingesetzt, unter denen Brustkrebspatientinnen bei der antihormonellen Therapie leiden. Ingwer nehmen Patienten ein, um der Übelkeit bei der Chemotherapie Herr zu werden. Außerdem nennt Hübner Ginseng, das bei der Behandlung des Fatigue- oder Erschöpfungssyndroms bei Krebspatienten eingesetzt wird.

    Nahrungsergänzungsmittel: „Es gibt nur wenige Indikatoren, bei denen man Nahrungsergänzungsmittel einsetzen muss. Der Tumorpatient, der sich einigermaßen ausgewogen ernährt, braucht sie nicht.“ Drei Ausnahmen nennt Hübner: Vitamin D für alle Patienten, die antihormonell behandelt werden, „um die Knochen gesund zu erhalten“. Außerdem sollten ältere und schwache Patienten den Stoff nehmen, wenn sie selten ans Tageslicht kommen. Wer zu wenig Fisch und pflanzliches Öl zu sich nimmt, sollte darüber nachdenken, Omega-3-Fettsäuren zu nehmen. Und dann gibt es noch Selen. Studien aus den USA legen einen Zusammenhang zwischen Selenmangel und Krebserkrankungen nah. Mit einem Bluttest lässt sich der Selengehalt im Körper testen. Aber auch hier rät die Expertin zum Maßhalten: „Man muss sehr darauf achten, Selen nicht überzudosieren.“

    Von unserem Redakteur Christian Kunst

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