Deutlich mehr Menschen arbeiten im Rentenalter weiter - Wirtschaftsminister will Anreiz dazu setzen
Deutlich mehr Menschen arbeiten im Rentenalter weiter: Warum der Wirtschaftsminister Anreiz bieten will
Aufwertung von Kita-Erzieherinnen
Die Zahl der sozialversicherten Beschäftigten in Rheinland-Pfalz in dieser Altersgruppe hat sich innerhalb eines Jahres um 9,3 Prozent erhöht. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Sebastian Gollnow/dpa. dpa

Rheinland-Pfalz/Berlin. Mit 65 Jahren ist häufig noch lange nicht Schluss: Die Zahl der sozialversicherten Beschäftigten in Rheinland-Pfalz in dieser Altersgruppe hat sich innerhalb eines Jahres um 9,3 Prozent erhöht. Im Juni 2021 waren fast 19.600 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mindestens 65 Jahre alt, wie die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit mitteilte. Gut 12.000 davon waren Männer, etwa 7500 Frauen.

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Zwei Drittel von ihnen haben bereits die Regelarbeitszeitgrenze überschritten, könnten also eigentlich Rente beziehen, sagte der Leiter der rheinland-pfälzischen Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK), Jörn Simon. Die Gründe für die fortgesetzte Berufstätigkeit sind unterschiedlich. „Die Rente reicht nicht aus oder kann aufgrund zu kurzer Sozialversicherungspflicht nicht gezahlt werden, oder aber die Menschen haben einfach Lust weiterzuarbeiten“, stellt Simon fest.

„Viele Unternehmen schätzen den Erfahrungsschatz der sogenannten Silver Worker, der sich über viele Jahre aufgebaut hat – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels“, sagte Simon. „Und viele von ihnen sind jung geblieben, körperlich und geistig fit.“ Hinzu kommt noch eine gewisse Gelassenheit, wie eine Stressstudie der TK zeigt. Demnach gab jeder oder jede zweite Befragte zwischen 60 und 69 Jahren an, selten oder nie gestresst zu sein. Zwei Drittel der noch Berufstätigen in dieser Altersklasse sagten, ihre Arbeit mache ihnen Spaß und sei ein wichtiger Teil ihres Lebens.

Schlechte Stimmung im Team

Dabei fühlen sie sich – so das Ergebnis der Studie – weniger durch Informationsüberflutung oder ungenaue Anweisungen und Vorgaben belastet als jüngere Kolleginnen und Kollegen. Sie erfahren aber weitaus häufiger als der Durchschnitt schlechte Stimmung im Team und zu wenig Handlungsspielraum. Gut ein Viertel der älteren Arbeitnehmer hat Probleme mit Vorgesetzten. Bei den jüngeren Befragten im Alter zwischen 30 und 59 Jahren hätten dies nur etwa 16 Prozent angegeben.

„Maßgeblich ist für Unternehmen ein wertschätzender, respektvoller Umgang mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, egal, wie alt sie sind“, betonte Simon. Wichtig sei, Mitarbeitende hinsichtlich ihrer Qualifikationen so einzusetzen, dass sie ihr Potenzial ausschöpfen können. „Mithilfe des betrieblichen Gesundheitsmanagements können Problemfelder erkannt und angegangen werden.“

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat unterdessen generell ein freiwilliges höheres Renteneintrittsalter ins Spiel gebracht, um gegen den bundesweiten Fachkräftemangel anzugehen. Habeck sagte dem „Handelsblatt“, man sollte flexibel länger arbeiten können. „Das wäre ein doppelter Gewinn: Wer will, kann sein Wissen, sein Können, seine Erfahrung noch länger einbringen. Davon können Betriebe und die Gesellschaft profitieren. Und wir könnten dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Wir sollten also über so etwas wie ein Renteneintrittsfenster sprechen, kein fixes Alter.“

In einem Papier des Bundeswirtschaftsministeriums heißt es, der Fachkräftemangel werde sich in den nächsten Jahren verschärfen. Mit dem Übergang der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand werde die Zahl der Erwerbspersonen signifikant zurückgehen. Gleichzeitig würden die Digitalisierung und die Transformation hin zur Klimaneutralität den Fachkräftebedarf erhöhen beziehungsweise verändern.

Um diese Herausforderungen zu meistern, will die Bundesregierung ihre Fachkräftestrategie weiterentwickeln. Aus Sicht des Ministeriums geht es etwa darum, das Arbeitsvolumen zu erhöhen. Insbesondere bei Frauen und Älteren gebe es da noch ungenutzte Potenziale.

Flexibler in die Rente eintreten

Es soll zudem ein Rahmen geschaffen werden, damit Beschäftigte mindestens bis zur Regelaltersgrenze arbeiten und gegebenenfalls freiwillig auch darüber hinaus, zum Beispiel durch eine Flexibilisierung des Renteneintritts, verbunden mit finanziellen Anreizen, länger zu arbeiten – „für die, die das möchten“.

DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel äußerte Unverständnis zu Habecks Vorstoß. Schon heute könne jede und jeder Beschäftigte über die gesetzliche Regelaltersgrenze hinaus weiterarbeiten. Die wahren Probleme lägen nicht im Rentenrecht, sondern in dem für viele ältere Beschäftigte „zugemauerten“ Arbeitsmarkt und in raren altersgerechten Arbeitsplätzen, sagte Anja Piel.

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