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Interview: Aggressive Jäger sind heute nicht mehr gefragt

Interview mit Prof. Manfred Döpfner, der Leitende Psychologe an der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Köln.

Professor Manfred Döpfner
Professor Manfred Döpfner

Derzeit wird viel über das Thema ADHS diskutiert. Warum ist das so?

Als Wissenschaftler und Kliniker frage ich mich, warum es gerade ADHS ist, das so kontrovers diskutiert wird. Denn was bei diesem Thema als problematisch angesehen wird, gilt im Grunde für alle psychischen Störungen.

So wird gesagt, dass ADHS nicht gut genug definiert sei und es fließende Übergänge zwischen der Normalität und dem Krankheitsbild gebe. Das ist zwar völlig richtig.

Dies haben wir jedoch auch bei Angststörungen, bei Depression und sogar bei Schizophrenie. Auch dass die Therapie mit Medikamenten eine Rolle spielt, kann es nicht sein. Denn auch das ist bei Depressionen und Schizophrenie der Fall.

Vielleicht liegt es daran, dass ADHS doch eine relativ häufige psychische Störung ist. Auf jeden Fall ist es so: Es gibt keine psychische Störung, über die ideologisch gefärbte Kämpfe so intensiv und emotional ausgetragen werden wie über ADHS.

Man hat den Eindruck, als ob ADHS in Deutschland immer mehr zunimmt?

Die Grundschwierigkeit ist, dass es keine natürlichen Grenzen gibt, an denen die Normalität aufhört und die Krankheit anfängt.

Das ist wie bei Bluthochdruck und Übergewicht: Wir wissen, dass diejenigen, die sehr stark davon betroffen sind, ein hohes Gesundheitsrisiko in sich tragen. Aber es gibt halt auch fließende Übergänge.

Sicher ist auch ein Problem, dass ADHS zu einer Modestörung geworden ist, dass diese Erklärung für Fehlverhalten deutlich überdehnt worden ist. Vieles was lediglich mit Variationen von der Norm zu tun hat, wird bereits in eine Krankheitskategorie gesteckt, in die es nicht gehört.

Ohne Zweifel ist ADHS auch sehr beliebt, weil es manchmal Eltern fälschlicherweise suggeriert, sie seien entlastet. Es ist schon komisch, dass einige Eltern erleichtert sind, wenn man ihnen sagt, ihr Kind sei krank, psychisch krank.

Heißt das, dass Eltern darin eine Entschuldigung für schlechte Erziehung sehen?

So einfach ist es auch wieder nicht. Wir können relativ klar Kriterien definieren, die wir nutzen, um eine psychische Beeinträchtigung bei einem Kind festzustellen.

Ein Kriterium von ADHS ist beispielsweise, dass dieses Verhalten situationsübergreifend auftritt. Es reicht also nicht aus, dass die Mutter berichtet, ihr Kind habe die Symptome. Es ist auch notwendig, dass es in der Schule ebenfalls eine entsprechende Auffälligkeit gibt.

ADHS ausschließlich als eine Ausflucht überarbeiteter Eltern zu sehen, wäre falsch. Aber es gibt natürlich ein Zusammenhang. Diesen gibt es aber auch bei aggressiven Störungen, Depression, oder Angststörungen: Familiäre Belastungen tragen dazu bei, dass psychische Störungen schlimmer werden. Und dass man Dinge als belastender wahrnimmt, wenn man selbst eine psychische Belastung hat, ist auch klar.

Sie hatten das Thema Mode-Erkrankung angesprochen?

Was wir als psychische Störung beschreiben, wird natürlich auch durch unsere Gesellschaft mit definiert. Um bei uns erfolgreich zu sein, muss man lesen und schreiben können, oder auf andere Menschen zugehen.

Aggressivität ist nicht erwünscht, ebenso wenig wie große Unruhe. Früher haben wir viel stärker Bewegungsstörungen festgestellt, die Kinder ja auch haben.

Die werden aber immer weniger wichtig, weil wir nicht mehr so viele motorisch geschickte Menschen brauchen. Was wir in unserer Gesellschaft benötigen, sind Menschen, die sich möglichst lange konzentrieren können. Sie müssen in der Lage sein, eine bestimmte Tätigkeit ausdauernd zu verrichten. Menschen die das nicht können, sind dann auch in ihrem Lebensvollzug beeinträchtigt.

Mir erscheint es aber so, dass sich Menschen heute weniger konzentrieren können als früher und weniger gut zuhören – und zwar Männer und Frauen.

Es kann natürlich sein, dass dabei die Reizüberflutung eine Rolle spielt – u.a. die schneller werdende Schnittfrequenzen in Filmen.

Diese These hat sicher auch eine Berechtigung. Es gibt Studien, die bei Kindern schon einen Zusammenhang zwischen der Zeit vor dem Fernseher und Konzentrationsproblemen zeigen.

Das sind allerdings korrelative Studien, die einfach den Zusammenhang feststellen, aber nicht den Grund. Im Zusammenhang mit ADHS können wir das nicht als Hauptfaktor identifizieren.

Sie haben eben Bewegungsstörungen angesprochen. Kann es nicht auch sein, dass viele auffällige Kinder einfach körperlich nicht ausgelastet sind?

Dann würde man erwarten, dass wir in den Städten, wo die Kinder weniger Auslauf haben, eine höhere Dichte an ADHS hätte. Das sehen wir so nicht – zumindest nicht in dieser einfachen Form.

Allerdings haben wir in Deutschland diverse Studien gemacht, in denen wir einen Zusammenhang zwischen ADHS und sozialen Schichten feststellen konnten.

Wenn beispielsweise – finanziell bedingt – ein beengter Wohnraum vorliegt, gibt es ein höheres Ausmaß an ADHS. Das könnte man als indirekten Hinweis werten.

Wie ist die Verteilung zwischen Mädchen und Jungen?

Wesentlich mehr Jungen!

Kann es dann nicht auch an der aktuell häufig diskutierten These liegen, dass die Gesellschaft immer „weiblicher“ wird? Das Jungens im Kindergarten und der Grundschule hauptsächlich auf Pädagoginnen treffen? Dass es ganz anders aussähe, wenn zum Beispiel noch Ritterspiele und Schwertkämpfe wichtig wären?

Das stimmt schon. Solange es darum ging, Bisons zu erlegen, war es gut, wenn man schnell war, viel Kraft und eine aggressive Grundhaltung hatte. Aber jetzt haben wir eine Gesellschaft entwickelt, in der die Fähigkeiten wichtiger werden, die in Frauen besser ausgeprägt sind.

Beispielsweise sind Frauen kommunikativer, was in unserer Gesellschaft sehr wichtig ist. Hinzu kommt, dass es technische Entwicklungen gibt, die Eigenschaften weniger wichtig machen, die Jungs besser können – z.B. die Orientierung. Dafür stehen heute GPS und Navigationsgeräte zur Verfügung.

Um noch einmal auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen: Warum hat man den Eindruck, dass ADHS zunimmt. Liegt es unter Umständen daran, dass es einfach besser diagnostiziert wird?

Das ist sicher einer der Gründe. Was nach meiner Meinung sicher auch stark dazu beigetragen hat, sind massive Veränderungen in der Pädagogik.

Also die Art und Weise, in der wir heutzutage Kinder erziehen. Es fällt uns schwerer, Regeln zu formulieren, konsequent zu sein. In den Schulen gibt es freie Konzepte, die für Kinder, die sich selbst steuern können, wunderbar sind.

Aber für Kinder, die eine Orientierung benötigen, brauchen einfach Regeln. Wenn man an gesellschaftliche Trends denkt, die das beeinflussen, spielen pädagogische Veränderungen in der Schule und den Familien eine deutliche Rolle.

Aber damit wäre es doch wieder mehr ein soziales und gesellschaftliches als ein medizinisches Problem?

Na ja, es gibt schon eine Interaktion zwischen medizinischen und sozialen Dingen. Da sind Kinder, die unsere freie Pädagogik wunderbar vertragen.

Aber es gibt halt auch Kinder, die aufgrund ihrer Biologie und ihrer genetischen Disposition anfälliger sind. Man muss einfach die Interaktion zwischen Körper und Umwelt sehen.

Abschließend noch eine Frage zur medizinischen Behandlung mit Methylphenidad (u.a. „Ritalin“) oder ähnlichen Mitteln. Da wird von den Gegnern unter anderem beklagt, dass damit Kinder ruhig gestellt werden. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Zunächst einmal: Methylphenidad ist kein dämpfendes, sondern ein aktivierendes Mittel. Ein Stimulans, das den paradoxen Effekt hat, dass Kinder nach der Einnahme ruhiger und konzentrierter werden.

Es greift zentralnevös in den Dopamin-Stoffwechsel ein. Und wir wissen, dass dieser Stoffwechsel bei Kindern verändert ist, die eine starke ADHS-Auffälligkeit zeigen. Klinischen Studien mit Methylphenidad sind eindeutig: Das Mittel hat stark positive Effekte.

Aber es gibt auch Nebenwirkungen – wie bei jedem Medikament, das wirkt. Eltern sagen dann, dass sich das Wesen des Kindes verändert hat, dass es weniger fröhlich ist. Häufig werden diese Seiteneffekte jedoch von einer falschen Dosierung verursacht.

Außerdem muss man wie bei jedem Medikament Wirkungen und Nebenwirkungen einander gegenüberstellen – und das Ergebnis abwägen. Ärzten sage ich deshalb immer: Nicht jedes Kind, das ADHS hat, braucht Medikamente.

Da gibt es viele pädagogische und psychotherapeutische Möglichkeiten. Andererseits profitieren auch viele stark betroffene Kinder erheblich von diesen Mitteln. In diesen Fällen würde ich eine grundsätzliche Nichtbeachtung der Medikamente als Kunstfehler betrachten.

Haben sie abschließend noch einen Tipp?

Ein wichtiger Hinweis für Eltern wäre noch die Webseite, die vom zentralen ADHS-Netzwerk mit Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums entwickelt wurde.

Hier finden Eltern, Pädagogen, betroffene Jugendliche und Erwachsene evidenz-basierte Informationen zu ADHS: www.adhs-info.de

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