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Eine Piratin will ihr Biotop verteidigen

Die Piraten haben das Berliner Abgeordnetenhaus geentert, und plötzlich blickt ganz Deutschland auf die junge Partei und will wissen, was sie eigentlich will. Erklärungsversuche von Julia Schramm, eine der wenigen weiblichen Piraten.

Foto: dpa

Julia Schramm ist 25 Jahre alt und seit zwei Jahren Mitglied der Piratenpartei. Sie hat Politikwissenschaft und Geschichte studiert, ist vor einem halben Jahr von Bonn nach Berlin gezogen, weil sie da schon lange hinwollte, und hat in der Hauptstadt die Piraten beim Wahlkampf unterstützt.

Sie benutzt Worte wie "Filtersouveränität" (sie liest nicht alles, was im Internet über sie geschrieben wird) oder "Tech-Sprache" (die Sprache derer, die programmieren können und das Internet wirklich verstehen) oder "Heteronormativität" (ausschließlich in Kategorien von männlich und weiblich zu denken, hält sie für falsch). Sie ist eine kluge junge Frau, die mitreden wollte, seit sie denken kann, und die jetzt bei der Piratenpartei endlich eine Heimat gefunden zu haben glaubt. "Die Piraten", sagt sie, "das sind Leute, die so sind wie ich." Manche Menschen im Netz, die sie noch nie leibhaftig gesehen hat, seien ihr vertrauter als Bekannte aus der "realen" Welt. Sie legt den Kopf schief und erklärt: "Das Internet ist ein Lebensraum für mich, ein Biotop."

Politische Heimat für Digital Natives

Die Piratenpartei hat bundesweit inzwischen 12 000 Mitglieder. Das Durchschnittsalter liegt bei 31 Jahren, darunter sind viele Akademiker, aber auch Arbeitslose, Künstler, Programmierer. Julia Schramm ist eine der wenigen Frauen. Sie alle eint der selbstverständliche Umgang mit dem Internet. Viele würden sich wie Julia als sogenannte "Digital Natives" beschreiben, die Eingeborenen der digitalen Revolution im Netz. Deren Begründer und Kinder zugleich. Vielleicht eine neue politische Größe, die, heute belächelt, irgendwann wie die Grünen in die Verlegenheit kommen wird, sich Gedanken über einen Kanzlerkandidaten machen zu müssen. Vielleicht.

Im Moment noch lässt sich keine Prognose treffen. Im Moment blickt die Mehrheit der Eingeborenen der "realen Welt" auf eine Partei, die ihren Dilettantismus bei den praktischen Dingen des Polit-Alltags im Berliner Abgeordnetenhaus offen zur Schau stellt. Viele lachen darüber, viele sind neugierig auf diesen angekündigten Versuch, Politik transparent und bürgernah in Angriff zu nehmen. 8,9 Prozent der Stimmen erhielten die Piraten bei der Landtagswahl in Berlin. Das sind Zahlen, von denen man bei der FDP träumen dürfte.

Das Internet als Befreiung

Julia Schramm, die in Hennef im Rhein-Sieg-Kreis aufwuchs, hat im Netz viele Menschen kennengelernt, die so aufgewachsen sind wie sie. Sie sei schon immer eine Einzelgängerin gewesen, ist in der Schule angeeckt, verstand sich besser mit Jungs als mit Mädchen. Auch ihre Allergie zwang sie, viel Zeit mit sich allein zu verbringen, wie sie sagt. "Wenn ich an meine Kindheit denke, erinnere ich mich an Schmerzen im Frühjahr." Während andere Kinder im Freien spielten, sah sie drinnen fern oder las ein Buch. "Der Computer, das Internet waren für mich die Befreiung", sagt sie, "ich habe dort Menschen getroffen, denen es so geht wie mir, die so denken wie ich." Das Internet mache nicht einsam, im Gegenteil. Dort würden sich Menschen treffen, die einsam sind. Im Netz seien sie es nicht mehr.

Julia Schramm veröffentlicht regelmäßig Essays auf ihrem Blog "Aus dem Leben in der Metamoderne", sie hat einen großen Leserkreis. Per Twitter sendet sie mindestens einmal pro Stunde Gedanken in die Welt und Nachrichten an Freunde. Auch ihr derzeitiger Aufenthaltsort wird dort angezeigt. Wer will, kann Julia online folgen und erfährt dabei eine Menge über sie. In einem Interview mit Spiegel-Online erklärte sie im Frühjahr, dass der Glaube an ein Recht auf Privatsphäre ein Relikt der 80er-Jahre ist. Und forderte: "Keine Macht den Datenschützern". Seither hat sie nicht aufgehört, "ihr ganzes Leben ins Internet zu kippen, um zu sehen, was passiert". Sie selbst sei der "Testballon". Klar seien ihre Worte provokant, aber immerhin: Seither würde über das Thema Datenschutz differenzierter debattiert. Dass man provozieren muss, um die Agenda der Politik aufzumischen, hat sie schon verinnerlicht. Sie kann sehr jung wirken, wenn sie so dasitzt, die Beine angewickelt, die Lippen schürzend, und Dinge sagt wie: "Wir wollen weg von Hartz IV." Ein trotziges Mädchen, das noch auf der Suche ist, vom Geld ihrer Eltern lebt und von einer besseren Welt träumt. Könnte man denken.

Aber damit würde man sie vermutlich genauso unterschätzen wie die etablierten Parteien in Berlin die Piraten vor der Wahl. Julia Schramm kann eloquent erklären, woher sie kommt und wohin sie will, Letzteres zumindest ungefähr, aber absolute Antworten kann es auf die Fragen der Zeit ohnehin nicht mehr geben, meint sie. In einem Essay im Feuilleton der "FAZ" beschrieb sie unlängst ihre lange Suche nach der richtigen Partei. Die Grünen betrachtete sie schon mit 16 als "angepasste Streber" mit einem "abstrakten Wohlgefühl beim Weltretten im Park". Die CDU war für sie gestorben, als die Partei sie in einem Brief bat, sich im Internet nicht über die Junge Union und die Kanzlerin auszulassen. Die SPD unter Gerhard Schröder sei ihr "ein Graus" gewesen. Einzig bei der FDP machte sie kurzzeitig halt, war Mitglied bei den Jungliberalen, warb kurzzeitig für einen sozial-liberalen Kurs – und "begegnete dogmatischen Menschen zwischen Zynismus und Selbstbetrug".

Abschied von den herkömmlichen Parteihierarchien

Mit den Piraten soll alles anders werden. Verkrustete Strukturen soll es nicht geben, ebenso wenig wie die herkömmlichen Parteihierarchien. Ortsvereinsmief ade.

Und wenn die Piraten in 20 Jahren genauso "spießig" sind wie alle anderen? "Hey, dann gibt es vielleicht eine neue Partei, und dann ist das auch super", sagt Julia Schramm. Es ist vielleicht auch die Unbekümmertheit, die die Piraten für viele interessant macht. Ganz normale Bürger, die das Geschäft mit Kleinen und Großen Anfragen im Parlament nicht beherrschen, die nicht einmal einen Haushaltsplan lesen können, mischen jetzt mit.

Auch wenn Julia Schramm den Vergleich mit den Anfängen der Grünen immer wieder bemüht. Wenn sie erläutern soll, wofür ihre Partei nun steht, wirkt das doch um einiges pragmatischer als die Öko-Partei, die ihren Ursprung in Zeltlagern gegen den Bau von Atomkraftwerken hatte. Der Gründungsmythos der Piraten? "Bei uns ist es ganz klar dieser Dreiklang aus Transparenz, Bürgerbeteiligung, freiem Wissen."

Via Netz wollen die Piraten mehr Mitsprache der Bürger, Positionen nicht vorsetzen, sondern entwickeln. "Wir haben die Möglichkeit einen Diskurs zu führen mit 80 Millionen Menschen. Wir wollen nicht alle vier Jahre Kreuzchen machen und hoffen, dass Politiker dann das Richtige tun."

Wenn Julia Schramm solche Sätze sagt, klingt sie wie eine gestandene Politikerin. Die "gestanzten Sätze" der Profis, die doch niemand mehr verstehe, kann sie nicht leiden, wie sie sagt. Überzeugen will sie ihr Gegenüber, das schon.

Davon zum Beispiel, dass Netzsperren nichts bringen, dass das Internet nur Spiegel der Probleme in der Gesellschaft sei, und dass man diese in der "realen Welt" bekämpfen muss, nicht im Netz. Dieser Aspekt ist vielleicht viel eher als "Gründungsmythos" der Piraten zu sehen als der genannte Dreiklang. "Wir haben ja im Grunde nur angefangen, uns zu wehren", sagt Julia Schramm, "wir waren ja glücklich im Netz, und dann kam die Politik an mit Netzsperren und Regulierungen. Da haben wir gesagt: Wir müssen jetzt Politik machen, damit die unser Biotop nicht kaputt machen."

Mit dem Netz die Welt verbessern

Die Gründung einer neuen Partei aus reinem Eigennutz also? Julia Schramm widerspricht entschieden: "Dieser Angriff auf das Biotop, der Angriff auf die Freiheit durch den Westen selbst, getarnt als Schutzmaßnahmen nach dem 11. September, und der Glaube daran, dass man mit der Art von Kommunikation im Netz die Welt besser machen kann, das sind die Aspekte, die zusammengeflossen sind und die Piraten hervorgebracht haben."

Während des Gesprächs sieht sie kein einziges Mal auf ihr Smartphone, dem Zugang zu ihrem Biotop. Sie kann es nur nicht leiden, wenn sie unfreiwillig "offline" ist. Der Wechsel von der realen in die digitale Welt muss immer möglich sein.

Sie schreibt gerade ein Buch, außerdem arbeitet sie an einer Doktorarbeit. In die vordere Reihe der Piraten, gar in Ämter, zog es sie bisher nicht. "Vielleicht würde ich bei der Europa-Wahl kandidieren, wer weiß?"

Jedenfalls ist für sie ausgeschlossen, irgendein Amt zu übernehmen, nur damit mehr Frauen in der männerdominierten Partei sichtbar werden. Natürlich sei es wichtig, dass Frauen mitmischen. Es "nervt" die Piratin, dass diese Frage nach männlich und weiblich im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine Rolle spielt. Aber sie wisse auch nicht, wie man mehr Frauen gewinnt. "Wir werden sehen", sagt sie achselzuckend. Noch ist alles im Fluss bei den Piraten.

Von unserer Redakteurin Rena Lehmann

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