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"Der Mord an Shari: Skandal oder Restrisiko?" (1992)

„Shari weg“, sagt Madeline traurig. Sie und ihre Schwester Shari sind unzertrennlich gewesen, erzählt die Mutter. Und es scheint, als sehe sie die beiden Kinder in diesem Moment vor sich: „Manchmal hatte ich das Gefühl, sie verschwören sich gegen mich, so haben sie zusammengehalten.“

"Der Mord an Shari: Skandal oder Restrisiko?" – die preisgekrönte Reportage erschien am 7. Juli 1992 in der Rhein-Zeitung.
"Der Mord an Shari: Skandal oder Restrisiko?" – die preisgekrönte Reportage erschien am 7. Juli 1992 in der Rhein-Zeitung.

Von Gabi Novak-Oster

Vergeblich hoffte Irina Weber, daß das zweieinhalbjährige Töchterchen von den schlimmen Ereignissen um Sharis Tod nichts mitbekommen würde. Jetzt spürt sie täglich, wie sehr das Kind darunter leidet: „Madeline ißt nicht mehr, schreit nur noch. Und sie versteckt sich plötz­lich.“ Eine neue Sorge. Wieder Angst – diesmal vor der Zukunft.

Und noch ist die Vergangenheit nicht bewältigt. Tausend Dinge sind der 29jährigen Mutter seit Sharis Tod durch den Kopf gegangen. Immer wieder hat sie ihre älteste Tochter vor sich gesehen, hat sie versucht, sich die grausame Tat vorzustellen. Die Minuten, als der Täter Shari in sein Auto zerrte. Als er sich an ihr verging. Als er sie tötete. Bilder, die unvollständig bleiben – bleiben müssen. „Und das ist es, womit ich im Augenblick noch überhaupt nicht klar komme. Ich weiß nicht: Was hat Shari durchstehen müssen? Hatte sie einen Schock? Warum hat sie nicht geschrien, ich war doch in ihrer Nähe? Vielleicht war sie wie gelähmt ...“

Fragen, Vermutungen, Befürchtungen. „Ich habe das Gefühl, als ob sie mit mir reden möchte.“ Auch Irina Weber will reden, und sie will leiden wie ihre Tochter. „Ich möchte dem Mörder in die Augen schauen. Jetzt! Nicht später. Ich möchte wissen: Wer hat meinem Kind ge­genüber gestanden? Ich möchte Shari am Grab sagen können: Auch ich habe ihn anschauen müssen. So wie du.“ Shari kann die Worte nicht mehr hören.

Und Mutter Irina wird dem Mörder wohl erst im Gerichtssaal gegenüberstehen. Schon in Kürze –schneller als bei anderen Verfahren – soll Anklage erhoben werden, deutet der Leitende Oberstaatsanwalt, Norbert Weise, an. Vor ihm liegt die „Akte Knöll“, mittlerweile zu einem beachtlichen Stapel angewachsen. Einige Blätter sind ver­gilbt, zerschlissen, alt. Oft und von vielen Händen gewendet – vor allem in den letzten Tagen.

Aktenkundig ist das Leben eines jungen Mannes, der bereits als Kind kriminell geworden war. Kriminell, weil er – wie sich nach einem zweiten Delikt herausstellte – krank ist. Das Gericht machte deshalb eine Sexual-Therapie zur Auflage. Unbemerkt blieb, daß sie nicht eingehalten wurde. Schlamperei, Überlastung, Verharmlosung oder gar ein Skandal? Und mußte Shari die Folgen tragen? Eine Tragödie.

Drei andere Mädchen waren mit Wunden davongekommen – mit körperlichen und seelischen. Offene Wunden aber hat nicht zuletzt auch die Justiz zu beklagen. Sie ist „angekratzt“, muß die Frage nach einer Mitschuld über sich ergehen lassen – das Peinlichste, was passieren kann: Juristen ermitteln gegen Juristen. Sie werden eine Antwort finden, einen Schuldigen im Namen des Gesetzes vermutlich nicht. Und auch die Frage, ob Shari noch leben könnte, wird niemand beantworten können.

Mit einem klaren Ja haben sich die meisten Menschen in den Hochhäusern der Wilhelm-Schultheiß-Straße von Weißenthurm zu Wort gemeldet: „Man hätte den Kerl frü­her einsperren müssen!“ Hier, wo die Webers mit 127 meist kinderreichen Familien wohnen, steht man der Tat näher und emotionsgeladener gegenüber als anderswo. Auch, weil die Polizei auf dem Hochhaus-Gelände intensiv recherchiert hat. Für Tage drohte Mißtrauen unter Nachbarn: Ist vielleicht doch einer von ihnen der Mörder? „Es hätte mein Kind sein können“, haben sie alle gedacht und gesagt. Und – so makaber es klingt – dafür gedankt, daß es sie nicht getroffen hat. „Dann wäre ich wahnsinnig geworden“, schätzt Hans-Jürgen Schmitt seine Reaktion ab. Seine Frau Carmen sagt es noch krasser: „Ich hätte mich umgebracht.“ Sie überlegt, denkt an ihre Familie, korrigiert sich: „Vielleicht sagt man das jetzt auch nur so.“

Bei den Schmitts ging Shari ein und aus. Natalie (7) war ihre beste Freundin. Shari sei eher ängstlich, ein verschlossener Typ gewesen. Andererseits fröhlich, obwohl die Familienverhältnisse nicht gerade einfach waren. Vom Vater, einem Ghanesen, lebt die Mutter seit einiger Zeit getrennt.

Gabi Novak-Oster war es, die 1992 das brutale Sexualverbrechen an der kleinen Shari von allen Seiten beleuchtete, die Geschichte hinter der Geschichte erzählte, kritische Fragen stellte – und für ihre facettenreiche Berichterstattung mit dem Theodor-Wolff-Preis bedacht wurde.
Gabi Novak-Oster war es, die 1992 das brutale Sexualverbrechen an der kleinen Shari von allen Seiten beleuchtete, die Geschichte hinter der Geschichte erzählte, kritische Fragen stellte – und für ihre facettenreiche Berichterstattung mit dem Theodor-Wolff-Preis bedacht wurde.

Viele Freunde hat Sharis Mutter in der Siedlung nicht gefunden. Der Kontakt zu den Schmitts entstand eher zufällig. „Sie hatte zwei Kinder und war wieder schwanger, wir haben drei Kinder. Da hab' ich sie einfach angesprochen.“ Eine Bekanntschaft, „die zwischen Müll­eimer und Haustür entstand“. Und sich zu einer richtigen Freundschaft entwickelte – zwischen den Müttern, unter den Kindern. „Wir haben am liebsten Fangen und Verstecken gespielt“, erzählt die siebenjährige Natalie, und neidlos erkennt sie noch heute an, daß Shari fast immer die Schnellere gewesen sei.

„Du weißt, was mit der Shari passiert ist“, fragt Vater Hans-Jürgen eindringlich und schaut sein Töchterchen mit ernstem Gesicht an. Mehr als einmal haben sie darüber gesprochen. Es könne doch nicht sein, daß ihre Freundin so plötzlich tot sei, habe Natalie auf die schlimme Nachricht geantwortet und hinzugefügt: „Ich habe sie doch so lieb gehabt.“ Fast täglich wiederholt der Vater seither seine eindringliche Frage: „Du weißt doch, wie es passiert ist?“ Natalie wird verlegen: „Warum noch mal, Papa...“

Am Vorabend der Tat wurde im Fernsehen vom Verschwinden eines Jungen bei Celle berichtet. Am nächsten Morgen meldet das Radio seinen Tod. „Ist das der Junge aus dem Fernsehen?“ will Shari von ihrer Mutter wissen. Sie habe das bestätigt und dann ihre Tochter ein-' dringlich ermahnt, nie zu einem Fremden ins Auto zu steigen. „Wenn er sagt, deine Mama ist im Krankenhaus, ich bring' dich zu ihr, dann lauf weg. Geh nicht ans Auto, sieh den Mann nicht an!“ Nicht nur an diesem Morgen sei über das Thema gesprochen worden, sagt Irina Weber aufgeregt: „Immer wieder haben wir uns darüber unterhalten, was Männer fertigbringen.“ Und, so glaubt die Mutter: „Shari hat das Gesagte nachvollziehen können.“

Wenige Stunden später steht ihr ein fremder Mann gegenüber. Doch – so haben die Ermittlungen der Polizei ergeben – er fragt nicht lange. Er nimmt das Kind einfach. Shari hat keine Chance, sich dem Zweizentner-Mann zu widersetzen.

Mutter Irina erzählt von der Angst, die sie hin und wieder durch die Stadt begleitet habe. „Wenn Fremde meine Kinder ansprachen, wie niedlich und wie süß sie doch sind – das hat mir nie behagt. Kein Fremder hat das Recht dazu, vor allem kein Mann.“ Und es gab noch etwas, was ihr mißfiel: Mehr als einmal sei sie gefragt worden, ob sie die dunkelhäutigen Kinder adoptiert habe. Nie habe ihr je­mand zugetraut, daß sie mit einem Schwarzen verheiratet sei. Immer wieder zitiert Irina Weber die Bibel, verschweigt nicht, daß der Glaube ihr in den schweren Stunden seit Sharis Tod Halt gegeben hat. „Auch Shari habe ich religiös erzogen. Meine Kinder lernen beten und an die Bibel zu glauben.“

Irina glaubt an eine Auferstehung, bei aller Trauer hat sie für die Todesanzeige einen Spruch voller Hoffnung gewählt: „Ich will ihre Trauer in Frohlocken umwandeln, und ich will sie trösten und sie erfreuen, indem ich sie ihrem Kummer entreiße.“ (Jeremia 31,13-17).

Doch niemand war zur Stelle, um Shari ihrem Mörder zu entreißen. Es regnete stark, und kaum jemand war mittags auf der Straße. Shari befand sich auf dem Heimweg vom Kindergarten, nur noch wenige Meter von der Wohnung entfernt, als das Unglück geschah. Gegen halb eins fragte die Mutter bei Schmitts an, ob Shari dort sei. „Zu der Zeit doch nicht, habe ich geantwortet“, erinnert sich Carmen Schmitt, dann habe sie sich auf die Suche gemacht, „weil Shari nie zu spät kam.“

Die Suche ist vergeblich. Als Irina Weber die Polizei anrufen wollte, habe sie noch gesagt: „Mach nicht so einen Aufstand.“ Trotzdem wurde die Polizei alarmiert. Die Stunden vergingen, Shari blieb verschwunden. Der Abend kam. „Je dunkler es wurde, um so mehr haben wir alle geglaubt, daß etwas passiert sein mußte.“ Irina Weber unterbricht: „Ich habe es nach ei­ner halben Stunde gewußt. Eine Mutter spürt so was.“

Zwei Tage später wird Sharis Leiche in der Nähe vom Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich gefunden. Knapp eine Woche später nimmt die Polizei den 23jährigen Schreinergesellen Frank Knöll aus Koblenz-Rübenach fest. Er gesteht die Tat. Die Einzelheiten schockieren -auch die Polizei: In der Mittagspause verläßt Knöll die Baustelle unmittelbar gegenüber dem Hochhaus, wo Irina Weber mit ihren drei Kindern wohnt. Shari wird ins Auto gezogen, Frank Knöll vergeht sich wenig später an ihr, fesselt das Mädchen und stranguliert es zu Tode. Die Polizei spricht „von einem ganz schlimmen Gcsamtablauf“, bei dem Shari „sehr gelitten“ haben muß. Frank Knöll kehrt auf die Baustelle zurück. Arbeitet an derselben Tür weiter. Keinem Kollegen fällt etwas auf: „Er tat, als wäre nichts geschehen.“ Ein normaler Arbeitstag.

Für die Polizei wird daraus mehr als ein „Fall Shari“. Schon kurz nach Verschwinden des Kindes wird ein Verbrechen vermutet. „Wir hofften, daß es nicht so ist“, erinnert sich Kriminaloberrat Hans-Dieter Hilken. Nicht nur der fachliche Verstand, auch die Zeit spricht dagegen. Sowohl bei der Kripo Kruft als auch bei der Sonderkommission in Koblenz wird mit großer „Opferbereitschaft“ gearbeitet. „Das versteht sich von selbst, irgendwie kann jeder die Situation nachfühlen“, sagt Soko-Leiter Harald Süßenbach.

Die Emotionen steigern sich noch einmal, als der Täter dreimal anruft und einen Hinweis auf die Fundstelle seines Opfers gibt. „Wir waren betroffen, keiner hat was gesagt“, erinnert sich Kriminaloberkommissarin Susanne Hof. „Ohnmacht und Zorn“ empfindet Hans-Dieter Hilken später an der Fundstelle. „Ohnmacht und Zorn, weil das Kind keine Chance hatte.“ Susanne Hof, die eine solche Situation zum ersten Mal erlebt: „Unfaßbar, wenn man an das kleine Würmchen denkt...“ Eine Situation, die nicht verdrängt werden kann – weder bei neuen, noch bei erfahrenen Kollegen. Susanne Hof: „Ich habe sogar davon geträumt, weil ich die Sache nicht verarbeiten konnte.“

Doch es gibt auch „Empfindungen, die man nicht wiedergeben kann“. Es ist der Moment, als der Täter gegenübersteht. Ein Mann, der bereit ist zu reden. Der sogar ein Bedürfnis dazu gehabt habe. „Man bietet ihm einen Kaffee an, eine Zigarette ...“ Frank Knöll soll seine Tat nüchtern und sachlich beschrieben haben – „berichtsmäßig". Auch das schockiert. Hilken: „Nicht nachvollziehbar.“

Neue Aufgaben helfen über Dinge dieser Art hinweg, sagen alle. Und doch wissen sie: Morgen könnte ein Fall kommen, der ähnlich ist.

Das wissen auch Eltern. Angst nehmen, Mut machen, ohne zu verharmlosen – das hat sich der Kindergarten St. Franziskus zur Aufgabe gemacht. Der Schock über die Tat sitzt tief. Zur Trauer kam zunächst einmal Hilflosigkeit. In den ersten Tagen schwiegen die Mitarbeiterinnen den Kindern gegenüber. Ein Psychologe habe sie schließlich zu Gesprächen ermutigt. In Rollenspielen und Gesprächen, aber auch in Zeichnungen artikulierten die Mädchen und Jungen ihre Ängste. Der große Mann taucht immer wieder auf. Für Shari kam er wirklich.

Zwar wird Frank Knöll durch einen Hinweis aus der Bevölkerung festgenommen, doch auch ohne den hätte er „nie den Hauch einer Chance gehabt“, so Weise. Spätestens nach einer Woche wäre er aufgrund seiner Vorstrafen und der Überprüfung dieser Fälle „drangewesen“.

Genau diese Vorstrafen werfen wenig später die Frage nach einem Justiz-Skandal auf. Selbst Minister Caesar schließt ihn nicht aus. Der „Fall Shari“ ist längst zu einem „Fall Knöll“ oder besser: zu einem „Fall Justiz“ geworden. Die Akte Knöll – ein schlecht inszenierter Krimi mit tödlichem Ausgang?

Schon als 15jähriger bringt Frank Knöll etliche Pfunde auf die Waage, wird gehänselt. „Deutsche Panzer rollen“, sollen die Kinder ihm wieder einmal nachgerufen haben. Frank glaubt, das neunjährige Mädchen, das ihm begegnet, habe zu denen gehört, die ihn ärgerten. Er greift das Kind, hält ihm ein Messer ans Kinn. Das Mädchen wird in einen Schuppen geschleppt und muß sich ausziehen. Es kommt zu sexuellen Handlungen. Das Mädchen, dem Frank ein T-Shirt über den Kopf gezogen hat, droht damit, nach Hause zu laufen und die Polizei zu alarmieren. Daraufhin beschließt der Junge, sein Opfer zu töten.

Wie er es in einem F-ilm gesehen habe, stößt Frank dem Mädchen einen Holz-Balken auf den Hals. Allerdings bleibt er in einer Leiter hängen, so daß die Gewalt des Stoßes gemindert wird. Das Mädchen schreit vor Schmerz. Frank legt ihm einen Gürtel um den Hals, befestigt ihn an einem Nagel und stößt das Mädchen von einem Balken. Der Gürtel reißt. Das Mädchen hat ein zweites Mal überlebt. Den Versuch, sein Opfer zu erwürgen, bricht Frank mittendrin ab – aus Mitleid, sagt er vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen versuchten Mordes. Der damalige Staatsanwalt erinnert sich, „bis zum Letzten gekämpft“ zu haben. Das Gericht beurteilt die Tat anders. Es würdigt den freiwilligen, strafbefreienden Rücktritt von der Tat und verurteilt den Jungen wegen gefährlicher Körperverletzung und sexuellen Mißbrauchs zu drei Jahren und sechs Monaten. Das Gericht beruft sich nicht zuletzt auf ein Gutachten, in dem von gesteigerter Verletzlichkeit aufgrund seiner Körperfülle und einem nicht vorhandenen Selbstwertgefühl die Rede ist. Fazit des Gutachters: Die Verfassung sei „dem juristischen Begriff der schweren seelischen Abartigkeit zuzuordnen“. Die „sexuelle Neugier“ wird fast beiläufig erwähnt. Insgesamt wird eine „eher günstige Prognose“ gestellt. „… zumal er durchaus fähig ist, aus solchen Erfahrungen zu lernen.“ Eine Fehleinschätzung, die auch das Geric hat nicht erkennt?

Frank Knöll sitzt weiter in Untersuchungshaft, weil gegen das Urteil Revision eingelegt wird. In dieser Zeit melden sich Rübenacher Bürger: Die einen plädieren dafür, den Jungen aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Die anderen fordern eine Beschleunigung des Verfahrens. Ihre Argumente: Frank sei ein „Liebenswerter und hilfsbereiter Junge“, vor allem älteren Menschen gegenüber. Der Pastor ist überzeugt, daß Frank bei seiner Tat unter „überstarkem psychischen Druck“ gestanden habe. Auf keinen Fall sei er jemand, „vor dem die Gesellschaft geschützt werden müsse“. Nachbarn, Lehrer und Kirchengemeinde und eine Bürgerinitiative sammeln hunderte Unterschriften. Öffentlich steht heute niemand mehr gern zu seiner Fürsprache.

Der Revision wird stattgegeben, das Strafmaß bleibt. In der JVA Wittlich macht Frank seinen Hauptschulabschluß, im Mai ’87 wird er „bedingt“ entlassen – mehrere Verantwortliche haben eine „positive Sozialprognose“ gestellt. Dem Jungen wird ein Bewährungshelfer zugewiesen, der – so Weise – bei zahlreichen Hausbesuchen eine gute Entwicklung feststellt. Seine Aufgabe, das Selbstwertgefühl des Jungen zu steigern, scheint erreicht: Der Junge beendet seine Lehre, besteht den Führerschein, kauft sich ein Auto, baut sich im Haus der Eltern eine eigene Wohnung aus, wird in die Freiwillige Feuerwehr aufgenommen. Der Bewährungshelfer berichtet von Fortschritten, kann aber eine neue Straffälligkeit nicht ausschließen.

Am 12. Juli 1989 hält Frank Knöll mit seinem Auto an einem Spielplatz in Mülheim-Kärlich. Er lockt zwei neunjährige Mädchen an und versucht, sie ins Auto zu drängen. Die Kinder wehren sich und laufen weg. Knöll baut wenig später einen Unfall und wird festgenommen. Er bestreitet die ihm zur Last gelegte Tat des sexuellen Mißbrauchs. Der Richter verlängert seine Bewährungszeit bis Ende 1992 und ordnet gleichzeitig eine Sexual-Therapie in der Landesnervenklinik Andernach an. Die Kontakaufnahme sei noch am Tag des Beschlusses erfolgt, sagt der Bewährungshelfer. Dies sei geschehen „im Wissen, um wen es sich handelt“, und, „daß etwas gesche­hen muß“. Trotzdem kommt es nicht zu der Sexual-Therapie.

Knöll soll bei Dr. Traxler angemeldet werden, dem einzigen Sexual-Therapeuten der LNK. Der Diplom-Psychologe arbeitet – so Leitender Oberstaatsanwalt Weise – jedoch nicht nach der Delegations-Methode, also nicht mit einem Arzt zusammen. Folge: Die Krankenkasse zahlt diese Behandlung nicht, Knöll selbst kann es nicht. Er erhält die Adressen von anderen Therapeuten. Diesmal stehen terminliche Probleme im Weg. Über seinen Hausarzt gelangt Frank Knöll schließlich zu einem Nervenarzt, der seine Aufgabe allerdings „nur“ – so Weise – in sozialer Integration sieht. Der Bewährungshelfer: „Ich hatte nie den Eindruck, daß er sich nicht zuständig fühlt.“

Im Juni vergangenen Jahres bricht Frank Knöll die Therapie ab. Der Nervenarzt sagt, er habe den Bewährungshelfer darüber unterrichtet. Der räumt ein, mehrfach von Arzt und Praxis auf nicht eingehaltene Termine hingewiesen worden zu sein. Knöll sei deshalb von ihm eindringlich ermahnt worden. Im März '91 sei der letzte Anruf des Arztes erfolgt – Schlußfolgerung für den Bewährungshelfer: Es gibt keine Probleme mehr mit seinem Probanden. Zumal der auf entsprechende Fragen immer wieder antwortet, die Gespräche mit dem Arzt brächten ihn gut weiter.

Frank Knöll hält den Kontakt zu seinem Bewährungshelfer nur unregelmäßig, wird auf die Folgen hingewiesen. Der Bewährungshelfer gibt dem Jungen sogar seine Privatnummer, macht Hausbesuche an Samstagen. Frank habe sich mal gesprächsbereit gezeigt, sei aber oft auf Distanz gegangen. Das Thema Sexualität habe er entweder abgeblockt oder albern quittiert. Noch einen Tag vor seiner Festnahme nimmt Knöll telefonisch Kontakt mit seinem Bewährungshelfer auf, ein intensives Ge­spräch scheitert an anderen Terminen.

Gerade Frank Knöll gegenüber habe sich der Bewährungshelfer „korrekt, engagiert und verantwortungsbewußt“ verhalten, sagt Günter Stendebach, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Bewährungshelfer. Für das öffentliche Anzweifeln von Minister Caesar habe man deshalb kein Verständnis. Gefordert wird eine sachliche Diskussion ohne „offene und versteckte Schuldzuweisungen“.

Das Problem der Überlastung von Bewährungshelfern werde seit Jahren diskutiert, zumal Rheinland-Pfalz mit 77 Probanden pro Bewährungshelfer (im konkreten Fall 49 bei einer Halbtagsstelle) das Schlußlicht im Bundesgebiet sei. Aber, macht Stendebach deutlich, dieser Mißstand dürfe nicht als Ursache im Fall Knöll angeführt werden: „Selbst bei optimalen Bedingungen bleibt ein Restrisiko.“ Zur Zeit stehen im Bereich des Landgerichts Koblenz rund 80 Sexual-Straftäter in der Obhut von Bewährungshelfern.

Die Frage, ob eine Sexual-Therapie dem jungen Mann hätte helfen können, ob gar der Mord an Shari hätte vermieden werden können – niemand weiß die Antwort. Auch der Diplom-Psychologe Dr. Siegfried Traxler in der LNK nicht. Fest steht für ihn nur: „Es gibt gefährliche Menschen mit sexuellem Fehlverhalten. Die meisten Betroffenen sind es jedoch nicht.“

Fast immer könne von „Störungen in der frühen Kindheit“ ausgegangen werden. Die Erziehung sei meist prüde, die Angst vor sozialer Ächtung groß. Die betroffenen Menschen lassen sich nach Traxler in vier Gruppen aufteilen. Die beiden ersten (die „Bejahenden“ – wie Homosexuelle – sowie jene, bei denen „die Abweichung im Kopf klar ist“) seien strafrechtlich kein Problem. Anders stuft Traxler die „Abwehr-Gruppe“ und die „Verleugner“ (extreme Form der Abwehr) ein: „Hier kann es zu Straftaten kommen.“

Bei der Suche nach einem „Opfer“ gebe es sogenannte „Schlüsselreize“": Der Mann fährt an einen Platz, wo er attraktive Frauen sieht – ein Schwesternheim zum Bei- spiel. Allerdings, sagt der Diplom-Psychologe, sei ein Mord selten beabsichtigt und meist – unter Andro­hung der Öffentlichkeit – eine Verdeckungstat nach dem Motto: „Wegmachen“.

Eine nicht unbedeutende Rolle räumt Dr. Traxler der Pornographie – speziell mit Kindern – ein. „Beim Anblick der vorgelegten Pornos hat mir oft gegraust“, sagt er und wünscht sich „eine härtere Gangart gegen die Produzenten“. Weiterer Appell: „Der Sexualität muß in der Medizin ein höherer Stellenwert eingeräumt werden.“ Traxel sieht einen „klaren Mangel“ an Fachleuten in Kliniken, bei der Justiz und in Vollzugsanstalten. „Bewährungshelfer bleiben oft im Regen stehen.“ Nicht zuletzt: „Sexuelle Störungen sind als Krankheit anerkannt, deswegen darf eine Therapie nicht an den Kosten scheitern.“ Für eine Sitzung sieht die Gebührenordnung rund 110 Mark vor.

Was den Erfolg einer solchen Therapie betrifft, vertreten Sexual-Therapeuten unterschiedliche Auffassungen. Traxler sieht bei mehr als 50 Fällen, „daß sich etwas be­wegt“. Im Einzelfall hält Traxler eine „Sicherung“ einschließlich einer Therapie für notwendig. Durch den Mord an Shari verspricht er sich eine positive Diskussion im Sinne aller Beteiligten. „Trotzdem werden wir mit der Unsicherheit leben müssen.“

Der Mord an Shari: Skandal oder Restrisiko? Menschliches Versagen oder gesetzliche Lücken? Zu wenig Härte oder zu viel Liberalität bei der Justiz?

Schwerste Schuld hat der Täter auf sich geladen. Die Suche nach weiteren Schuldigen wird zur Suche nach Ursachen. Ist es das Elternhaus, die Schule, sind es die Nachbarn? Hätte der Gutachter schon 1985 eine Therapie empfohlen, hätte der Richter ein Versäumnis in dieser Hinsicht bemerkt... Warum spielte die sexuelle Auffäl­ligkeit in diesem ersten Prozeß fast keine Rolle?

Was aber nutzen Auflagen für die Bewährung – Therapie-Zwang –, wenn zwar die Begutachtung des Angeklagten bezahlt, seine Krankheit erkannt, die Kostenfrage der Behandlung aber nicht sofort im Verfahren geklärt wird. Knöll konnte nicht zahlen, ein anderer ergriff keine Initiative. Tödliche Ignoranz? Und was nutzen Auflagen, wenn sie unkontrolliert bleiben – aus welchen Gründen auch immer.

Die Tat des Täters ist – so brutal es klingen mag – auch die konsequente Fortsetzung dessen, was unsere Gesellschaft produziert, duldet und nur halbherzig verfolgt: Pornographie nicht nur mit Jugendlichen, sondern auch mit Kindern. Solange diese Gewalt als Lösung von Problemen gesät wird, darf man sich über die Ernte nicht wundern.

Bei allem Wenn und Aber – ein Restrisiko bleibt. Die Gesellschaft muß sich fragen, ob sie es will. Wenn ja, muß sie es tragen. Aber sie muß darauf vertrauen können, daß alles getan wird, um das Risiko so gering wie nur irgend möglich zu halten. Geschah das? Auf viele Fragen wird es keine Antwort geben. Nur Madeline hat ihre inzwischen gefunden: „Shari tot."

Rhein-Zeitung, 7. Juli 1992

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